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BR-Klassik vergibt 2020/2021 einen Operetten-Frosch Der Frosch geht an die Bayerische Staatsoper München für "Schön ist die Welt"

BR-KLASSIK gratuliert der Bayerischen Staatsoper, dem Regieteam und allen Mitwirkenden zu großem Operettenmut in besonders schwierigen Theaterzeiten!

Steckbrief

"Schon ist die Welt" von Franz Lehar in der Bayerischen Staatsoper München - inszeniert von Tobias Ribitzki

Los geht´s …  
…mit Ladehemmungen des Computers! Schrecksekunden später sieht man den Schauspieler Max Hopp auf einem bequemen Sessel sitzen und konferieren. Vor sich ein Tischchen mit einer Kanne Tee. Der Zuschauer kann sich derweil - wie im Blog der Staatsoper empfohlen - am vorgekühlten Champagner und kleinen Häppchen laben.

Überraschung:  
Max Hopp kann auch singen und macht davon ausgiebig Gebrauch, besonders im Duett mit Eliza Boom, die ihrer Rolle als alternde Herzogin Marie Würde und Charme verleiht. Wie überhaupt die Mitglieder des Opernstudios nicht nur stimmlich bella figura machen, besonders das Buffopaar: Juliana Zara als rassige Revuetänzerin Mercedes del Rossa und Manuel Günther als frecher Flügeladjutant Karlowitsch turteln allerliebst und legen sogar manch heiße Sohle aufs Bühnenparkett.

Urkunde "Schön ist die Welt" von Franz Lehár an die Bayerische Staatsoper  | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Verblüffend:            
Wie gut dieser mit heißer Nadel entstandene Livestream funktioniert. Denn bis auf die Kameraeinstellungen wird ausschließlich mit Theatermitteln gearbeitet: eine leere Bühne, ein sichtbares Orchester, Sänger in einfachen Kostümen, Kronleuchter aus dem Schnürboden, Glühbirnchen-Sternenhimmel und ein imposanter Bergprospekt. Das funktioniert aber nur, weil Max Hopp als Erzähler, Conferencier, König und Hoteldirektor mit diesen Theatermitteln so virtuos spielt, so dass die Phantasie des Zuschauers aufs prickelndste angeregt wird.

Herausragend:           
Wie dank der geschickt zurückhaltenden Regie mit wenigen Mitteln Operettenzauber verbreitet wurde. Die Bühne ist nur sparsam möbliert, das Orchester hingegen üppig besetzt. Es nimmt fast die ganze Bühne ein - als lebendig-bewegter Hintergrund, als klingende Kulisse. Das Orchester spielt mit und trägt unter Friedrich Haiders sanfter Führung die Sänger durch Lehárs bisweilen gewaltig aufbrausende Partitur. So können Julia Kleiter und Sebastian Kohlhepp als eigenwilliges Prinzenpaar selbst in ihrem durchkomponierten großen Liebesduett im zweiten Akt noch jene Intimität herstellen, die eine solche Bergromanze erfordert. Nur die Kamera hätte manchmal mehr Diskretionsabstand wahren können. Dann hätte man mehr vom wirklich prächtigen Bergpanorama gesehen.

Aha-Effekt:                           
Wenn es im zweiten Akt brenzlig wird und Lehárs Orchester wagnerianisch dräut, erscheint Max Hopp mit einem Eimer, versorgt das verängstigte Liebespaar mit Rucksäcken, beschneit sie mit Konfetti, fächelt als Windmaschine, und schüttelt die beiden als Lawine tüchtig durch. Jetzt erst sind sie für die kommenden Liebesstürme gerüstet.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Dass die Bayerische Staatsoper Lehár spielt, ist schon mutig genug, dass Sie eine Rarität wie "Schön ist die Welt" ausgräbt, umso mehr. Eine neue Farbe im Spielplan, auch wenn es im Rahmen einer halb szenisch, halb konzertanten Form geschieht. Wie man die zeitgemäß bedient, hat Barry Kosky an der Komischen Oper gezeigt. Und so hat die Bayerische Staatsoper von dort nicht nur dieses Format übernommen, sondern auch den Schauspielvirtuosen Max Hopp. Er spricht dabei eigene Texte, die das Pathos von Lehárs Spätwerk durch sanfte Ironie retten. Dank Hopps Hilfe und hauseigener musikalischer Kompetenz hat dieses Montagsstück der Bayerischen Staatsoper Lehárs gewagtem Hybrid von Tristan und Tango endlich zu seinem Recht verholfen.

Sei kein Frosch, küss ihn:    
Das Team vom BR-Klassik-Operetten-Boulevard ist begeistert und gratuliert der Bayerischen Staatsoper, dem Regieteam und allen Mitwirkenden zu großem Operettenmut in besonders schwierigen Theaterzeiten!

Inszenierung und Fassung: Tobias Ribitzki
Musikalische Leitung: Friedrich Haider
Licht: Christian Kass
Moderationstexte: Max Hopp

Hinweis:

Vom 20. Januar bis 20. Februar 2021 steht die Aufzeichnung als Video-on-Demand bei der Bayerischen Staatsoper zur Verfügung.

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