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BR-Klassik vergibt 2021/22 einen Operetten-Frosch Der Frosch geht an die Oper Graz für "Clivia"

BR-KLASSIK gratuliert der Oper Graz, dem Regieteam und allen Mitwirkenden zu großem Operettenmut.

Steckbrief

"Clivia“ von Nico Dostal an die Oper - inszeniert von Frank Hilbrich

Los geht´s....
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furios - im altertümlich bemalten Bühnenvorhang öffnet sich ein Fenster und wir sehen den Vorspann eines Goucho-Western, erst in Schwarzweiß, dann in Farbe: ein wilder Ritt um eine entführte Frau, der schließlich auf der Bühne endet und abrupt vom Regisseur unterbrochen wird. Die Pampa der Filmkulisse verschwindet, das Gras wird wegezogen, die Kakteen gehen ab. Zurück bleibt eine kahle Brandmauer. Ein virtuoses Spiel mit Illusionen und ein gelungener Einstieg in eine Operette, in der es genau darum geht: um Schein und Sein.

Verblüffend:
Wie geschickt die Inszenierung zwischen gestern und heute, zwischen Scheinwelt und Realität changiert. So ist Clivias Auftritt mit Treppe, Pfauenradkulisse und Federmantel ganz große Revue. Doch kaum verklingt der Applaus, verschwindet die Kulisse und sie steht allein im leeren Studio. Hilbrich zitiert zwar ausgiebig die Filmwelt der 30er Jahre, den Ausstattungspomp von Revue und Operette, zeigt aber dennoch ganz und gar heutige Figuren, mit allen ihren emotionalen und politischen Konflikten. So ist die Titelfigur Clivia, mal 30er-Jahre-Vamp, mal eine pragmatische, moderne Frau, erscheint bei jedem Auftritt in einem neuen Outfit, aber immer in Weiß. Kostümbildnerin Gabriele Rupprecht mischt Nostalgisches mit Modernem, steckt Markus Butter als Trump-Wiedergänger H.W. Potterton in einen coolen Trainingsanzug mit Basecap oder die Filmcrew in für das Gewerbe typische Alltagsklamotten, die wunderbar zu den skurrilen Kaktuskostümen der Komparsen kontrastieren.

Überraschung:
Die Ansage der Intendantin Nora Schmidt nach der Pause, dass Tenor Matthias Koziorowski während der Vorstellung die Achillessehne gerissen ist. Sein großartiger Auftritt zuvor - im Goucho-Kostüm und mit Hinkebein - war also keine Regieidee, sondern Folge seines Unfalls. Trotzdem hat Koziorowski die Vorstellung noch zu Ende gespielt und sich vom Regieassistenten doubeln lassen. Der hat dann für ihn getanzt, geseufzt und geküsst, während er danebenstand und sang. Mehr als eine Notlösung.

Operettenpreis für "Clivia" an die Oper Graz | Bildquelle: © BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: © BR-Klassik Operetten-Boulevard

Herausragend:
Das Spiel zwischen den verschiedenen Ebenen der Handlung: Film und Dreharbeiten, Politkrimi und Operettenfest. Im Fokus auch hier Clivia. Sieglinde Feldhofer füllt die Divenrolle nicht nur stimmlich aus. Wie sie sich von der launischen Filmdiva in eine liebende Frau verwandelt, ist eine echte schauspielerische Leistung. Gerade weil selbst dann noch offenbleibt, ob es einer Meisterin der Manipulation von Gefühlen wie ihr gelingen kann, diese auch wirklich zuzulassen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei ein Requisit: das Mikrophon. Es wird zu ihrem eigentlichen Partner. Jedes Lied wird so zur Pose, jedes Gefühl ausgestellt – „Alles Schwindel, Schwindel – Film!“ Selbst ihr erstes Liebesduetts mit dem scheinbar unbedarften Goucho Juan wird für sie zum Spiel. Seine Weigerung, diesen Schwindel mitzumachen, nützt ihm wenig. Clivia schaltet den Scheinwerfer ein und macht ihn so zu ihrem Partner, als wären sie bei einer Probeaufnahme für einen Gesangsfilm. Als abgebrühter Profi gibt sie ihm genaue Anweisungen, wie er zu singen hat, welche Posen er dabei einnehmen soll und mit welchem Ausdruck er ihr vorspielen soll - eine wunderbare Verwirrung echter und falscher Gefühle, Operette pur.

Aha-Effekt:
Wenn die kahle Brandmauer aufbricht und die Amazonen mit einer grandios-schrägen Gewehr-Choreographie von Beate Vollack auftreten. Denn diese Mauer markiert zugleich auch die Grenze nach Boliguay - ein einfaches Theaterzeichen mit doppelter Bedeutung. Schließlich dominiert sie nach Verschwinden des ganzen Kulissenzaubers Volker Thieles Bühne und bildet so den denkbar größten Kontrast zur opulenten Revue-Ästhetik der Filmsequenzen - und den nüchterner Hintergrund für ein raffiniertes Spiel mit Bildern, ihrer Herstellung und ihrer Manipulation.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Nicht nur das Konzept eines zweideutigen Spiels von Schein und Sein, von gestern und heute macht diese Inszenierung zeitgemäß, auch viele Details setzen aktuelle und amüsante Schlaglichter. So der Auftritt der Verschwörer "in Maskerade" – nämlich viel zu engen Frauenkleidern als „Bienen auf den Rosinen“. Oder die Metamorphosen des großartigen Komödianten Ivan Oreschtschanin als Reporter Lelio Down, der sich ebenfalls als Frau verkleidet bei den Amazonen einschleicht und mit deren Chefin Anna Brull ein groteskes Tanzpaar abgibt. Oder Gerald Pichowetz als Wiener Kasulke, der mit seinem Kaisermühlenblues dessen Berliner Vergangenheit vergessen lässt. Nicht zu vergessen Marius Burkert und die Grazer Philharmoniker. Sie entfesseln zum turbulenten Bühnengeschehen ein musikalisches Feuerwerk, das Dostals instrumentale Effekte wunderbar zur Geltung bringt. Eine scharfe Prise Abraham, aber auch ein zarter Hauch Lehár in den vielen lyrischen Momenten, in denen die Sänger sich verströmen können, allen voran Sieglinde Feldhofer.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Das Team vom BR-Klassik Operettenboulevard ist begeistert und gratuliert der Oper Graz, dem Regieteam und allen Mitwirkenden zu großem Operettenmut!

Inszenierung: Frank Hilbrich
Musikalische Leitung:
Marius Burkert
Bühne:
Volker Thiele
Kostüme:
Gabriele Rupprecht
Choreographie:
Beate Vollack

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