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Der September-Operetten-Frosch 2016 "Axel an der Himmelstür" - Volksoper Wien

Eine alte, eigentlich nur skizzierte Operette mit losen Enden; mit Figuren, die nicht wirklich lebendig wirken - und mit nur grob gewebten Handlungssträngen: so ein Werk will wohl niemand richtig gerne auf die Bühne bringen. Es sei denn, er ist mutig und unglaublich kreativ. In Wien schaffte Peter Lund das Unmögliche: Er schuf aus der Skizze eine neue Operette und erzählte sie als und im Schwarzweiß-Film mit modernster Computer-Technik. Ein Multi-Media-Lehrstück.

"Das ist Hollywood! Das ist bigger than live!". Axel an der Himmelstür spielt in Hollywoodland und erzählt von einem Filmstar, einer Diva, und einem Reporter auf der Suche nach der Story für den Durchbruch. Sie gibt keine Interviews, er ist ein kreativer Kopf. Natürlich sind die beiden füreinander bestimmt. Und während sie sich umkreisen, kommen auch andere Menschen in diese Bahn und finden zu ihrem Finale.

Theater mit Film und Animation

Axel an der Himmelstür  - Volksoper Wien | Bildquelle: Barbara Pálffy Bildquelle: Barbara Pálffy Regisseur Peter Lund hat sich vom Ausruf des Axel inspirieren lassen. Lund stellt ein Stück auf die Bretter der Volksoper - bigger than live. Denn es ist Theater potenziert durch Film und Computeranimation, realisiert durch Andreas Ivo Ivancsics. Die Medien sind dabei so miteinander verbunden und ineinander verzahnt, dass sie verschmelzen und kaum noch zu unterscheiden sind. Da malen die Akteure auf eine weiße Leinwand Striche, die zu Bildern werden.

Und diese Bilder lernen buchstäblich zu laufen und werden zu Filmen. Da sind die Sänger auf einmal weg von der Bühne und drin im Film. Da ist der Schwarz-Weiß-Streifen Teil der schwarz-weißen Ausstattung - und diese Teil von ihm. Gestern und heute, altmodische Operette und modernes Computerspiel fließen ineinander, brechen sich gegenseitig, verleugnen sich nicht, öffnen aber Horizonte.

Emotionale Höhen und Tiefen

In diesem "Bühnenbild" agiert ein Ensemble, das bis in jede Nebenrolle hinein stimmig ist. Fünf "Hollywood Harmonists" begleiten das Stück als immer wieder neue Personen und als kleiner Chor, ein Buffo-Paar ergänzt die Hauptfiguren wie es sich gehört durch ein kontrastreiches Eigenleben. Das Hauptpaar windet sich durch emotionale Höhen und Tiefen - allerdings immer gebrochen durch ein komisches Moment.

Andreas Bieber als Titelfigur singt, tanzt und spielt von der ersten bis zur letzten Sekunde mit großer Intensität. Und Bettina Mönch ist als exzentrische Hollywood-Göttin ebenso perfekt wie als verzweifelte Frau und komische Egomanin. Dass sie wunderschön aussieht, ist fast nebensächlich angesichts ihrer unglaublichen Präsenz und gut geführten, Kraft ausstrahlenden Stimme. Diese Gloria Mills überstrahlt alles und bringt den eigentlichen Hauch Hollywoods in das Stück.

Peter Lund zeichnet ein wunderbares Ganzes

Axel an der Himmelstür - Volksoper Wien | Bildquelle: Barbara Pálffy Bildquelle: Barbara Pálffy Was Regisseur Peter Lund und sein Ausstattungsteam da gezaubert haben, ist ein wunderbares Ganzes - musikalisch ermöglicht aber hat es erst Kai Titje mit seiner Bearbeitung des Stücks: aus einer ursprünglich kleinen Besetzung hat er ein Arrangement genau passend auf das Volksopernorchester und die Musicalbesetzung geschrieben. Ja, eine Musicalbesetzung, die wie das gesamte Regiekonstrukt weit über die Grenzen von Operette hinausweist und deshalb auch passgenau sitzt.

Das Orchester der Volksoper Wien spielt unter der Leitung von Lorenz C. Aichner nach einer kleinen Lautstärke-Phase harmonisch und schwungvoll, zugleich mit großer Erfahrung im Zusammenspiel von Wort und Musik.

Das Fazit des Operetten-Boulevard-Teams

Ein künstlerischer Wurf aus einem Guss! Besonderes Lob für Operettenmut, für gekonnte Erneuerung und den gleichzeitigen Blick zurück mit Blick voraus. Frosch erfolgreich geküsst!

Steckbrief

"Axel an der Himmelstür“ von Ralph Benatzky an der Volksoper Wien in der Inszenierung von Peter Lund

Los geht's  
...in schwarz-weiß, mit einem Hollywood-Filmausschnitt à la Greta Garbo. Nur dass Greta Garbo gleich auf die Bühne kommt und Gloria Mills heißt. Bettina Mönch spielt diesen Filmstar und Menschen gleichzeitig großartig, anrührend und komisch.

Überraschung: 
Das Bühnenbild ist eine weiße Leinwand. Und erst mit Pinsel und schwarzer Farbe entstehen Bilder und Räume. Sie haben ein Eigenleben. Mal werden sie zum Schwarz-Weiß-Film, mal zum Schwarz-Weiß-Foto und mal zum computeranimierten 3-D-Bild, mit dem die Figuren verschmelzen. Was ist jetzt Film? Was Theater?

Größter Lacher:
Während Gloria Mills und Reporter Axel Swift sich näher kommen, vergnügt sich ein Liebespaar im ersten Stock im Schlafzimmer und laufen (immer mehr) Diebe durch die Flure - alle immer knapp aneinander vorbei.

Gelungenste Szene:

Wieso ist Axel eigentlich an einer Himmelstür? Wenn der Reporter endlich durch das Einfahrtstor zur Villa seines Stars tritt, geht er durch Wolken - eben zur Himmelstür.

Verblüffend:          
Eine Operette, die ursprünglich eher eine Ansammlung von Ideen war, ist hier zu Ende erzählt. Alle Figuren erleben ihr eigenes und angemessenes Finale. Auch das im Original vernachlässigte Buffo-Paar darf einem Happy-End entgegen gehen, während etwa der Butler wegen Verkaufs von Devotionalien im Gefängnis landet.

Herausragend:   

Bettina Mönch als Gloria Mills überstrahlt alles und jeden. Ihr Partner ist ein quirliger Wadenbeißer mit Charme und Herz. Andreas Bieber spielt diesen Mann bis zur letzten Sekunde mit leidenschaftlicher Präsenz, unterstützt von einem hervorragend besetzten Ensemble.

Aha Effekt:   
Lebendiges Theater im Schwarz-Weiß-Film - das geht!

Berührend:        
Gloria Mills ist enttäuscht vom Leben. Sie will sich erschießen. Will sie wirklich? Oder spielt sie nur? Das Publikum ist hin- und hergerissen.

Entstaubt und zeitgemäß
… ist, dass diese Operette von 1936 (damals mit Zarah Leander) so auf die Bühne gestellt ist, dass der alte Stoff zwar erkennbar und erlebbar, zugleich aber auch aus einer heutigen Distanz zu verstehen ist.  

Mutig, anders, neu:
Der Regisseur war "not amused" als ihm Axel vor der Himmelstür angeboten wurde. Zu unfertig fand er das Stück. Sich trotzdem darauf einzulassen, war mutig. Daraus einen künstlerisch völlig neuen Plot zu entwickeln, war eine dramaturgische Herausforderung. Ihn dann mit den modernsten medialen Möglichkeiten zu verknüpfen, ist anders als sonst an der Volksoper üblich. Und neu ist es, Operette mit heutigen Mitteln bis hin zum Richtung Musical zu erzählen und trotzdem ihren Charme nicht zu verleugnen.

Sei kein Frosch, küss ihn:        
Prinzessin I. und V. vom Operettenboulevard sind überzeugt und gratulieren dem Intendanten - und auch dem Ensemble - zum Operettenmut.


Dirigent: Lorenz C. Aichner
Regie: Peter Lund
Bühnenbild: Sam Madwar
Kostüme: Daria Kornysheva
Choreographie: Andrea Heil
Dramaturgie: Helene Sommer und Christoph Wagner-Trenkwitz
Gloria Mills, Filmstar: Bettina Mönch
Axel Swift, Reporter: Andreas Bieber
Jessie Leyland, Sekretärin: Johanna Arrouas
Theodor Herlinger, Friseur: Boris Eder
Cecil McScott, Filmproduzent: Kurt Schreibmayer

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