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BR-Klassik vergibt den Dezember-Frosch Nr. 1 "Roxy und ihr Wunderteam" an das Theater Augsburg

Wie viel Fußball ist in der Operette? Wie viel Operette im Fußball? Diese zweite Inszenierung von "Roxy und ihr Wunderteam" in Deutschland zeigt die Zusammenhänge auf. Zeitgemäß, witzig, tiefgründig. Ein gelungener und raffinierter Spielzug.

Die FROSCH-Begründung

3:2 für den Operettenfußball

Wie viel Fußball steckt in der Operette? Und wie viel Operette im Fußball? Das sind die Fragen, der sich jede Produktion von Paul Abrahams Fußballoperette Roxy und ihr Wunderteam stellen muss. Und das hat man in Augsburg ungewohnt offensiv getan. Regisseur Martin G. Berger hat die Handlung in die Gegenwart geköpft und sein Team hat die Vorlage glänzend verwertet.

Das ist ganz im Sinn des Komponisten und seiner Librettisten Alfred Grünwald und Hans Weigl. Schon im Original-Textbuch von 1937 steht als "Anmerkung für den Regisseur: Die ungarische Fußballnationalmannschaft kann natürlich leicht in jede andere umgewandelt werden!" Uns so wird sie hier zu aktuellen deutschen Nationalmannschaft, bestückt mit Namen, die jedem bekannt vorkommen: Benedikt Dödeles Manuel Alter, Miroslav Knödel, Mats Bienel, Basti Saulieger und André Brennle. Der Trainer heißt Pepe Tactico und der Teamarzt: Maier-Gutlauf.

Urkunde Operetten-Frosch Dezember 2017 "Roxy und ihr Wunderteam", Theater Augsburg | Bildquelle: BR-Klassik, Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik, Operetten-Boulevard

Das hat durchaus kabarettistische Qualitäten, ebenso wie der Star-Gastauftritt des früheren Fußball-Profis und jetzigen Schauspielers Jimmy Hartwig als Präsident Franz Baros, der fatal an einen anderen präsidialen Franz erinnert. Berger hat die ganzen aktuellen Fußball-Skandale rund um FIFA und DFB eingebaut - 1:0.

Der eigentliche Kniff von Bergers Bearbeitung aber ist, dass nicht wie im Original das Sexverbot im Zentrum steht, sondern die heimliche Homosexualität im Fußballgeschäft. Und so spielt die Schlüsselszene unter der Dusche: Obermacho und Weltfußballer Christiano Hatschek verliebt sich in Bobby, Roxys Bräutigam. Der Nachteil: Titelfigur Roxy und ihre Liebeshändel mit Mittelstürmer Gyurka, genannt Gürkchen, bleiben auf der Strecke. Das läuft viel zu brav in die Abseitsfalle eines etwas männerlastigen Konzepts, dem auch die wunderbare (weibliche) Gymnastiktruppe samt ihrer erotischen Handarbeit zum Opfer fällt - 1:1.

Wettgemacht wird das aber durch die wirkliche originelle Choreographie von Marie-Christin Zeisset, die tastsächlich versucht, die Motorik des Fußballs in Tanz zu übersetzen. Da werden ausgezogene Fußballschuhe mit den Händen auf Boden geschlagen, oder ganze Spielzüge choreographisch nachgestellt. Das wurde tänzerisch bravourös umgesetzt - 2:1.

Auch die schauspielerische und gesangliche Umsetzung war rundum gelungen und erstaunlich stilgerecht. Ein Volltreffer war das bunt aus Oper, Schauspiel und Musical zusammengestellte Ensemble - 3:1.

Daneben ging die Akustik des Orchesterklangs in der ehemaligen Fabrikhalle. Das lag zum Teil an der Beschallung, vor allem aber daran, dass das Orchester unsichtbar hinter der Bühne platziert und so akustisch kaum präsent war. Das wurde durch die etwas streicherlastigen Arrangements verstärkt. Da fehlte der nötige Pfeffer; es gab wenig Bläsersätze und keine Jazz-Soli, wie sie eigentlich zu Abraham gehören - 3:2.

Endstand also in Augsburg: 3:2 für ein mutiges Spiel mit dem Original von Roxy und ihrem Wunderteam. Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

„Roxy und ihr Wunderteam“ von Paul Abraham am Stadttheater Augsburg, Inszenierung: Martin G. Berger

Los geht's…
…mit einer Sportgala des DFB und einer Rede Jimmy Hartwigs in seiner Rolle als Präsident Franz Baron.

Überraschung:
Dass es am Ende die als Christiano Hatschek verkleidete Roxy ist, die im Finale das entscheidende Tor schießt.

Größter Lacher:
Thaisen Rusch bei seinem ersten Auftritt als Pep Guardiola-Lookalike mit hohem Wiedererkennungswert bei jedem Fußballfan. Da stimmt von der Statur, über das Kostüm und die Sprechweise einfach alles.

Gelungenste Szene:
Die Fußball-Choreographien von Marie-Christin Zeisset, die nicht nur Spielzüge taktisch plausibel vertanzt, sondern auch ausgezogene Fußballschuhe mit bloßen Händen unter der Dusche steppen lässt.

Verblüffend:
Wie Chorsänger Markus Hauser den korrupten schottischen Fußballfunktionär mit ganzen Einsatz seines nicht zu übersehenden Körpers so überzeugend verkörpert, dass er mit Ex-Profi Hartwig ein kabarettreif korruptes Paar bildet.

Herausragend:
Die Umsetzung der alte - etwas dünnen - Operettengeschichte in eine moderne - etwas gehaltvollere - Fußball-Satire, ohne dass dabei die spezifischen musikalischen und darstellerischen Qualitäten des Genres verloren gehen, sondern sogar oft besser zur Geltung kommen.

Aha Effekt:
Wenn unter der Dusche Obermacho und Weltfußballer Christiano Hatschek Roxys Bräutigam Bobby seine Liebe gesteht.

Berührend:
Wie beide sich im Anschluss behutsam nahekommen.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Mutig ist die Stückauswahl. Es war erst die zweite Inszenierung der Operette in Deutschland. Neu an dieser Produktion aber war die radikale Aktualisierung der Geschichte. Denn so war es möglich, das Thema Fußball zeitgemäß zu transportieren und damit auch ein jüngeres Publikum anzusprechen, das sonst eher nicht in eine Operette ginge.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette gratuliert – zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Martin G. Berger
Musikalische Leitung:
Lancelot Fuhry
Ausstattung: Sarah-Katharina Karl
Kostüme: Silke Bornkamp
Choreographie: Marie-Christin Zeisset

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