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Der August-Operetten-Frosch 2016 "Die Juxheirat" - Lehár Festival Bad Ischl

Eine Operetten-Ausgrabung fast ohne Budget und ohne eine richtige Ausstattung zu stemmen - das ist an sich schon mutig. Wenn dann noch das Notenmaterial nur mühsam zu entschlüsseln ist und ein junges Sängerensemble vor einem großen Bühnenorchester durch die Handlung stürmt - dann kann das schrecklich werden. Oder schrecklich gut. Hier war es wirklich ... schrecklich gut!

Die FROSCH-Begründung für "Die Juxheirat" - Lehár Festival Bad Ischl

„Einen Jux will er sich machen“ – glauben die einen. Die anderen denken, dass  ER eine SIE ist und planen den Gegenjux: Die Frau, die vorgibt ein Mann zu sein und verliebt tut, soll enttarnt werden. Das Objekt der Begierde spielt mit und heiratet sie/ihn aus Spaß. Leider ist die Ehe gültig. Denn ER ist ein ER und hat aus Liebe geheiratet.

Der Widerspenstigen Zähmung auf die Spitze getrieben. Denn die Widerspenstige ist eine frustrierte Witwe und Suffragette. Und ihr Besieger das krasse Gegenteil von einem Dompteur: ein überforderter und irritierter Mann, der nur seine Liebe leben will.

Ein wildes, konfuses, überraschendes und freches Libretto, das 1904 seiner Zeit voraus gewesen ist. Da verbünden sich Frauen in einer Ani-Männer-Liga, gehen sogar studieren und machen sich unabhängig. Am Ende schlittern sie zwar doch in den Hafen der Ehe – aber jede auf ihre Weise: Die Naive geht dem Lustgreis um den Bart, die Raffinierte unterstützt den Künstler, die Wilde begeistert den Sanften, die Hemdsärmelige den Bodenständigen, die Strategische erobert den Redlichen und die Ehrliche bindet den Unbeständigen… alles klug dem Leben abgeschaut und mit jungen Sängerdarstellern auf die Bühne gebracht. Die werfen sich in diese unbekannte Operette mit Haut und Haaren, mit Stimme und Spielfreude. Ein modernes Stück entsteht, das in seiner Überzeichnung doch manche Wahrheit trifft.

Urkunde Operettenfrosch August 2016 | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Regisseur Leonard Prinsloo führt die Personen mit leichter Hand und lässt den  jungen Sängern Raum zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit. So werden aus über-drehten Lustspiel-Rollen moderne Figuren – bis in den Chor hinein. Statt eines Bühnenbildes schaffen Projektionen eine weitere Zugangsebene, die das Geschehen unterstützt und kommentiert.

Im Mittelpunkt der Aufführung – und der kleinen Bühne - aber stehen Dirigent Marius Burkert und das Franz Lehár Orchester. Note für Note hat Burkert das Stück erarbeitet und rekonstruiert; Note für Note haben die Musiker ihre Stimmen zusammengesetzt. Diesen Einsatz nehmen sie auch mit in die Interpretation – und spielen mit Verve die interessanten Walzer, Märsche oder Ensemblestücke. Dass das Franz Lehár Orchester dabei noch schön klingt, transparent und beschwingt, macht es zum perfekten Klangkörper für das Genre Operette.

Fazit: Leonard Prinsloo und Marius Burkert haben gemeinsam mit einem unglaublich engagierten Ensemble eine Inszenierung voller Leidenschaft auf die Bühne gestellt.

Die Juxheirat – bisher vergessen – ist aus dem Schatten getreten. Besonderes Lob für Operettenmut – und für die gekonnte Wiederbelebung. Frosch erfolgreich geküsst !
Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Die Juxheirat" von Franz Lehár beim Lehár Festival Bad Ischl in der Inszenierung von Leonard Prinsloo

Los geht´s …    

… mit Donald Trump. Bzw. einem Milliardär mit ähnlicher Frisur. Der behauptet, ganz arm zu sein. Seine Tochter und ihre „Anti-Männer-Liga“ bereiten ihm Kopfschmerzen.

Überraschung: 
Auf der kleinen Bühne sitzt ein großes, wohlklingendes Orchester. Und trotzdem ist noch Platz für ein junges Ensemble, das spielfreudig und temperamentvoll durch die Operette stürmt.

Gelungenste Szene:

Die naivste Suffragette mit der angeblich wenigsten Männer-Erfahrung luchst dem Milliardär ein Vermögen für ihren heimlichen Ehemann ab.

Verblüffend:          
Suffragetten formulieren in dieser Operette von 1904 bereits das, was 70 Jahre später aktuell war. Und die Männer? Arrangieren sich.

Mutig, Anders, Neu:    

Eine völlig vergessene Operette auf den Spielplan zu setzen, ist per se schon mutig. Ganz abgesehen vom schlechten Notenmaterial in solchem Fall, ist eine Sorge, ob das Publikum kommen wird. Das Werk dann noch fast ohne Budget, dafür aber mit umso mehr Liebe zum Genre aufzuführen, ist mutig, anders ... selten …. und immer wieder neu!

Herausragend:   
Alle! Weil sich einfach jede/r einschließlich Orchester, Dirigent, Lichtregie, Regie oder Ausstattung (Projektion) punktgenau einsetzt. Lebendiges, junges Theater entsteht so, das aus einem Provisorium ein absolutes Highlight macht.

Aha Effekt:   
Selten so ein schräges Libretto erlebt: frustrierte Frau hält Mann für Frau und heiratet ihn/sie aus Jux. Heißt: Widerspenstige trifft auf reinen Tor, Mädels und Jungs ringen um einander. Alles ist auf die Spitze getrieben und konfus – und funktioniert trotzdem.

Berührend:        
Jevgenij Taruntsov als Opfer und Sieger, als herumgebeutelter Liebhaber und am Ende glücklicher Ehemann. Ob die Widerspenstige wirklich gezähmt ist??

Entstaubt und zeitgemäß:     
Zum ersten Mal seit 1904 die Juxheirat in voller Länge. Die halb-szenische Lösung (eigentlich ganz-szenisch auf wenig Bühnenraum mit Projektionen) bringt das Stück so frisch und pfeffrig, so exakt besetzt und gut musiziert auf die Bretter, dass wohl niemand im Publikum verstehen kann, warum das Stück so lange vergessen war.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Prinzessin I. und V. vom Operettenboulevard sind überzeugt und gratulieren dem Intendanten Michael Lakner - und auch dem Ensemble – zum Operettenmut.

Ausstattung: -
Choreographie:
Leonard Prinsloo
Musikalische Leitung:
Marius Burkert

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