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Wilfried Hiller zum 75. Geburtstag "Komponieren ist für mich wie der Herzschlag"

Seit Jahrzehnten zieht er Alt und Jung mit Werken wie "Norbert Nackendick" oder dem Dauerbrenner "Das Traumfresserchen" in seinen Bann und ist einer der meistgespielten deutschen Bühnenkomponisten unserer Zeit: Wilfried Hiller. BR-KLASSIK gratuliert zu seinem 75. Geburtstag.

Wilfried Hiller | Bildquelle: Klaus Lipa

Bildquelle: Klaus Lipa

Das Geburtstagsporträt zum Anhören

Der Wahlmünchener Wilfried Hiller gehört zu den erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart, obwohl oder gerade weil er von Beginn an seinen eigenen Weg gegangen ist. Seine unverwechselbare Tonsprache ist eingängig und wird vom Publikum spontan verstanden.

Zu Studienzeiten eckte Hiller an, als er im Alter von 21 Jahren zu den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik kam und Vertreter der seriellen Musik wie Karlheinz Stockhausen oder Pierre Boulez  kennenlernte. Schnell merkte er, dass die damals weitverbreitete, vorwiegend intellektuell gesteuerte Art zu komponieren für ihn nicht in Frage kam. Für ihn klang das im Wesentlichen alles gleich, und er vermisste bei seinen avantgardistischen Kollegen allgemein die Individualität der musikalischen Aussage.

Kopf kontra Bauch

Er kam sich vor wie in einem "musikalischen Getto", dessen Anhänger jegliche Gefühle tabuisierten. "Musik durfte nicht schön sein, durfte nicht in den Bauch gehen und musste fast abstoßend sein, um anerkannt zu werden", so Hiller, der auch zu hören bekam: "Oh, dein Stück gefällt mir, also ist es mir schon suspekt." Es handelte sich dabei um Liebeslieder, die nach Lehrmeinung nicht mehr modern waren. Sein späterer Verleger riet ihm sogar davon ab, für Kinder zu komponieren, weil er damit Gefahr laufe, als Komponist nicht ernst genommen zu werden.

Ich finde, und das lehre ich auch meine Studenten, Musik ist die sinnlichste von allen Künsten. Dazu stehe ich wirklich bis zum letzten Atemzug.
(Wilfried Hiller)

Die Anfänge

Der im schwäbischen Weißenhorn geborene Wilfried Hiller führte mit fünf Jahren Märchen mit Handpuppen auf und formte sie in Gedichte um. Später kam er in die Klosterschule St. Stephan nach Augsburg. In dieser Umgebung fühlte er sich nicht wohl und zog sich bald immer mehr in die Musikzimmer zurück, wo er fleißig Geige, Bratsche und später auch Klavier und Orgel übte. Während seiner Schulzeit begann er "Die Räuber von Hiller" zu komponieren, ein Theaterstück mit Musik, zu dem er selber das Libretto schrieb. Er studierte am Augsburger Konservatorium Klavier und an der Münchner Musikhochschule neben Opernregie, Schlagzeug, Pauke und Musiktheorie auch Komposition bei Günter Bialas.

Wilfried Hiller: Lebens- und Bühnenbilder

Neugier auf Neues, Fremdes

Nachdem auch Bialas der Darmstädter Schule nahe stand, war Hiller dankbar, 1968 als Privatschüler an Carl Orff und damit in einen Strom entgegen dem Zeitgeist zu geraten. Orff arbeitete mit ihm zwölf Jahre intensiv zusammen und lehrte ihn, unbefangen mit allen Musikstilen umzugehen. Er öffnete seinem Schüler den Blick für Musik aus allen Richtungen - ob Miles Davis, die Comedian Harmonists, Don Ellis und dessen Bigbandmusik aber auch das japanische No-Theater, die Peking-Oper oder afrikanische Musik. Orff war der Ansicht, "dass ein Komponist wissen muss, was um ihn herum geschieht! Er muss aber auch wissen, ob das sein Weg ist oder nicht!". Wichtig für Hiller war außerdem der Kontakt zu Karl Amadeus Hartmann, den er kurz vor dessen Tode kennenlernte.

Märchen, Sagen und Mythen

Komponist Wilfried Hiller | Bildquelle: imago/Stefan M. Prager Wilfried Hiller am Schreibpult | Bildquelle: imago/Stefan M. Prager In erster Linie komponiert Hiller für die Bühne. Ihn inspiriert die Fantasie und Magie, die von den Stoffen ausgeht und in ihm Bilder auslöst. Für Kinder setzt er Fabeln und Märchen in Töne, für Erwachsene eher Sagen, geschichtliche sowie alttestamentarische Themen. Seine Bühnenmusik ist meist auf ganz bestimmte Personen zugeschnitten. So entstand für seine Frau, die 2013 verstorbene Schauspielerin Elisabet Woska, das Monodram "An diesem heutigen Tage" über die letzte Stunde der Maria Stuart vor der Hinrichtung, für den Tenor Lorenz Fehenberger das Monodram "Ijob", für den Klarinettisten Giora Feidman das Bühnenwerk "Der Rattenfänger" oder für den Bariton Bernd Weikl die Künstleroper "Wolkenstein".

Über seinen Erfolg

"Ich schreibe eigentlich nur für mich. Ich schreibe das, was ich für richtig halte. Und wenn es den Leuten gefällt, dann ist es wunderbar, wenn es ihnen nicht gefällt, dann kann man eben nichts machen. Ich habe natürlich schon sehr früh versucht, mich mit Musik für Kinder auseinanderzusetzen. Denn Kinder hören einfach ganz anders zu als Erwachsene. Entweder sie sind gebannt oder sie langweilen sich." (Wilfried Hiller)

Die Libretti zu seinen Werken für das Musiktheater sind besonders in den ersten Jahren durch Elisabet Woska geprägt. Mit dem Schriftsteller Michael Ende verband ihn bis zu dessen Tod 1995 eine jahrelange intensive Arbeitsgemeinschaft und Freundschaft. Mit ihm realisierte er Werke wie die bayerische Mär "Der Goggolori", "Das Traumfresserchen" oder "Der Rattenfänger". Später erarbeitete er mit Herbert Asmodi "Die Geschichte vom kleinen blauen Bergsee und dem alten Adler" und mit Rudolf Herfurther "Eduard auf dem Seil", "Die Waldkinder" und "Pinocchio". Weitere literarische Vorlagen fand er bei Theodor Storm, Christian Morgenstern oder Wilhelm Busch. Aber auch Kammermusik, Solokonzerte, Chor- und Orchesterwerke gehören zu seinem umfangreichen Schaffen. Zu Hillers aktuellen Werken zählt die Schauspielmusik "Das Salzburger Spiel vom verlorenen Sohn" und das im Dezember 2015 uraufgeführte Musiktheaterstück "Eine Geschichte sucht ihren Autor" nach Tankred Dorst.

Kreativ in anderen Bereichen

Das Komponieren konnte Wilfried Hiller stets mit anderen Tätigkeiten vereinbaren: Ab 1971 war er 35 Jahre lang Musikredakteur beim Bayerischen Rundfunk und stellte in dieser Zeit rund 21.000 Sendungen zusammen. 1968 gründete er die Konzertreihe "musik unserer zeit", woraus später die von ihm betreuten legendären "Münchner Musiknächte" hervorgingen.

Verantwortungsvolle Aufgaben übernahm er auch als Kompositionslehrer am Richard-Strauss-Konservatorium in München oder als Präsident des Bayerischen Musikrats seit 2005. Er unterhält eine umfangreiche Homepage.

Am 15. März feierte Wilfried Hiller seinen 75. Geburtstag. Auch in Zukunft wird es Musik von ihm geben. Denn Komponieren, sagt er, ist für ihn wie der Herzschlag.

Wilfried Hiller – Termine

"Der Sohn des Zimmermanns"
Oratorium
Samstag, 26. März 2016
19:05 Uhr auf BR-KLASSIK

"Ophelia"
Erotische Visionen nach Motiven von Hector Berlioz
12. Juni 2016, 11:0 Uhr
Freiburg - Theater, Winterer-Foyer

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