BR-KLASSIK

Inhalt

Der Mai-Operetten-Frosch 2016 "Die schöne Helena" am Stadttheater Ingolstadt

Eine "Schöne Helena", die ihrem Namen alle Ehre macht und vor Erotik sprüht? Hier ist sie. Und um sie herum tummeln sich wackere Bürger in einem stilisierten Paris von Jacques Offenbach. Das ist altmodisch und heutig zugleich. Offenbach-nah und frisch. Historisch und aktuell. Alte Mythen und Hip-Hop, Helden und moderne Körpersprache - passt das zusammen? In dieser mutigen Mischung schon!

Die FROSCH-Begründung für "Die schöne Helena" am Stadttheater Ingolstadt

„Dansons, aimons, buvons, chantons!“ - „Lasst uns tanzen, lieben, trinken, singen!“ Dazu fordert die griechische haute volée in Jacques Offenbachs Schöner Helena auf. Und ähnlich frech und freizügig geht es über 150 Jahre später auch im Stadttheater Ingolstadt zu.

Das liegt zum einen daran, dass man sich für die Schauspielfassung von Peter Hacks entschied, zum anderen daran, dass man ein Ensemble aufbieten konnte, das Offenbachs Operette auch musikalisch gewachsen war, allen voran Antje Rietz in der Titelrolle. Selten wurden laszive Erotik und bissige Schlagfertigkeit der Figur ähnlich pointiert auf den Punkt gebracht, und zwar sowohl textlich als auch musikalisch. Und das eben macht gute Operette aus, dass Wort und Ton zugleich zünden. Da kann manch ausgebildete Sängerin sich eine Scheibe abschneiden.

Urkunde Operettenfrosch Mai 2016 für "Die schöne Helena" am Stadttheater Ingolstadt | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Abstriche muss man beim übrigen Ensemble nur in musikalischer Hinsicht machen, allerdings nur ganz kleine, denn schon bei Offenbach ist das komödiantische Moment entscheidender. Sascha Römisch als korrupter Oberpriester Kalchas oder Peter Reiser als gehörnter Gatte Menelaus bieten gekonnte Charakterstudien, und Stefan Leonhardsberger (und ebenso in der Doppelbesetzung Marc Schröder) ist als zotteliger Schäfer Paris mindestens ebenso schön wie seine geliebte Helena -  und nicht minder spielfreudig.

Auch das Orchester lässt sich davon anstecken und begleitet unter Stephan Kanyars Leitung leichtfüßig und mit Offenbachschem Esprit. Den bedienen auch Folke Brabands routinierte Inszenierung und das dezente Bühnenbild Stephan Dietrichs, dessen Kostüme durchaus witzig ausfallen, besonders die von Antje Rietz. Das Konzept jedenfalls passt hervorragend zur eingedampften Hacks-Fassung.

Fazit: Dass eine Schauspielbühne eine der gelungensten Operetten-Produktionen der Spielzeit auf die Bretter stellt, verdient einen Frosch!

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Die schöne Helena" von Jacques Offenbach in der Inszenierung von Folke Braband

Los geht´s …    

… in einem Offenbach´schen, aber stilisierten Paris. Das Pissoir ist wunderschön wie ein Tempel - und wird auch so behandelt.

Überraschung: 
Die Schauspieler sind unglaublich präsent. Jede Person hat einen eigenen, wunderlichen Charakter. Und alle zusammen sind eine köstliche Mischung von  egoistischer Manipulation bis Weltfremdheit. So, wie man sie im täglichen Leben auch findet.   

Größter Lacher:
Ajax I und sein Bruder Ajax II – sonst als Zwillinge dargestellt – sind eine einzige schizophrene Person (Péter Polgàr), die mit zwei Stimmen und zwei Körpersprachen agiert. Das artet in ein wahnsinniges und präzises Hin-und-her-Gezappel aus.

Gelungenste Szene:  

Helena (Antje Rietz) birst vor Sex-Appeal. Und sie langweilt sich. In einer einsamen Szene an der Rampe klagt sie ihr Leid und haut das Publikum mit ihrer Ausstrahlung um.

Verblüffend:          
Ein Pissoir als Tempel, samt Putzmann mit Pömpel und Donnerblech, der seinen Priester – wohl den Erbauer – mit diesen Requisiten als Assistent  unterstützt. Das ist witzig und tatsächlich gut zu verstehen.

Mutig, Anders, Neu:    

Nur ein großer Venusprospekt und ein Pissoir als Durchsteher. Ansonsten ein paar wenige Requisiten: ein Rollstuhl für Menelaos, ein paar Kissen für die Liebesnacht, ein Donnerblech für die heiligen Handlungen. Darin ein spielfreudiges Ensemble, dass das karge Bühnenbild mit Aktionen füllt. Keine lange Minute, kein unnötiger Gang, kein Gefühl der Leere. Alles zur rechten Zeit am rechten Fleck.

Herausragend:   
Die schöne Helena Antje Rietz, ihr Paris Stefan Leonhardsberger und ebenso Marc Schöttner, sowie ihr angeheirateter Neffe Orest, Enrico Spohn.  Alle drei agieren sich in dem spielfreudigen Ensemble nach vorne. Sie sind sehr differenziert in ihren Rollen, vor allem Antje Rietz auch sängerisch überzeugend.

Aha Effekt:   
Die Geschichte funktioniert im besten Sinne von Offenbach auch, wenn Menelaos wie Napoleon III aussieht und die Handlung in einem Fantasie-Paris spielt. So bekommt das Stück etwas Patina und gibt andererseits genug Raum für moderne und spielerische Fantasie.

Berührend:        
Die Liebeszene Paris und Helena. Er bettet sie mit großer Zartheit zwischen Kissen. Während die Hofschranzen durch das Schlüsselloch spähen.

Entstaubt und zeitgemäß:     
Die moderne Körper- und Tanzsprache, die schauspielerisch modern ausdifferenzierten Figuren, die witzig herausgestellten zeitlosen Charaktere - und der Bezug auf die Rolle von auch fehlgeleiteter Religion in Gesellschaftssystemen.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Prinzessinnen und Prinzen vom Operetten-Boulevard sind überzeugt und beeindruckt und gratulieren dem Intendanten - und auch dem Ensemble - zu seinem Operettenmut.

    AV-Player