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BR-Klassik vergibt den Januar-Frosch 2018 "Die Fledermaus" an das Teatro alla Scala

Zum ersten Mal an der Mailänder Scala: Operette "Die Fledermaus". Zeitgemäß, munter, zweisprachig – und mit klugem Blick auf die Bussi-Bussi-Gesellschaft. Das war dem Operetten-Boulevard den ersten Frosch im Jahr 2018 wert. Zumal der Namensgeber auf der Bühne italienisch vom Leder zog…

Die FROSCH-Begründung

„Nicht nur Champagner hat´s verschuldet“

Wirklich erstaunlich, dass es die bekannteste Operette von Johann Strauss bis jetzt nicht auf die Bühne der Mailänder Scala geschafft hatte. Umso schwieriger, das Stück 144 Jahre nach der Uraufführung dort zu präsentieren. Welche Sprache? Welche Solisten? Welche Regie? Immerhin stand der Dirigent von Anfang an fest: Zubin Mehta wollte die Mailänder Erstaufführung in die Hand nehmen, und Intendant Alexander Pereira konnte seine guten Wiener Verbindungen nutzen, um einen hochwertigen Cast zusammenzustellen. Doch der Maestro musste krankheitsbedingt absagen und Cornelius Meister sprang beherzt ein.

Das nächste Wagnis: Cornelius Obonya ist zwar als Schauspieler international ein Begriff, aber Operetten-Regie hat er noch nie geführt. Wie würde das Verständnis-problem einer auf Wortwitz basierenden Handlung gelöst? Die Aufgabe, dem Stück in diesem Haus in zeitgemäßer Form gerecht zu werden ähnelte der Quadratur des Kreises und wurde auf ganzer Linie erstaunlich geschickt gelöst:

Urkunde Januar-Frosch 2018 "Die Fledermaus" an das Teatro alla Scala | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Zur Verwunderung und nicht unbedingt zur Befriedigung des konservativen Mailänder Publikums verzichtete das Regieteam auf Wiener Zuckerbäcker-Stil und entstaubte das 144 jährige Werk nach Kräften. Die Auseinandersetzung mit den Österreichischen Markenzeichen „Moderne Architektur“, „Alpenflair“ und „Bussi-Bussi- Gesellschaft“ fand schonungslos und glaubwürdig statt. 

Musikalisch überrascht der gedeckte Klang des Mailänder Orchesters, kombiniert mit dem enormen Temperament, das Cornelius Meister den gesamten Abend über einbringt. Die Tanz-Szenen gehen in die Beine, und auch der Chor der Scala schwelgt mit Lust in Champagnerlaune. Eva Mei als rothaarige Rosalinde mit Kurzhaarschnitt ist eine fesche, selbstbewusste Businessfrau, die ihre italienische Herkunft nicht verleugnen muss. Peter Sonns jugendlicher Eisenstein ist schnöselig genug und dabei nicht unsympathisch, Markus Werba als cooler Dr. Falke im Skilehrer Look passt ebenso perfekt in die Rolle, wie Daniela Fallys Luxus-Haushaltshilfe Adele im Dirndl. Auch die russische Mezzosopranistin Elena Maximova als Oligarchin Orlofskaya überzeugt, auch wenn im zweiten Akt die Ballgesellschaft doch eher konventionellen Regiemustern folgt.

Paolo Rossi hat im dritten Akt den von Arkaden gesäumten Gefängnisraum ausgiebig für sich alleine und sinniert zur Erheiterung des Publikum über das Wesen der Österreicher und der Italiener im Politischen wie im Kulturellen. Nicht wirklich frech, aber in guter Tradition der Rolle. Was genau dieses Gefängnis eigentlich sein soll, wäre einen weiteren Regie-Einfall wert gewesen. Insgesamt wurde diese erste Mailänder Fledermaus aber musikalisch hochwertig, szenisch überzeugend und überraschend heutig präsentiert. Die Befreiung aus dem Gefängnis der Konventionen ist geglückt, darum ein besonderes Lob für internationalen Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !

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Steckbrief

"Die Fledermaus – Il Pipistrello" von Johann Strauss am Teatro alla Scala di Milano in der Inszenierung von Cornelius Obonya und Carolin Pienkos

Los geht's…
… mit vom Ballett getanzten Szenen einer modernen Ehe: Rosalinde im Abendkleid wird umflattert von befrackten Fledermäusen inklusive Akrobatik-Einlage vor Alpenpanorama zur temporeich und brillant musizierten Ouvertüre.

Überraschung:
Das Setting des ersten Aktes im top-modernen Alpenloft mit cremefarbenen Ecksofa, moderner Kunst, Staubsauger-Roboter und Panoramablick auf verschneite Berggipfel. 

Größter Lacher:
Rosalindes italienischer Liebhaber „Alfredo“, der vor dem Fenster den geschmückten Weihnachtsbaum erklimmt und von der Lichterkette beinahe stranguliert herunter plumpst.

Gelungenste Szene:
Der gesamte erste Akt mit hervorragendem Timing, neuen Regie-Ideen und witzigen Zitaten wie dem Eisbärenfell-Stolperer aus „Dinner for one“, dem richtig Hängen von moderner Kunst und einem sehr genauen Portrait eines heutigen Oberschichtspaares.

Verblüffend:
Wie gut der Wechsel zwischen Deutsch und Italienisch im Dialog funktioniert.

Herausragend:
Die fein ausgearbeitete Darstellung der heutigen Figuren und ihre gesangliche Qualität, besonders Daniela Fally als ideale Adele. Außerdem die passend choreografierten Ballett-Einlagen und das unermüdlich vorwärtsdrängende, leichtfüßige Musizieren aller Beteiligten unter Cornelius Meister.

Aha Effekt:
Der Frosch funktioniert auch auf Italienisch als bewährte One-man Show, und man kann tatsächlich auf das runde Sofa beim Prinzen Orlofsky verzichten!

Berührend:
Wie Peter Sonn dem Eisenstein trotz schnöseliger Attitüde durch seinen Gesang eine sympathische Tiefe verleiht.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Mutig war es, das Stück erstmals auf den Spielplan der Scala zu setzen und es in die heutige Zeit zu transferieren. Gewagt, ein Operetten-unerfahrenes Publikum mit dieser Interpretation und zweisprachigen Dialogen zu konfrontieren und auf jegliche Romantisierung zu verzichten. Zeitgemäß wurde die Bissigkeit des Stoffs mit Eleganz und Können in den Vordergrund gestellt, auch wenn im dritten Akt ein bisschen die frische Luft ausging.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert dem Intendanten, dem Regieteam, dem eingesprungenen Dirigenten und allen Ausführenden zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Cornelius Obonya und Carolin Pienkos
Musikalische Leitung:  Cornelius Meister
Ausstattung: Heike Scheele
Choreographie:
Heinz Spoerli

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