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Die Schumann-Lied-Edition mit Christian Gerhaher und Gerold Huber Einblicke in die Studioproduktion

Von den Liedkomponisten überrage Robert Schumann alle, meint Bariton Christian Gerhaher. Gerade hat er zusammen mit Gerold Huber eine weitere CD für sein 2017 begonnenes Mammut-Projekt herausgegeben; Titel der CD: "Frage". Seinem Herzenswunsch kommt er damit ein Stück näher. Bis 2020 wollen die beiden Künstler gemeinsam mit BR-KLASSIK, Sony Classical und dem Internationalen Liedzentrum des Heidelberger Frühling das Großprojekt stemmen: eine Gesamtaufnahme aller Schumann-Lieder.

Sänger Christian Gerhaher bei Aufnahmen im Studio | Bildquelle: Bayerischer Rundfunk

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Audio-Kostprobe aus neuer CD anhören: Gerhaher singt "Die Fensterscheibe"

"Hobds des?" – "Jo, des bassd!" Der Ton im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks wirkt vertraut niederbayerisch-bodenständig. Denn sowohl die beiden Künstler unten im Saal – Christian Gerhaher und Gerold Huber – als auch die Tonmeisterin Michaela Wiesbeck oben in der Regie stammen aus Straubing. Bei Gerold hat Michaela früher sogar mal Klavierunterricht erhalten. Doch das ist lange her. Inzwischen begegnet man sich auf professioneller Augenhöhe, wenngleich die Kommunikation zwischen der Tonmeisterin und den beiden Künstlern, also zwischen Regieraum und Studio, vorrangig ohne Sichtkontakt läuft: Man verständigt sich über die Mikrofonanlage miteinander.

Gesamteinspielung aller Schumann-Lieder

Was sie vorhaben, ist nicht weniger als ein Mammutprojekt: "Robert Schumann – Alle Lieder", so heißt schlicht das Unternehmen, das Christian Gerhaher und Gerold Huber Anfang Januar 2017 gemeinsam mit BR-KLASSIK, SONY CLASSICAL und dem Internationalen Liedzentrum des Heidelberger Frühling begonnen haben. Bis Ende 2020 wollen die Künstler fast alle Lieder von Robert Schumann – es sind gut 300! – aufgenommen haben.

Den überwiegenden Teil davon wird Christian Gerhaher selbst singen. Für die Frauen-Lieder, Duette, Terzette und Ensemblestücke hat er von ihm besonders geschätzte Liedsängerinnen und einen Sänger gewonnen: Camilla Tilling, Julia Kleiter, Sybilla Rubens, Wiebke Lehmkuhl und Martin Mitterrutzner unterstützen die Edition musikalisch. Bis auf die perfekt deutsch sprechende Schwedin Camilla Tilling kommen alle Künstler aus dem deutschen Sprachraum – das sei der Garant für eine perfekte Diktion der Texte, die Christian Gerhaher besonders wichtig ist.

Noch zeitgemäßes Projekt?

Gerold Huber - Christian Gerhaher | Bildquelle: © Ansgar Klostermann Christian Gerhaher und Gerold Huber | Bildquelle: © Ansgar Klostermann Doch warum überhaupt ein solches Großprojekt, noch dazu heute, da die Musikindustrie immer mehr im Schwinden begriffen ist? Christian Gerhahers Antwort darauf fällt so einfach wie plausibel aus: Weil es ihm einer seiner absoluten Herzenswünsche ist! Herausragende Liedkomponisten gäbe es einige: Schubert, Brahms, Mahler oder Wolf, doch Schumann – so meint Christian Gerhaher – überrage sie alle. Er sei derjenige, der durch die Kombination der Gedichte und deren musikalische Umsetzung eine größere poetische Aussage erreiche, die über die Bedeutung des einzelnen Liedes hinausgehe.

Christian Gerhaher ist überzeugt davon, dass Schumann seine Opera zum Großteil als Zyklen, nicht als willkürliche Sammlung verstanden wissen wollte. Was bei der "Dichterliebe" auf der Hand liegt und sich beim Eichendorffschen "Liederkreis" auch ohne durchgehende Handlung vermittelt, gelte auch für die kleineren Liedeinheiten wie op. 49, op. 83 oder op. 40. Gerade beim op. 40 herrsche eine starke Dramaturgie im Sinne einer entsetzlichen Abwärtsspirale, so interpretiert Christian Gerhaher die fünf Lieder bzw. ihre Texte von Hans Christian Andersen.

"Lyrische Dramaturgie"

Diese "lyrische Dramaturgie", wie Christian Gerhaher es nennt, in einer Gesamtedition zu zeigen, ist die Hauptmotivation für das Großprojekt. Eine Aufgabe übrigens, die vor ihm nur zwei Künstler angegangen sind: In den sechziger Jahren der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau mit dem Pianisten Christoph Eschenbach und in den neunziger Jahren der Pianist Graham Johnson mit vielen verschiedenen Sängern.

Allerdings habe der von Gerhaher außerordentlich geschätzte und verehrte Fischer-Dieskau mit seinen sechs CDs längst nicht alle Lieder aufgenommen. Bei ihm fehlen beispielsweise die Frauen-Lieder und die Ensemblestücke, auch, wenn Gerhaher das musikalische Ergebnis als Fischer-Dieskaus schönste Aufnahmen bezeichnet; technisch und gestalterisch auf einer "schier unerreichbaren Höhe". Graham Johnsons Edition ist zwar vollständig. Aber durch die rein chronologische Anordnung der Lieder und auch durch die vielen beteiligten Sänger käme der zyklische Gedanke der Opera nicht zum Tragen, so Gerhaher.

Gesamtedition

Bis 2020 wollen Christian Gerhaher, Gerold Huber und ihre Mitstreiter alle Schumann-Lieder aufgenommen haben. Dabei werden sie auch auf zwei ältere Aufnahmen zurückgreifen: Die "Dichterliebe" aus dem Jahre 2004 und den "Liederkreis" op. 39 aus dem Jahr 2007. In einer 10-CD-Box soll die Gesamtedition 2020 bei SONY CLASSICAL erscheinen, unterstützt vom Internationalen Liedzentrum des Heidelberger Frühling. Als musikalischer Vorgeschmack erscheint am 16. November bereits das Album "Frage".

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