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BR-Klassik vergibt den Februar-Frosch-2017 "Der Graf von Luxemburg"

Die FROSCH-Begründung

„Mehr als den Namen verkaufte ich, viel mehr! Angèle, ich verkaufte mein Glück“ – oder „Was ist das für ´ne Zeit, liebe Leute?“

Das Libretto von Lehárs „Graf von Luxemburg“ in moderne Strukturen übersetzt – aber trotzdem sehr nah am Original. Geht das? Ja.

Jens-Daniel Herzog beweist es. Er beantwortet die Frage, wo die Mächtigen von heute sind, wo die oligarchischen Hierarchien und wo das Geldgeschacher ohne Rücksicht auf Verluste. Die russische (nicht die englische) Bank und ihre Geschäftsmänner mit mafiösem Hintergrund ziehen an den Strippen.

Gegenspieler sind Künstler und „bessere Leut´", die selbstzerstörerisch im Gegenstrom unterwegs sind. Wer den Kürzeren zieht, ist klar. Und trotzdem erfährt das Publikum am überraschenden Ende, dass es keine Gewinner geben kann. Alle verlieren – nur das Liebespaar überlebt mit Hilfe eines Schutzengels eine (slow-motion-) Schießerei der Mafiosi.

Urkunde Operetten-Frosch Februar 2017 | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Ein Schutzengel? Dazu ein Mephisto beim Verkauf des Namens und ein Drache in der Theaterpförtnerloge. Wie geht das?

Super. Denn alles ist nur ein Traum. Und der hat seine eigene Logik.

Es ist ein temporeicher Traum. Witzig, bissig und auch anrührend. Alle wollen das Glück. Keiner erreicht es.

In einem großartigen, üppigen Bühnenbild zwischen Bauten der 50er und nackter, schwarzer Bühne tummelt sich ein spielfreudiges Ensemble mit wunderbar besetzten Hauptfiguren. Die Hand eines Schauspielregisseurs ist deutlich zu spüren – alles läuft wie selbstverständlich, die Charaktere sind gut gezeichnet. Kay Stiefermann ein überzeugender René, Bruce Rankin ein gefährlicher Basil, Cornel Frey und Monika Rydz ein frisches und frisch singendes Künstlerpaar. Dazu Romana Noack als Angèle. Facettenreich. Sowohl stimmlich als auch darstellerisch.

Leider sind Chor, Ballett und Statisterie noch deutlich getrennt. Trotzdem hat das ganze Stück Drive – und überrascht mit vielen ausgeklügelten Details. Etwa einer sehr witzigen Schwanensee-Parodie (die noch böser hätte sein dürfen).

Der dritte Akt hängt zwar etwas durch, hat aber mit seiner neuen Figur -  einem Fledermaus-Frosch-ähnlichen Hotelmanager – witzige Momente und schließt am Ende furios das Stück und das Regiekonzept ab.

Großes Lob für die Düsseldorfer Symphoniker und ihren Leiter Patrick Francis Chestnut! Samtiger Klang aus dem Graben trägt die Sänger. Auch deshalb gute Textverständlichkeit, wie sie Operette braucht.  

Der Graf von Luxemburg. Oft gespielt, meist nur erzählt. Hier neu erfunden und kommentiert. Besonderes Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

„Der Graf von Luxemburg“ von Franz Lehár an der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog

Los geht´s …  
… auf einer tiefschwarzen, nackten Bühne mit Glühbirnen-Rahmen. René Graf von Luxemburg sitzt einsam, offensichtlich betrunken und halbschlafend auf einem Stuhl. Er träumt…..

Überraschung:    
Der dritte Akt hat eine neue Figur. Einen überarbeiteten Hotelmanager nach Fledermaus-Frosch-Art. Der Sparzwang hat alle Jobs bis auf seinen gestrichen. Er springt für alle ein.  Herrlich chaotisch.

Größter Lacher:         
René muss sich vor Obermafioso („Der Fürst“) Basil verstecken. Er zieht Frauenkleider an und verwirrt die Wodka-trinkenden Bodygards als Zwilling der Garderobiere.

Gelungenste Szene:        

Das Bühnenbild ist umwerfend. Von den Seiten kommen immer neue Teile. Bis plötzlich ein ganzes Theater auf der Drehbühne steht. Die Protagonisten stürmen darin in perfektem Timing aneinander vorbei.

Verblüffend:                
Obwohl der Chor (noch) wenig bewegt und das Ballett einzeln gestellt ist, hat diese Inszenierung Drive. Dazu: Ein „russisches Ballett“ mit einer Schwanensee-Parodie in Highheels, mit Bunny-Schwänzchen und einer männlicher Ballerina, die nicht abtreten will. Ballettparodie in Deutschland. Selten. Köstlich.

Herausragend:       
Bauten der 50er bis heute, Hinweise auf frühere Operetten-Inszenierungen und moderne Szenen auf leerer, schwarze Bühne – das passt hervorragend zusammen.

Aha-Effekt:        
Ein Mephisto aus dem Kühlschrank beim Verkauf des Namens, ein Drachen in der Pförtnerloge, ein Schutzengel bei einer Schießerei – diese surrealen Märchenwesen stören nicht. Sondern funktionieren als Kommentare.

Berührend:          
René (Kay Stiefermann) hat seinen Namen verkauft und auch sein Glück. Angèle (Romana Noack) hat sich selbst verkauft. Basil (Bruce Rankin) besitzt keine grenzenlose Macht. Die drei Haupt-Figuren erkennen das gleichzeitig. Das geht unter die Haut.

Mutig, neu, zeitgemäß.
Jens-Daniel Herzog schafft es, den Adel und seine Hierarchie in heutige Strukturen zu übersetzen. Er erzählt von russischen Mafiosi, modernen Künstlern und selbstzerstörerischen Adeligen. Das geht auf und hat noch Raum für märchenhaftes. So bleiben der Operetten-Zauber, die -Fallhöhe und der –Witz erhalten. Zeitgemäß.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert dem Intendanten – und auch dem Ensemble unter der Leitung von Jens-Daniel Herzog – zu großem Operettenmut.

Inszenierung:
Jens-Daniel Herzog
Musikalische Leitung:
Patrick Francis Chestnut
Bühne:
Mathis Neidhardt
Kostüme:
Sibylle Gädeke
Choreographie:
Kati Farkas

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