BR-KLASSIK

Inhalt

BR-KLASSIK vergibt Dezember-Frosch "Polnische Hochzeit" an der Oper Graz

Der Operettenfrosch Dezember 2018 "Polnische Hochzeit" an die Oper Graz von Joseph Beer. Eine Inszenierung von Sebastian Ritschel.

Steckbrief

"Polnische Hochzeit" an die Oper Graz von Joseph Beer, Regie: Sebastian Ritschel

Los geht´s …    
…mit einem düsteren Melodram an einer Grenzstation. Der riesenhafte Stacheldraht im Hintergrund gibt eine Ahnung der besonderen Ästhetik der Aufführung

Überraschung:         
Denn schon beim nächsten Bild wird klar: diese Inszenierung begnügt sich nicht damit, eine Operette brav in Szene zu setzen, diese Inszenierung stellt eine ganz eigene Welt auf die Bühne, eine Operettenwelt im buchstäblichen Sinne: bunt, knallig, schräg, opulent, kitschig, sexy, ironisch - und: bigger than live! Da tanzen bunt angemalte Folklorepuppen um einen gigantischen Gemüsekorb, bewegen sich wie aufgezogen zu Beers Mazurken, dass die Glockenröcke nur so hin und her schwingen. Und mittendrin die nicht minder herausgeputzten Figuren, fröhliche Hybride zwischen Puppe und Mensch.

Größte Lacher:     
Schwer zu sagen, weil es durchgehend viele Lacher gibt - nicht nur wegen des skurrilen Personals. Auch wegen der knapp gehaltenen Dialoge, die den Witzen des Librettos von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda voll vertrauen, mögen sie noch so abgeschmackt und abgegriffen sein. Aber so ungeniert serviert, greifen sie wieder, besonders wenn sie zweideutig werden. Dann wimmelt es nur so von sexuellen Anspielungen, ob in eindeutiger Gestalt riesiger Rüben oder subtil, wenn in einem hinreißend choreographierten Sextett "sich eine Mandoline freut auf das Dideldudeldideldudeldideldei"!

Operettenpreis Dezember "Polnische Hochzeit" an die Oper Graz | Bildquelle: Operetten-Boulevard Bildquelle: Operetten-Boulevard

Gelungenste Szene:     
Noch schwerer zu sagen: der Krakowiak der Folklore-Puppen in seinen trippelnd mechanischen Bewegungen, Boleslaws Schnulze von seiner "großen Liebe" als Glanznummer mit glitzernden, maskierten Blondinen im Stile einer Hollywood-Film-Revue oder der Ohrwurm "Katzenaugen" in einer frechen Jazz-Choreographie, die einen Vergleich mit der Komischen Oper Berlin nicht scheuen muss.

Verblüffend:    
Wie die stilisierte Spielweise die ganze Aufführung auf eine Metaebene hebt. Die puppenhaften Kostüme und Masken von Chor und Ballett bilden einen Rahmen, in dem sich auch die Solisten ungeniert bewegen können - als ganz und gar künstliche Operettenfiguren. Selbst das klischeehafte Hauptpaar gewinnt auf diese Weise Glaubwürdigkeit. Und exponierte Charaktere wie der Schwerenöter Staschek, der gerissene Trottel Oginski oder die Raubkatze Suza werden hier zur Kenntlichkeit überzeichnet. Noch verblüffender ist, wie sehr diese künstliche Inszenierungsästhetik Beers doppelbödiger Musik entspricht. Sie bedient alle Klischees von der Folklore bis zum Jazz, aber immer mit ironischem Unterton. Hinter der glitzernden Oberfläche ist immer eine andere Ebene hör- und sichtbar.

Herausragend:  
Die Ausstattung. Schon der Riesengemüsekorb, eingerahmt von zwei gigantischen Showtreppen ist ein echter Hingucker. Die Krönung aber sind die Kostüme. Sie sind nicht nur optisch ein Blickfang, sondern fordern alle Akteure geradezu heraus, operettig zu agieren, vor allem den Chor. Das Ballett macht dann eine große Nummer daraus, zappelt und hüpft, dass es eine Freude ist. Nicht minder die Solisten, die zwar nicht wie die anderen Masken tragen, dafür aber hypertrophe Galaroben, Uniformen oder gewagte Glitzerkleider, die die große Geste verlangen. Und daran kann man sich nicht satt sehen.

Aha-Effekt:   
Wenn sich die lang gewandeten, blond maskierten grünen Balletdamen in violette Glitzerkatzen mit knappem Negligee und neckischen Öhrchen verwandeln.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Mutig, diese Ausgrabung in einem solch opulenten Rahmen zu präsentieren, noch dazu in einer solch beschwingt-beseelten musikalischen Umsetzung, durchgehend toll besetzt, mit großem Aufwand und in einer Ausstattung, die wirklich ganz neu ist und mit fast schon spielerischer Leichtigkeit zeigt, wie zeitgemäß Operette heute sein kann.

Sei kein Frosch, küss ihn: Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert zu großem Operettenmut.

Musikalische Leitung: Marius Burkert
Inszenierung: Sebastian Ritschel
Choreographie: Simon Eichenberger
Bühne: Martin Miotk
Kostüme: Andy Besuch

    AV-Player