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BR-Klassik vergibt im Juni einen Frosch "Der tapfere Soldat", Staatstheater am Gärtnerplatz München

Der Operettenfrosch Juni 2018 geht an das Staatstheater am Gärtnerplatz in München "Der tapfere Soldat"

Die FROSCH-Begründung

"In meinem Leben sah ich nie einen Helden so wie Sie!"

Ja, so einen sah sie noch nie, die Tochter einer bulgarischen Militärsdynastie. Sie heißt Nadina und ist verlobt mit Alexius, einem echten Kriegs-Helden, meint sie zumindest. Und jetzt fliegt ihr dieser fremde Kerl ins Zimmer! Ein flüchtiger Schweizer in serbischer Uniform. Und was will dieser feindliche Ausländer? Schlafen! Und essen! Das gefällt ihm besser als Schießen. Deshalb hat er in seiner Tasche auch keine Patronen, sondern Schokolade: ein Praliné-Soldat.

So hieß die Operette Der tapfere Soldat bei ihrem letzten Erscheinen im Gärtnerplatztheater 1961. Seitdem ist das Stück kaum noch irgendwo aufgeführt worden - sehr zu Unrecht, immerhin stammt die Vorlage von George Bernard Shaw und die Musik von Oscar Straus.

Dass es jetzt doch wieder zu einer Neuproduktion gekommen ist, ist Intendant Josef E. Köpplingers Verdienst und ein Glücksfall für das Haus. Denn inszeniert hat Altmeister Peter Konwitschny, ein Regisseur, der den Stücken auf den Grund geht, sei es bei Wagner oder Lehár. Vor elf Jahren hat er dessen Land des Lächelns in ein wahres Land des Schreckens verwandelt, indem er den edlen Prinzen Sou-Chong seine ihn verlassende Geliebte Lisa massakrieren lässt.

Auch im tapferen Soldaten gibt es ein Ende mit Schrecken. Auch hier ist es am Ende die Frau, die geht. Aber sie wird nicht umgebracht, sondern schlicht übersehen. Niemand nimmt Notiz davon. Bumerli bittet zum Verlobungssektempfang und merkt nicht, dass seine Braut fehlt. Denn tatsächlich war es ihm im Lauf der Operette gelungen, die anfangs so irritierte Nadina von ihren falschen Heldenidealen zu heilen und dem forschen Alexius abspenstig zu machen. Als sie aber entdecken muss, dass ihr vermeintlich pazifistischer Bumerli sein vieles Geld mit Rüstungsgeschäften verdient, verlässt sie völlig desillusioniert das soeben von einer Bombe verwüstete Elternhaus.

Operettenpreis Juni 2018 für "Der tapfere Soldat", Staatstheater am Gärtnerplatz München | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Mit dieser Schlusswendung schließt eine Inszenierung, die vorher - wenn auch pointiert und parodistisch - das Genre geradezu konventionell bedient hat. Da gibt es prächtige Rüschenkleider, neckische Strumpfbänder und protzige Uniformen. Da gibt es Klamauk und Witze, aber immer vorgeführt im dialektischen Zeige-Gestus eines Bert Brecht. Denn für Konwitschny funktioniert diese Operette wie ein modellhaftes Kammerspiel. Alle Figuren gewinnen ein zugleich typisiertes wie individuelles Profil – möglich durch hervorragend agierende Sängerschauspieler. Das passt zur satirischen Komik von Oscar Straus' Musik und setzt sich im Dialog fort - nicht zuletzt dank eines herausragenden Ensembles.

Sophie Mitterhubers Nadina steht im Zentrum dieser Aufführung und ist trotz der historischen Kostüme ganz eine Frau von heute. Dass sie allmählich dem bubenhaften Charme Bumerlis erliegt, ist dank Daniel Prohaskas Nonchalance und dezenten Schweizer Akzents durchaus nachvollziehbar. Um sie herum agieren zwar Karikaturen, aber durchaus glaubhafte, da sie als solche ausgestellt werden und so Konwitschnys Dialektik demonstrieren!. Da hat Papa Popoffs brutal-gemütlicher Bulgaren-Oberst in seiner prallen Lebensgier durchaus sympathische Züge und selbst Überheld  Alexius bleibt bei Maximilian Mayer trotz seines ronaldesken Gebarens ein Mensch mit eher verzeihlichen Schwächen.

Konwitschnys Inszenierung ist eine gelungene Wiederentdeckung einer zu Unrecht vergessenen Operette. Ihr größter Verdienst es ist, das Stück ernst zu nehmen - auch seine Komik -, ein dialektisches Vergnügen! Dieser Spagat zwischen Aufklärung und Unterhaltung erfordert großen Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst! (8,666 Punkte)

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK. operette@br.de

Steckbrief

"Der tapfere Soldat“ von Oscar Straus am Gärtnerplatztheater München. Regie: Peter Konwitschny

Los geht's…

…mit einer fast leeren Bühne, einem leeren rosa Bett und drei klagenden Frauen. Es herrscht Krieg.

Überraschung:
Das Bett kracht zusammen. Der Krieg hört nicht auf. Und am Ende ist die Bühne mit Raketenschrott gefüllt. Alle Figuren sind lädiert, machen aber weiter wie vorher. Nur eine zieht die Konsequenzen: Nadina. Sie setzt ihrem Bumerli noch eine Infusion, dann geht sie. Aber niemand bemerkt es, bloß die Zuschauer - Überraschung!

Größter Lacher:
...wenn Alexius ein Plüschkaninchen aus dem Hochzeitszylinder zaubert, Bumerli Würste in den Mund geschoben bekommt, oder Regenschirme aus dem Schnürboden Pralinen bringen. Klamauk, aber immer als solcher vorgeführt und erkennbar. Deshalb keine Klamotte und verblüffend komisch!

Gelungenste Szene:
Das Popoffsche Familienidyll: Papa Popoff will sich's im Hausmantel gemütlich machen und wird immer wieder von den drei wuselnden Weibern der Familie (Mama, Tochter, Nichte) gestört, während Bumerli Popoff ablenkt und Alexius so langsam Lunte riecht. Ein Sextett in bester Buffo-Manier, szenisch vorgeführt und gestisch ausgestellt - ganz im Sinn von Konwitschnys Lehrmeister Brecht.

Verblüffend:
...wie diese ausgestellt Brechtische Spielweise mit dem scheinbar so oberflächlichen Operetten-Genre harmoniert. Dazu braucht es kein Bühnenbild, sondern nur eine leere Bühne mit einem Rundhorizont, der jede Geste noch einmal optisch betont. Erst so funktionieren die vielen Theaterbehauptungen der Inszenierung: Bumerlis Versteckspiel vor den Soldaten, ob unterm Bett oder unterm Fallschirm - sie sehen ihn einfach nicht! Das ist die wahre Dialektik des Theaters: erhellend und unterhaltsam zugleich.

Herausragend:
Die Personenführung. Denn diese Operette ist eigentlich ein Kammerspiel für sechs Personen. Und alle 6 erhalten vom Regisseur ein klares Profil, typisiert und trotzdem noch individuell - und wieder dialektisch. Dadurch kann sich die satirische Komik von Oscar Straus erst richtig entfalten. Dass Konwitschny diese Komik aus der Musik entwickelt, war zu erwarten, dass er sie aber auch im Dialog zur Geltung bringt, ist bemerkenswert, aber liegt vor allem am herausragenden Ensemble.

Aha Effekt:
Der Bruch im dritten Akt. Hatte Konwitschny doch bisher - wenn auch pointiert und parodistisch - das Genre geradezu konventionell bedient. Da ist nicht nur im Bühnenbild eine Bombe eingeschlagen.

Berührend:
Ist am Anfang Nadina in ihrer Naivität. Wenn Sophie Mitterhuber vom Held ihrer Träume singt und dann gleich auch noch sein Heldenbild herunterschwebt, dann hätte es keiner akustischen Verstärkung bedurft, um zu berühren. Am Ende ist es der verletzte Bumerli, der von ihr so brutal auf die Bühne geschleppt wird, dass er einem fast schon wieder leidtun kann. Aber gleich wie er sich als großer Kriegsprofiteur geoutet hat – selbst da also: Dialektik!

Mutig, neu, zeitgemäß:
Eine Operette so ernst zu nehmen, und zwar nicht nur als Kunstform, sondern auch inhaltlich, das ist mutig und zugleich schon fast wieder unzeitgemäß. Die ästhetischen Brüche, mit denen jüngere Inszenierungen spielen, interessieren Konwitschny offenbar nicht. Ihn interessiert jene antiheroische Stoßrichtung von Oscar Straus' Operette, die schon die Shaw'sche Vorlage hatte. Und das wiederum ist für das Genre neu, auch wenn diese Art Regietheater inzwischen fast schon altmeisterlich wirkt. Aber was heißt das letztlich anderes als - gekonnt.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert dem Intendanten, dem Regieteam, und allen Ausführenden zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Peter Konwitschny
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Bühnenbild und Kostüme:
Johannes Leiacker

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