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BR-Klassik vergibt im April zwei Frösche "Alles Schwindel " an das Maxim-Gorki-Theater Berlin

Den zweiten Frosch erhält das Maxim-Gorki-Theater Berlin für "Alles Schwindel".

"Alles Schwindel", Maxim Gorki Theater Berlin (Premiere am 17.12.) | Bildquelle: © Esra Rotthoff

Bildquelle: © Esra Rotthoff

Die FROSCH-Begründung

"Man wird schwindlig von dem Schwindel!“

"Alles Schwindel". Der Doppelsinn des Titels trifft auch auf den der Inszenierung zu. Zum einen: Theater - an sich schon Schwindel genug - wird hier in seinen Mitteln so ausgestellt, dass es ein Vergnügen ist. Zum anderen: die Rasanz der Aufführung macht den Zuschauer schwindel-ig - und rätseln, wie die Schauspieler das hinbekommen und durchhalten...

Zum Schwindel Nummer 1, dem Theater-Schwindel: Mit Projektionen von expressionistischen und neusachlichen Gemälden und Graphiken wird das Berlin der 1920er Jahre auf die Bühne gezaubert. In deren Mitte spuckt eine riesige Kameralinse bizarre Volkstheaterfiguren aus, jede typisiert durch dicke Schminke, stramme Schnurrbärte und phantastische Kostüme der Mode der Zeit. Zwei-dimensional, wie die projizierten Gemälde, ist die Welt dieser Figuren. Sie spielen Saxophone aus Pappe, kommunizieren mit singenden Kaffeekannen und tanzenden Ketchup-Flaschen. Das ist praller Berliner Bühnen Schwindel.,

Zum Schwindel Nummer 2, dem Schwindel, die den Zuschauer angesichts einer schwindelerregend rasanten Inszenierung erfasst: Regisseur Christian Weise geht von Anfang an in medias res. Er zeigt das Tempo der Zeit (das für die 1920er typisch wurde) als Movens der absurd-kolportagehaften Handlung. Alles ist überdreht: die Geschichte, die Songs, die Figuren –  alles scharf gezeichnete, ausgestellte Typen, jede mit eigener übertriebener Motorik, Gestik, vom Choreographen Allen Barnes virtuos in Bewegung versetzt.

Frosch-Bild 2018 | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Vor allem die jungen Hauptdarsteller Vidina Popov und Jonas Dassler leisten Erstaunliches an Körperakrobatik. Sie singen und tanzen, als hätten sienie etwas anderes anderes gemacht und reißen das ganze Ensemble zu Höchstleistungen mit. Wie Joans Dassler agiert (? sonst zweimal leistet), erinnert an Donald O' Connor mit "Make 'em laugh" in Singin' in The Rain. Auch Dassler kann Wände hinauflaufen und Saltos schlagen und ist der lebende Beweis dafür, dass mehr Schauspieler solche Stücke zwischen Revue und Operette spielen sollten.

Denn das ganze Ensemble kann auch singen. Doppelbödig, wie es sich für Spolianskys Lieder gehört, weil der ironische Text von Marcellus Schiffer so endlich einmal zur Geltung kommt - als gleichwertiger Partner einer Musik, die immer auch ein Kommentar ist. Die nimmt sich zurück. Wie auch die kammermusikalischen Arrangements für die im Boden versenkte Minicombo skurriler Melonenträger: Der Pianist Falk Effenberger, Kontrabassist Steffen Illner und Schlagzeuger Jens Dohle sind voll ins Geschehen integriert und schwindeln irrwitzig mit.

"Alles Schwindel" - nach 86 Jahren wiederentdeckt und gekonnt ins heutige Berlin geschossen- einfach schwindelerregend! Das mit Schauspielern zu machen, ist wahrerer Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Alles Schwindel“ von Mischa Spoliansky im Maxim Gorki-Theater Berlin. Regie: Christian Weise

Los geht's…
… mit einer gesungenen Kontaktanzeige: "Junger dunkler Herrn sucht Anschluss möglichst an Blondine". Damit ist alles gesagt für die folgende Liebesgeschichte von Evelyne Hill und Tonio Hendricks – alias Erna Schmidt und Artur Henschke, ein sich und andere beschwindelndes Hochstapler (?) / Tiefstapler (?) -Pärchen.

Überraschung:
Dass plötzlich die Bäume anfangen zu tanzen und zu singen. Dass überhaupt alle Gegenstände in Bewegung geraten, riesige Likörflaschen Diener machen - und so sinnfällig wird, wie sehr die Welt aus den Fugen ist.

Größter Lacher:
Gelten den zahlreichen skurrilen Typen wie dem Detektiv mit seinem imaginären Hund oder der puppenhaften Ratten-Else mit ihrem zweidimensionalen Saxophon.

Gelungenste Szene:
Die rasante Autopartie mit einem Rolls-Royce aus Sperrholz. Evelynes Haare wehen horizontal hingegelt. Auf der Leinwand im Hintergrund saust eine gemalte Landstraße vorbei, die Reifen legen sich manuell schräg, bis das Auto auf einen lebenden Baum knallt und sich die Farben auf der Leinwand drehen, der Wagen unter Geschepper auseinanderfällt und die Reifen davonfliegen.

Verblüffend:
Die Rasanz, mit der Figuren, Requisiten und der ganze Raum in Bewegung versetzt wird. Da kleben Tische vertikal an der Wand, fliegen Requisiten durch die Gegend, steppen die Schauspieler in einer schwindelerregenden Revue. Das hat genau das Tempo, das diese wilde Kolportagehandlung braucht.

Herausragend:
Wie die scherenschnittartige Ästhetik der zweidimensionalen Ausstattung von Julia Oschatz die Schauspieler zu zweidimensionalen Kunstfiguren macht. Im Bühnenhintergrund ist das riesige Rund einer Linse zu sehen. Wenn sie sich öffnet, ist das Berlin der 1920er Jahre zu sehen: ein schrilles Kunst-Berlin im Stil der neuen Sachlichkeit, voller Zille-Figuren, grell weiß geschminkt wie Stummfilmschauspieler, zum Teil in Fat-Suits, zum Teil in ausgeschnittenen Kostümen, die grotesk virtuos mit schwarz-weiß bemalten Papp-Requisiten hantieren. Eine Comic-Ästhetik, die mit der Musik verschmilzt.

Aha Effekt:
Dass Spoliansky auch heute noch bei Schauspielern am besten aufgehoben ist und auch ohne große Gesangsleistungen funktioniert.

Berührend:
Wie Jonas Dassler als Tonio Hendricks, alias Artur Henschke schließlich am - von ihm selbst entfesselten - Berliner Schwindel verzweifelt.

Mutig, neu, zeitgemäß:
"Alles Schwindel" mit Schauspielern zu besetzen, ist mutig. Spolianskys und Schiffers Vorlage trifft Tempo und Überdrehtheit des heutigen Berlin genauso wie 1931. Die Scheinhaftigkeit der Verhältnisse stempeln alles zum Schwindel, ob in der Gesellschaft oder der Liebe. Das ist zeitgemäß und für ein Zwischengenre wir die Revueoperette neu.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert dem Intendanten, dem Regieteam, und allen Ausführenden zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Christian Weise
Musikalische Leitung: Jens Dohle
Bühne: Julia Oschatz
Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Frank Schönwald 
Choreographie: Allen Barnes

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