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BR-Klassik vergibt im Juli zwei Frösche "Die Blume von Hawaii" beim Lehár-Festival Bad Ischl

Der Operettenfrosch Juli 2018 geht an das Lehár-Festival Bad Ischl "Die Blume von Hawaii".

Die FROSCH-Begründung

„Ein Paradies am Meeresstrand...“

Es ist ein verlorenes Paradies, dieses Operetten-Hawaii, das macht Thomas Enzingers Inszenierung der Blume von Hawaii von Anfang an klar. Da steht nur ein Mann auf der Bühne – und dirigiert etwas verloren ein Orchester, das nur noch in seinem Kopf existiert. Es ist der Komponist Paul Abraham, der 1933 aus seinem Operetten-Paradies Berlin vertrieben wurde.

Das Lehár Festival Bad Ischl liegt offensichtlich nicht am Meeresstrand, sondern eher auf dem Trockenen, in einem etwas sterilen Krankenhaus. Und da ist er nun, dieser einsame Paul Abraham. Doch dank seiner Musik und Fantasie wird das verlorene Paradies lebendig, der Vorhang öffnet sich und Totos blumig-buntes Bühnenbild leuchtet in schönstem Revue-Glitzer-Glanz.

Mit Paul Abrahams schriller Jazz-Revue-Operette von 1931 hat Thomas Enzinger seine Intendanz durchaus programmatisch eröffnet. Immerhin wurde in Ischl noch nie ein Werk des jüdischen Komponisten gespielt, dessen tragische Lebensgeschichte nach der Vertreibung aus Deutschland im Wahnsinn endete.

Und so hat Enzinger den Komponisten in seine Inszenierung eingebaut - als erzählerische Klammer. Dem Schauspieler Mark Weigel gelingt ein berührendes Porträt, zugleich führt er aber auch als amerikanischer Gouverneur durch die verrückte Handlung, deren absurde Dramaturgie eigentlich nur als Anlass zu Abrahams Musik dient.

Urkunde Operettenpreis 2018 | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Und die hat es in sich. Denn Abraham hat das Werk in eine sogenannte Zentralpartitur geschrieben: Alle Instrumente sind darin durchgehend notiert. Es ist also Sache des Dirigenten, wann die Musiker ein- und aussteigen oder auch improvisieren. In Bad Ischl hat Marius Burkert diese Aufgabe glänzend gelöst. Allein, alle Musiker in den kleinen Graben zu bekommen, war eine Herausforderung. Ganz zu schweigen von der jazzigen Spielweise, an die sich vor allem die Streicher gewöhnen mussten:

Wegen der Jazzbesetzung mit vielen Bläsern ist es für die Sänger nicht leicht, gegen das Orchester anzukommen - zumal die Tonanlage in Ischl hier an ihre Grenzen stößt. Doch das durchweg junge, bewegliche und enorm spielfreudige Ensemble tanzt und singt über all diese Schwierigkeiten virtuos hinweg. Wie zu Abrahams Zeiten sind hier alle Sparten vertreten: Oper, Schauspiel, Musical. Alle Rollen sind perfekt besetzt. Ob Hawaii-Prinzessin Laya mit der in Schwips und Schmerz gleich bezaubernden Sieglinde Feldhofer, ob Jazzsänger Jim Boy mit dem lässigen Steppgenie Gaines Hall - oder Buffo Buffy mit dem an Jerry Lewis erinnernden Ramesh Nair. Er hat auch die mitreißenden Tänze choreographiert und damit dem ganzen Abend ordentlich Tempo verliehen.

Thomas Enzinger gelingt mit seinem Ischler Debütder direkte, sinnliche Bezug zur Gegenwart geradezu spielerisch. Und dieser ist nicht nur für seine Inszenierung wichtig, sondern auch für das gesamte Festival, war doch Ischl immer ein lebendiges Zentrum der Operette, kein Museum. Denn hier trafen sich alle Künstler, die mit dem Genre verbunden waren. Daran anzuknüpfen, ist kein schlechter Weg - der vor allem auch die Zuschauer wieder in jenes verlorene Paradies führt, als die Operette noch lebendiges, zeitgemäßes Theater war.

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK. operette@br.de

Steckbrief

"Die Blume von Hawaii“ von Paul Abraham beim Lehár-Festival Bad Ischl. Regie: Thomas Enzinger

Los geht´s …  
…mit bombastischer Musik und zwei einsamen Figuren auf der Vorderbühne: Paul Abraham und sein Arzt. Sie werden die Rahmenhandlung sein.

Überraschung:    
"Links Hawaii, rechts Hawaii" - das ist keine Überraschung, aber Totos Bühnenbild schafft nicht nur mit Glitzertreppe und großen Blumen Revue-Atmosphäre, sondern lässt noch genügend Platz für raumgreifende Tanzszenen auf der kleinen Bühne. Das gelingt Choreograph Ramesh Nair und seinem sechsköpfigen Ballett überraschend gut. Trotz der eingeschränkten Möglichkeiten der Bühne im Ischler Kurhaus ist eine opulente Operetten-Revue zu erleben, ganz im Geiste Abrahams.

Größte Lacher:    
Wenn die dralle Raka der SusannaS Hirschler im Dschungel auf die Pirsch geht und den Gentlemen zeigt, wie man einen Tiger mit bloßen Händen erwürgt - "ha!" - dann ist jeder Mann froh, dieser Frau nur auf der Bühne zu begegnen - und lacht. Ihr Begleiter Buffy hat da (und auch sonst) einen schweren Stand, Ramesh Nair macht aus diesem Unglückswurm eine herrliche Jerry-Lewis-Type, deren Leidensweg immer für einen Lacher gut ist.

Gelungenste Szene:
Wenn die Bühnenfigur Paul Abraham mit dem Jazzsänger Jim Boy dessen Song "Bin nur ein Jonny" anstimmt und so von der Regie die zwei Handlungsebenen (Operette und Rahmenhandlung) zusammengeführt werden.

Verblüffend:                  
Wie die Rahmenhandlung rund um die letzten Lebensjahre des Komponisten in der Psychiatrie mit der eigentlichen Handlung der Operette verwoben wird. Das kann leicht danebengehen, ging hier aber total auf. Denn der Plot der Blume von Hawaii ist schon so irrwitzig, dass er durchaus eine Phantasmagorie eines Wahnsinnigen sein könnte. Und bei aller Tragik trug Abrahams Leben durchaus operettenhafte Züge.

Herausragend:        
Die Verknüpfung der verschiedenen Handlungsebenen schafft auch inszenatorisch eine Struktur, die der Musik mehr Raum zur Entfaltung lässt: ihren rauschhaften Klängen genauso wie den rhythmischen Explosionen der vielen Tanznummern. Die sind durch die wechselnden Handlungsebenen viel besser motiviert als im Original. Und so greifen Regie und Choreographie perfekt ineinander - ganz im Sinne von Paul Abrahams Musik, mit der Marius Burkert das Franz Lehár-Orchester in eine neue Klangwelt entführt.

Aha-Effekt:     
Wenn am Ende Jim Boy wieder zum Arzt geworden ist, er die Bühnenfigur Paul Abraham aus seinen bunten Hawaii-Träumen reißt und ihn gleichzeitig vom imaginären Ozeandampfer holt, der Abraham in seiner Vorstellung nach Deutschland zurückbringt...

Berührend:  
...und dann im Finale als Projektion die Bilder von Abrahams realer Rückkehr (per Flugzeug) zu sehen sind: ein gebrochener Mann, mit leerem Blick. Seine Musik aber kündet aus dem Graben von jenem verlorenen Paradies, aus dem er einst von den Nazis vertrieben wurde.

Mutig, neu, zeitgemäß:
In Bad Ischl wurde noch nie Paul Abraham aufgeführt, es war also mutig, neu und zeitgemäß von Thomas Enzinger, seine erste Spielzeit mit der Blume von Hawaii zu eröffnen. Und es war ein Wagnis. Denn Abraham verlangt all das, was in Ischl der eingeschränkten Möglichkeiten wegen nur schwer zu realisieren ist: Ausstattungsorgien, Orchesterbombast, Tanzexzesse. Dass all dies trotzdem da ist, spricht für Enzingers Konzept und für sein Team, allen voran Ausstatter Toto, Choreograph Rames Nair und Dirigent Marius Burkert.

Sei kein Frosch, küss ihn:  
Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert zu großem Operettenmut.

Inszenierung:
Thomas Enzinger
Musikalische Leitung:
Marius Burkert
Bühnenbild und Kostüme:
Toto
Choreographie:
Ramesh Nair
Lichtkonzept: Sabine Wiesenbauer

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