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BR-Klassik vergibt 2021/22 einen Operetten-Frosch Der Frosch geht an das Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz für "Der reichste Mann der Welt"

BR-KLASSIK gratuliert dem Eduard-von-Winterstein-Theater, dem Regieteam und allen Mitwirkenden zu großem Operettenmut in besonders schwierigen Theaterzeiten!

Steckbrief

"Der reichste Mann der Welt" von Ralph Benatzky im Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz - inszeniert von Christian von Götz

Los geht´s
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mit einer Art Kasperl-Theater hinterm Brechtvorhang, in dem alle Figuren des Stücks eingeführt werden, begleitet von einem singenden Männerquartett. Sichtbar sind nur die Oberkörper und die weißgeschminkten Gesichter, skurrile Kostüme und ausgestellte Bewegungen. Das erinnert gleichermaßen an Vaudeville und Stummfilm wie an den Struwwelpeter und Herbert Fritsch - und trifft damit genau die richtige Stilmischung für Benatzkys ironisches "Stück mit Musik".

Ahaa-Effekt:
Als dann der Brechtvorhang fällt, die rotiert Drehbühne und wirbelt das Personal wild durcheinander. Dazu blinkt die Lichterkette! Die Bühne macht also etwas her und besteht aus einem kunterbunten Aufbau, der aussieht wie eine riesige Hutschachtel mit ganz vielen Türen. Und so geht es - Tür auf, Tür zu - in rasantem Komödientempo durch die Dutzendgeschichte von der durchgebrannten Braut, die vor der arrangierten Verlobung flieht und dann doch in den Armen des besagten Bräutigams landet. Doch wie schon Benatzky mit seinen klischeehaften Versatzstücken ironisch spielt, setzt die Inszenierung noch einen drauf und parodiert sie durch eine sehr körperbetonte, gestische Spielweise. Alle Figuren bewegen sich puppenhaft stilisiert in diesem abstrakten und doch sehr sinnlichen Bühnenbild, das von einem Lichterglanz wie ein Heiligenschein gekrönt wird. Brecht hätte seine Freude dran, Benatzky sowieso!

Operettenpreis an das Eduard-von-Winterstein-Theater für "Der reichste Mann der Welt"  | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Verblüffend:
Wie das Ensemble diese ungewohnte Darstellungsform bewältigt. Vom erwähnten Männerquartett, das sich kommentierend durchs Stück zieht, bis zu den vielen herrlichen Chargenrollen der buckligen Verwandtschaft stimmt hier alles: der schwäbelnde Kammersänger-Schwiegervater von Leander de Marel, der Turban tragende Schlafwagenkondukteur von Christian Wincierz oder der stets an einer Liane schwingende Millionär von Jason-Nandor Tomory - allesamt mehr oder weniger Sprechrollen!

Mitreissend:
Wie sich Madelaine Vogt und Richard Glöckner als Ilka und Schorsch durch das rasante Quid pro quo des Stücks singen, immer in grotesker Bewegung und voller Inbrunst. Während Vogt das Paprikamädel temperamentvoll bedient, liefert Glöckner ein wahres Virtuosenstück Wiener Schmähs: in rosafarbenem Anzug, roten Bäckchen und knallblonder Schlagersänger-Perücke. An die fasst er sich ab und zu mit den Fingerspitzen - dann macht es bling! Dazu spricht er ein solch verblödetes Wienerisch, dass Graf Bobby die Ohren schlackern würden, bewegt sich wie ein Schlangenmensch, legt dazu eine wunderbare spanische Travestie-Nummer hin und hat noch dazu einen schönen Tenor.

Erstaunlich:
Wie in Annaberg Operette auf hohem Niveau gemacht wird: mit jungen Sängern, einem gestandenen Ensemble und einem kleinen Orchester, das in der eigens neu instrumentierten Fassung von Wolfgang Böhmer, seine solistischen Fähigkeiten zeigt und von Jens Georg Bachmann stilsicher und in engem Kontakt zum Bühnengeschehen geleitet wird. Mutig war nicht nur die Auswahl dieses längst vergessenen Stücks von 1936, sondern auch dessen Kontextualisierung, wenn am Ende daran erinnert wird, wie es den meisten Operettenkünstlern im Dritten Reich erging. Und trotzdem siegt schließlich die Vitalität der Operette als Utopie eines noch immer einzulösenden Happy-Ends.

Sei kein Frosch, küss ihn: Das Team vom BR-Klassik Operettenboulevard ist begeistert und gratuliert dem Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz zu großem Operettenmut!

Inszenierung und Ausstattung: Christian von Götz
Musikalische Leitung: Jens Georg Bachmann
Choreographie: Leszek Kuligowski

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