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BR-Klassik vergibt den Dezember-Frosch Nr. 2 "Die Csárdásfürstin" - Mainfranken Theater Würzburg

Ruinen statt Glanz und Glitter, Schwarzmarkt statt K.u.K.-Prunk. Diese tragische Liebesgeschichte zwischen Kriegstrauma und Aufbruch geht unter die Haut. Vor allem wegen der perfekten Besetzung: großes sängerisches Können - gepaart mit schauspielerische Hochleistung.

Die FROSCH-Begründung

Raus aus der "Glitter(oper)ette"

Wenn das Mainfranken Theater Würzburg einen Eimer Asche und Kehricht über Kalmans erfolgreiche Varieté-Glitzerwelt ausschüttet, und statt Showtreppe Mut zur Ruine beweist, dann wird aus der Csárdásfürstin plötzlich eine Liebesgeschichte, mit der man sich auch als Nichtadliger oder Nicht-Künstler identifizieren kann. Gerade weil diese Liebesgeschichte brüchig ist und am Ende ein misstrauisches Stirnrunzeln übrig bleibt.

Regisseur Marcel Keller verschiebt die Handlung in die späten 40er Jahre und in den heruntergekommenen Hinterhof eines ehemaligen Kinos. Schwarzmarkt, Prostitution draußen, und drinnen wildes Varieté auf der engen Kleinkunstbühne - das ist die Welt der Sylva Varescu. Große Kostüme werden im Palast von Edwins Vater Fürst Lippert-Weylersheim noch aufgetragen, und es schimmert noch der Glanz der alten K.u.K.-Zeit, doch die Risse im Mauerwerk sind unübersehbar. Der Standeskonflikt zwischen Edwin und Silva, der ihrer Liebe im Weg steht, wird hier in Würzburg nicht charmant weggeplaudert, sondern schmerzhaft ins Zentrum dieser teils tragischen Liebesgeschichte gestellt. In der Angst der Stunde Null sehnen sich alle nach Beständigkeit, nach Verlässlichkeit, und nach einem bekannten Familienmodell, und das ist eben eine standesgemäße Ehe. Nach Edwins überstürztem und improvisiertem Heiratsantrag sehen wir in Silvas Gesicht trotz ihrem ersehnten „Ja“ die verzweifelte Ambivalenz zwischen der großen Liebe und dem Wissen, dass das eigentlich nicht gutgehen kann.

Urkunde Operetten-Frosch Dezember 2017 "Die Csárdásfürstin", Mainfranken Theater Würzburg | Bildquelle: BR-Klassik, Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik, Operetten-Boulevard

Die Besetzung in Würzburg überrascht zunächst, da einige Sänger mit der Deutschen Sprache große Mühe haben, was den Zuschauern viel Nachsicht abverlangt. Vor allem Roberto Ortiz, der als Edwin einiges an Text zu bewältigen hat, hätten man einen guten Sprachcoach und mehr Zeit für die Szenenproben gewünscht. Doch im Laufe des Stückes tritt sein spanischer Akzent hinter seinen famosen Tenor und seiner authentisch gespielten, glühenden Liebe zu Sylva in den Hintergrund.

Mathew Habib dagegen, der als Graf Boni sowieso die meisten Witze des Librettos im Textbuch hat, gibt mit seinem amerikanischen Akzent der Figur einen neuen Dreh. Untersetzt, x-beinig, witzig und vor Selbstbewusstsein nur so strotzend ist dieser Buffo der Publikumsliebling. Zu Recht.

Barbara Schöller als Csardasfürstin Sylva Varecu darf als perfekte Besetzung gelten. In vielen Operettenproduktionen finden wir brillante Sänger, die ihre Szenen aber auf Komparsen-Niveau abliefern. Barbara Schöller dagegen spielt vielschichtig, farbig und glaubwürdig. Ihr Sopran ist großartig und sie hat den Mut und die Fähigkeit, auch mal einen dreckigen Ton rauszulassen. So muss Operette sein!

Nicht gelungen ist leider ein akustischer Kniff , der die die Nähe zur Tonfilmoperette der 50er Jahre herstellen wollte. Eine dezente elektroakustische Unterstützung sollte diese Klangfarbe erzeugen, doch das Orchester wirkte so flacher und lebloser, als sonst.

Trotzdem: Eine Csárdásfürstin, mit der man einen wunderbaren Abend verlebt. Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst!

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálmán am Mainfranken Theater Würzburg, Inszenierung: Marcel Keller

Los geht´s …  
...auf einer geschickt gebauten Drehbühne, die uns vor und manchmal auch hinter die Kulissen des Geschehens blicken lässt.

Überraschung:     
Wir befinden uns nicht wie in der Csárdásfürstin meist üblich in einer hochglänzenden Varieté-Glitzerwelt, sondern in der staubigen, maroden Nachkriegszeit – und zwar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Größter Lacher:    
Mathew Habib verkörpert den Witz und Charme des Grafen Boni so überzeugend und selbstbewusst, dass niemanden aufgefällt, wie klein und x-beinig er eigentlich ist - Publikumsliebling.

Gelungenste Szene: 
Die Szene, in der die vier Liebenden in vertauschter Paarung aufeinandertreffen und nun verhandeln müssen, wer nun mit wem eigentlich zusammen sein will, ist witzig und romantisch zugleich.

Herausragend:    
...ist Barbara Schöller in der Hauptrolle. Ambivalentes, authentisches Schauspiel, Mut zu Abgründen und eine großartige Stimme.

Aha-Effekt:    
Als Mexikaner mit südlichem Teint hat Roberto Ortiz zwar Schwierigkeiten, Charme, Schmäh und Schneidigkeit eines jungen Ur-Wiener Fürstensohnes darzustellen, doch was die feurige Glut seiner Liebe zu Sylva angeht, so kann sich manch kühler Europäer von ihm etwas abschauen.

Berührend:   
...ist der Moment, als Fürst von und zu Lippert-Weylersheim erkennen muss, dass auch seine Gattin Anhilte eine bürgerlich bourgeoise Vergangenheit als Provinzprimadonna hat, und er seinem Sohn die Hochzeit mit Sylva also nicht verbieten kann.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Es ist keine radikale Aktualisierung der Csárdásfürstin, die das Mainfranken Theater bringt, aber sowas kann auch schiefgehen. Die Verlegung der Handlung nach dem Zweiten Weltkrieg und der marode Charm einer zerbombten Zeit tun der Operette gut. Wie schön, dass Marcel Keller so viel Wert auf Schauspielführung und Dialoge gelegt hat.

Sei kein Frosch, küss ihn:        
Die Redaktion Operette gratuliert – zu großem Operettenmut.


Inszenierung: Marcel Keller
Musikalische Leitung: Marie Jacquot
Ausstattung: Marcel Keller
Kostüme: Erika Landertinger
Choreographie: Marius Krisan
Chor: Anton Tremmel
Licht: Roger Vanoni

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