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Der April-Operetten-Frosch 2016 Auszeichnung für Christiane Brammer und das Hofspielhaus

Eine winzigere Bühne gibt es kaum. Und kaum mehr Bewegung ist möglich auf ihr. Drei Sänger, ein Cellist als Diener und ein Pianist als Stehlampe, mehr braucht es nicht für einen fulminanten Abend. Ganz im Geiste von Offenbach gab sich Herr Blumenkohl die Ehre - und trieb dem Publikum Lachtränen in die Augen. Wem ein solcher Clou fast ohne Bühnenbild und ganz ohne Orchester gelingt, der hat mit viel Mut alles auf eine Karte gesetzt. Und gewonnen.

Die FROSCH-Begründung für "Herr Blumenkohl gibt sich die Ehre" am Hofspielhaus München

"Etwas zu fördern, was man mag, ist keine Kunst", lautet Herrn Blumenkohls Credo, "etwas zu fördern, was man verabscheut, das zeugt von Geschmack!" Wenn dabei aber etwas herauskommt wie Offenbachs Herr Blumenkohl im Hofspielhaus, spielt es keine Rolle mehr, ob verabscheut oder gemocht: Diese Aufführung fördert das Genre Operette.

Herr Blumenkohl gibt sich die Ehre. Blumenkohl? Wer zum Teufel ist dieser Herr Blumenkohl? In München kennt man ihn unter dem Namen Pitzelberger, der bereits Anfang des Jahres in seinen etwas weitläufigen Salon in der Reithalle geladen hatte. Nun gibt er sich also schon wieder die Ehre, aber endlich in Originalgestalt und mit richtigem Namen, heißt er doch auf Französisch Monsieur Choufleuri.

Gewagt ist es daher, solch ein selten gespieltes Stück ein paar Monate später noch einmal zu spielen, und das auch noch unter beschränkten Bedingungen. Denn das Hofspielhaus ist wohl Münchens kleinstes Theater. Und gerade hierher passt Offenbachs Einakter bestens. Er ist kurz (70 Minuten) und unaufwendig (ein Klavier- und ein Schauspieler sowie das klassische Operntrio Sopran-Tenor-Bariton). Mehr hätten auf der schmalen Bühne auch nicht Platz, vor allem, wenn das Ensemble so spielfreudig ist wie dieses:  Anne Steffens und Julian Freibott, Juri Kannheiser und Torsten Frisch. Sie bringen den nötigen Wahnsinn aufs Brettl, ohne den die wahrhaft hanebüchene Handlung nicht zu stemmen ist.

Urkunde "Herr Blumenkohl gibt sich die Ehre" im Hofspielhaus München | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Da wird italienisch geradebrecht, friesisch geklagt, donizettisch gejodelt und nach allen Regeln der Klamotte chargiert. Einmal mehr erweist sich Dominik Wilgenbus als Meister des Wortwitzes (Übersetzung) und Klamauks (Regie). Seine Freude am kindlichen Quatsch wirkt ansteckend – sowohl auf die Darsteller als auch auf das Publikum. Und siehe da, es stecken wahrhaftige Menschen hinter der Parodie, und Offenbach ist im Original tatsächlich moderner als all das, was zum Zwecke sogenannter Aktualisierung mit ihm veranstaltet wird" (wie es im Programmheft heißt).

Fazit: Dass ein Brettl eine Operette so virtuos hinlegt, verdient einen Frosch!

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Herr Blumenkohl gibt sich die Ehre“ von Jacques Offenbach am Hofspielhaus München in der Inszenierung von Dominik Wilgenbus

Los geht´s …    

… in einem engen Kellergewölbe, an dessen Wänden eine schmale Bühne entlangführt. In der Ecke steht ein Klavier. Am Klavier sitzt eine Stehlampe.
Daneben ein Cellist in Livree und Boxershorts. Und schon erklingt die Ouvertüre!

Überraschung: 
Dass die Stehlampe Klavier spielt (besser als der Hund in der Muppet Show).    

Größter Lacher:
„Schwiegerpatri", im turbulenten Trio Italien, das eine einzige Folge von Lachern ist.

Gelungenste Szene:  

Eben dieses Trio Italien, in dem sich Wilgenbus einmal mehr als einer der Väter der Klamotte erweist.

Verblüffend:          
Dass fünf Personen auf so einer winzigen Bühne derart spielfreudig agieren können.

Mutig, Anders, Neu:    

Schon Karl Kraus hat erkannt, dass man dem Geist Offenbachs durch Reduktion näher kommen kann. Doch das ist lange her. Wilgenbus erinnert daran und dadurch wirkt es neu. Auch nimmt er Offenbach beim Wort: Blumenkohl statt Pitzelberger, das ist in der Aussage anders. Und mutig ist es, das als private Produktion zu wagen.

Herausragend:   
Das gesamte spielfreudige Ensemble: Anne Steffens und Julian Freibott als junges Liebespaar, Juri Kannheiser als Diener und Torsten Frisch als komisch-kauzig-kantiger Blumenkohl.

Aha Effekt:   
Die Stehlampe ist Dominik-Wilgenbus.

Berührend:        
Juri Kannheiser als Diener Pitterjahn, der nicht nur gut Cello spielt, sondern auch sein Couplet über die Natur mit solch friesisch-herber Melancholie singt, dass es zugleich traurig und komisch ist.

Entstaubt und zeitgemäß:     
Mit kleinstem äußeren Aufwand trotz historisch angelegter Kostüme große Aktualität.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Prinzessinnen und Prinzen vom Operetten-Boulevard sind beeindruckt und gratulieren Intendantin und Ensemble zu ihrem Operettenmut.   

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