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BR-Klassik vergibt den Januar-Frosch-2017 "Wie werde ich reich und glücklich?"

Die FROSCH-Begründung für "Wie werde ich reich und glücklich" im Nationaltheater Mannheim/Oper von Mischa Spoliansky in der Inszenierung von KOMMANDO HIMMELFAHRT

„Erster Leitsatz, für beide Lebensziele der gleiche: Sei zu jedem liebenswürdig, keinen stoß zurück. Dann verhilft Dir gerne jeder, zu Reichtum und zu Glück.“

Mischa Spoliansky führt vor, wie man nach Rezept glücklich werden kann – oder besser: könnte. Wenn es nur menschenmöglich wäre. Es aber nicht ist. Auch wenn wir alle nur zu gerne dran glauben. Und er zeichnet dabei ein Sittengemälde der 20er Jahre – zugleich aber auch gültige Charaktere, die zeitlos sind.

Wie man beides – das Sittengemälde von damals und die Zeitlosigkeit von menschlicher Egomanie – verbindet, das zeigt diese Inszenierung des Theaterkollektivs KOMMANDO HIMMELFAHRT auf sehr fantasievolle Weise. In einer Rahmenhandlung wird ein (Musik-)Schwarz-Weiß-Film direkt auf der Bühne gedreht – der Film enthält das Stück.
Das klappt hervorragend (obwohl die drei Kameras meist fixiert sind), weil die wunderbar spielenden Opernsänger perfekt und wie selbstverständlich ihre Positionen einnehmen. Und es klappt, weil die Backstagemannschaft direkt auf der Bühne agiert.

Urkunde Operettenfrosch 2017 | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

In nur skizzierten, immer wieder wechselnden Bühnenbildern entsteht so ein flackernder Film, dessen ironische Brechung sich zu einem Happy-End steigert, das doppelt überhöht ist: Die Protagonisten spielen mit dem Publikum gemeinsam einen Kinoabend und sehen sich selbst auf der Leinwand dem guten Ende entgegen gehen.

Die Inszenierung von KOMMANDO HIMMELFAHRT schafft einen wunderbaren Spagat zwischen gestern und heute, zwischen Schauspiel und Musiktheater, zwischen Film und Bühne – bzw. schichtet das alles ineinander. Und überrascht mit immer neuen Details. In der Rahmenhandlung etwa mit einem Regisseur und seinem Assistenten, der viele verschiedene Rollen spielen muss. Zwar hängt diese Rahmenhandlung im ersten Teil mal ordentlich durch – schafft es aber, am Ende ein logisches und schlüssiges Konzept zu vermitteln.

Musikalisch wird der Abend getragen von einem halbhoch sitzenden großen Orchester samt Jazzband, das den nötigen Drive zur Regie beisteuert – eine eigene Bearbeitung für Mannheim, die Spaß macht.

Dass es bei einem eher statischen Schwarzweißfilm auch noch Tänze gibt, macht die Sache rund – ein tolles Bühnen-Film-Konstrukt, das es so nirgends gibt.

"Wie werde ich reich und glücklich?" - nicht mehr oft gespielt, daher besonderes Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !
Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

„Wie werde ich reich und glücklich?“ von Mischa Spoliansky im Nationaltheater Mannheim/Oper in der Bearbeitung und Inszenierung von KOMMANDO HIMMELFAHRT.

Los geht´s …  
…mit einer Rahmenhandlung und einem sympathischen jungen Mann. Er erzählt dem Publikum von einem Film, der verschollen ist. Den will er hier und jetzt für die Anwesenden reproduzieren.

Überraschung:     
Was auf der Bühne zwischen skizzierten Bühnenbildteilen passiert, ist rechts oben auf einer großen Leinwand als Schwarz-Weiß-Film zu sehen. In perfektem Timing. Mit perfekten Positionen. Bühne und Film verzahnt und im Vergleich.

Größter Lacher:    
Es fehlen immer wieder Mitwirkende im Stück und Regieassistent Müller – Merten Schroedter – muss einspringen. In Rollen jeden Alters und Geschlechts. Er gibt den Figuren eine eigene komische Würde.

Gelungenste Szene: 
Ein Happy-End geht bei dieser Inszenierung nicht wirklich. Deshalb wird es witzig überhöht. Die Protagonisten sehen im Publikum (im Kino) sitzend ihr Happy-End selbst als Film. Und beraten dabei ihre Doppelgänger auf der Leinwand

Verblüffend:            
Das Schwarz-Weiß-Film-Bühnen-Konstrukt ist an sich schon verblüffend. Aber wenn der Film am Ende ins Publikum schwappt, es einbezieht, ist das eine wunderbare Steigerung.

Herausragend:    
Was auf der Bühne nur eine Skizze ist, wirkt auf der Leinwand echt. Hier entsteht ein alter (Musik-)Film tatsächlich vor Augen und Ohren des Publikums. Er ist sowohl authentisch als auch modern und neu.

Aha-Effekt:    
Mischa Spoliansky in einer neuen musikalischen Fassung für Orchester und Jazzband mit wunderbar spielenden Opernsängern. Das wirkt gleichzeitig alt – und modern.

Berührend:   
Reich ist ganz schön. Aber glücklich ist schöner. Und das geht nicht auf Rezept. Schade. Wir hätten es gerne geglaubt. Denn wir kennen ja selbst, was da auf der Bühne passiert: Die oft vergebliche Suche nach Sinn und Liebe.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Das Gefühl der 20er-Jahre erhalten und das Stück trotzdem ins Heute holen – wie soll das gehen, ohne eine Seite zu verleugnen oder zu enttäuschen? So geht das! Der Spagat zwischen Nostalgie, Gegenwart und Zeitlosigkeit gelingt perfekt. Auch wenn es mal einen kleinen Durchhänger gibt.

Sei kein Frosch, küss ihn:        
Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert dem Intendanten – und auch dem Ensemble unter der Leitung von Kommando Himmelfahrt – zu großem Operettenmut.

Aufführungsfassung und musikalische Bearbeitung: KOMMANDO HIMMELFAHRT (Jan Dvořák, Thomas Fiedler, Julia Warnemünde)
Ausstattung: Michael Graessner und Kathi Maurer
Choreographie: Luches Huddleston Jr.
Musikalische Leitung: Matthew Toogood
Video: Carl-John Hoffmann

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