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BR-Klassik vergibt den Juli-Frosch 2017 "Der Vogelhändler" an die Seefestspiele Mörbisch

Großes Glück im Wolkenkuckucksheim. Mit tanzenden roten Rosen und bunten Vögeln in einer modernen Revueversion des "Vogelhändler" von Carl Zeller. Schwebendes Bühnenbild, großartige Typen, gute Sänger, viel Witz – das ist gelungener Operettenmut auf riesiger Bühne. Uns einen Frosch wert.

Die FROSCH-Begründung

Wolkenkuckucksheim am Neusiedler See

Ein gigantisch blau-weißer Wolkenhimmel bedeckt die riesige Seebühne. Der ganze Boden, die riesigen Bilderrahmen, selbst die Overalls der Umbautechniker sind entsprechend bemalt. Alles schwebt. Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann hat eine Art Wolkenkuckucksheim gebaut und verleiht der Aufführung damit eine Leichtigkeit, die dem viel gespielten Stück gut tut.

Denn eigentlich gibt es im Vogelhändler keine großen Bilder für eine revuehafte Aufmachung, wie sie diese Bühne braucht. Schlößmann und Regisseur Axel Köhler finden trotzdem passende Lösungen. Da gibt es etwa eine riesige Kuckucksuhr mit vielfältigen Möglichkeiten: Für Adams Auftritt klappt das Ziffernblatt auf, und eine riesige Treppe fährt heraus.

Köhlers Inszenierung greift diese Möglichkeiten geschickt auf. Bei Adams Auftritt z.B. kommen eben nicht nur Tiroler Vogelhändler auf die Bühne, sondern gleich ein ganzes Ballett an Vögeln: bunte, schräge, schillernde... Überhaupt setzt die Regie – obwohl es kaum Tanznummern gibt – das Ballett in fast jeder Szene plausibel ein und füllt so die Bühne, bricht das Ganze aber auch ironisch und stellt dezent aktuelle Bezüge her.

Urkunde Frosch Juli 2017 - Operettenpreis | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Obwohl auf der Mörbischer Seebühne die Ausstattung – besonders die Bauten – entscheidend ist (was die Figuren oft überdeckt), geht das Bühnenbild in diesem Vogelhändler nicht zu Lasten der Sänger und Figuren. Im Gegenteil: Sie stehen immer im Fokus des Bühnengeschehens und füllen so den Raum der Riesenbühne.

Dagmar Schellenberger hat ein junges, spiel- und bewegungsfreudiges Ensemble engagiert, mit ihr selbst als "komischer Alter". Alle Rollen sind passend (meist doppelt) besetzt. Beide Adams singen gut, sind jung, fesch und aus Tirol, was dem Dialog sehr zugute kommt. Und die Christl, der Sieglinde Feldhofer, ist eine Idealbesetzung.

Auch die akustische Balance stimmt, obwohl in Mörbisch das Orchester nur zugespielt wird. Es klingt unter dem schwungvollen Dirigat von Gerrit Prießnitz trotzdem spritzig. Nur dass der Chor auch noch zugespielt wird, also Statisten wie beim Playback mundmotorisch mimen, ist wie immer ein Wermutstropfen.

"Der Vogelhändler", szenisch für die Seebühne belebt und mit unkonventionellen Revuebildern aufgefrischt. Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Der Vogelhändler" von Carl Zeller bei den Seefestspielen Mörbisch, Inszenierung Axel Köhler

Los geht´s …  
…mit einem weiß-blauen Bühnenhimmel auf dem Neusiedler See. Mittendrin: eine Kuckucksuhr, ironisches Mahnmal verflossener Operettenherrlichkeit.

Überraschung:                      
Die Kuckucksuhr öffnet sich und für den Auftritt Adams fährt eine große Treppe heraus.

Größter Lacher:
Wenn Gerhard Ernst und Wolfgang Dosch als Würmchen und Süffle auf das aktuelle Mörbischer Intendantenkarussell anspielen: "Es ist mancher schon Vorgänger gewesen, ehe er Nachfolger wurde".

Gelungenste Szene:         
Der Auftritt Adams, der nicht nur aus der Kuckucksuhr kommt, die Showtreppe herabsteigt, sondern auch noch von einem ganzen Vogelschwarm umgeben wird. Die entzückend gefiederten Balletteusen bringen so die latente erotische Seite von Adams Vogelhändlerei spielerisch zur Geltung.

Verblüffend:
Wie sich die Brief-Christl, kaum ihrem gelben Postkasten-Ballon entstiegen, von diesem szenischen Klischee löst und zur eigentlichen Hauptfigur der Handlung entwickelt. Eine moderne berufstätige Frau, die die Fäden in der Hand hat und damit auch ihren Adam einfängt.

Aha-Effekt:                   
Beim berühmtem Schmachtfetzen „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ treten Tänzerinnen in roten Blütenblätter-Tütüs auf, die sich dann auch noch naturgetreu auffalten und wieder zusammenklappen.

Herausragend:                         
Dass die riesige Seebühne mit Bildern und Bewegung gefüllt wird und sowohl Ausstattung, als auch Regie und Choreographie ineinander greifen. Chor, Ballett und Solisten bilden eine Einheit und machen so den Verlust von Intimität mehr als wett. Herauskommt ein sinnliches Gesamtkunstwerk, wie es Operette eigentlich sein sollte.

Aha-Effekt:
Beim berühmtem Schmachtfetzen „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ treten Tänzerinnen in roten Blütenblätter-Tütüs auf, die sich dann auch noch naturgetreu auffalten und wieder zusammenklappen.

Berührend:
Wie die Frauen-Figuren inmitten der grotesk-überzeichneten Ausstattung eine emotionale Tiefe gewinnen, für die ihnen die Regie auch Raum gibt. Selbst die fidele Christl verliert da mal die Fasson und Dagmar Schellenbergers Adelaide macht spürbar, dass auch eine komische Alte echte Gefühle haben kann. Und wenn die Churfürstin der Cornelia Zink im Lied vom Kirschbaum ihres untreuen Gatten gedenkt, hat das fast Figaro-Gräfin-Format.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Mutig war es, dieses eher volkstümelnde Stück revuehaft aufzufrischen mit einem Bühnenbild, das auf die riesigen Dimensionen der Mörbischer Seebühne reagiert wie das bisher viel zu selten passiert ist: nämlich mit Übertreibung. Nicht neu, aber neu für Mörbisch. So entsteht ein zeitgemäßer Blick auf die Operette, deren ausgestellt Folklore dadurch einen ironischen Hintersinn bekommt. So stellt die Regie dezent aktuelle Bezüge her und die sehr heutige, vitale Spielweise der Sänger tut ein Übriges.

Sei kein Frosch, küss ihn:    
Die Redaktion Operette gratuliert Intendantin und Ensemble – zu großem Operettenmut.

Inszenierung:                    Axel Köhler
Musikalisch Leitung:       
Gerrit Prießnitz
Ausstattung:                      
Frank Philipp Schlößmann
Kostüme:
Armella Müller von Blon
Choreographie:                
Mirko Mahr

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