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BR-Klassik vergibt im Mai einen Frosch "Die lustige Witwe" an der Oper Frankfurt

Der Operettenfrosch Mai 2018 geht an die Oper Frankfurt. "Die lustige Witwe"

"Die lustige Witwe" an der Oper Frankfurt (Premiere am 13.05.) | Bildquelle: ©Monika Rittershaus

Bildquelle: ©Monika Rittershaus

Die FROSCH-Begründung

"So ist`s einmal und fertig!"

Auch wenn sie im schwarzen Abendkleid die perfekte Diva zu sein scheint, Hanna Glawari ist ein Kind aus dem Volk. Sie löst ihre Probleme schnell mit einem Lieblingsspruch: „So ist‘s einmal und fertig“. Gerade diese Mischung macht‘ s – zwischen Naturkind aus der Heimat und Grande Dame – dass sie ihren Danilo zurück erobert.

Auf der Bühne der Oper Frankfurt geschieht das als Dreh eines Musik-Filmes über die Lustige Witwe. Sowohl Marlis Petersen als Hanna als auch alle anderen im Ensemble können dem Affen Zucker geben wie es beliebt, denn im Film wird eine Operette nach alter Sitte gedreht mit allen Klischees und Übertreibungen, die frühere Inszenierungen zu bieten hatten. Regisseur Claus Guth wählt dabei die Original-Szenen gezielt aus, treibt es dabei bunt und lässt seine Darsteller sowie Chor und Ballett gerne schablonenhaft agieren. Lustig ist das und sehr enttarnend.

Operettenpreis Mai 2018 "Die Lustige Witwe", Oper Frankfurt | Bildquelle: BR-Klassik, Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik, Operetten-Boulevard Gleichzeitig gibt es eine zweite Ebene, mit der die Geschichte von Danilo und Hanna – aber auch von Camille und Valencienne – ins Heute geholt wird. Vorsichtig angepasste Texte entwickeln eine doppelte Handlung, wo Eifersucht und das Spiel mit dem Feuer zwar moderner zu sein scheinen, es aber – siehe Filmset – nicht sind: In der Garderobe verzweifelt die Darstellerin der Hanna an ihrer noch immer schwelenden Liebe zum Kollegen und sitzt einsam am Klavier, während er sich im Nebenraum zutrinkt und mit den Ballettmädchen amüsiert. Da bleibt für die Zeit stehen. Ein Kunstgriff, der das Leiden der Hanna und ihrer Darstellerin fast greifbar werden lässt.

Gestern und heute, Klischée und Realität, Nähe und Distanz sind so großartig miteinander verwoben. So eng, dass sogar die Musik sich in beide Ebenen ohne Brüche verteilen kann. Selbst der Darsteller des Njegus hat ein Doppelleben – als Regisseur am Rande des Nervenzusammenbruchs beim Dreh - und als Rolle (Njegus) im Film.

Zwar ist die Operette durch diese Doppelung ein wenig zerteilt und für nicht eingeweihte Zuschauer etwas schwieriger zu verfolgen. Andererseits aber hat das Stück in dieser parallelen Erzählung eine große Aktualität, Spritzigkeit, Frechheit – und wirkt durch seine realistische Klammer (die Hauptdarstellerin sitzt am Anfang und am Schluss einsam am Klavier) zugleich ernsthaft, melancholisch und lebensnah.

Großartig die Solisten. Beide Paare perfekt aufeinander reagierend und sehr überzeugend in ihrer Beziehung. Vor allem Hanna und Danilo (Iurii Samoilow)  treffen aufeinander und entzünden sich an ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Großartig der Chor. Schön singend, frisch agierend, als Schablone perfekt getimed. Wunderbar das Orchester unter Joana Mallwitz, deren Hände im Licht zu tanzen scheinen.

Nur das Ballett bleibt brav, passt sich nicht wirklich ein, hätte noch mehr Esprit und Kreativität brauchen können. Auch die Textverständlichkeit hatte Lücken. Insgesamt jedoch eine Witwe in neuer „Übersetzung“ - mit einer enttarnten Oberflächlichkeit und aufgedeckten Tiefe, wie man sie noch nie so überzeugend aussagekräftig gesehen hat. Das ist großer Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst! 8,143 Punkte auf der Magnituden-Scala.

Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

„Die lustige Witwe“ von Franz Lehár in der Oper Frankfurt /Main. Regie: Claus Guth

Los geht's…
…in einer Filmset-Garderobe. Die Hauptdarstellerin sitzt im Bademantel am Klavier und singt sich ein. Offensichtlich traurig. Da bleibt die Zeit stehen…

Überraschung:
Die Garderobe in einem renovierten Altbau gehört zu einem Filmstudio mit einem riesigen 30er Jahren-Ballsaal, in dem „Die Lustige Witwe“ als Musikfilm gedreht wird. Wunderbar realistische Räume, auf einer Drehbühne als Dekorationen erkennbar. Doppelter Bruch: es wird uns nur was vorgemacht. Deshalb bleiben die Figuren auch manchmal in der Zeit stehen. Die friert ein.

Größter Lacher:
Der Regisseur am Rande des Nervenzusammenbruchs spielt auch noch im Film als Njegus mit. Klaus Haderer sorgt für Lockerheit und Lacher.

Gelungenste Szene:
Ist es die Eifersuchtsszene von Hanna in der Garderobe? Der immer wieder einfrierende und schablonenhaft agierende Chor? Sind es die Liebesgeschichten zwischen den Paaren? Vielleicht ist es vor allem die Szene nach dem Pavillon, wenn Hanna gegen Valencienne ausgetauscht ist und dieselbe Zärtlichkeit und denselben Rosenregen bekommt, wie sie. Ironisch gezeichnete Romantik – und doch so überzeugend.

Verblüffend:
Wie der Bruch zwischen Filmset = Operettenklischees und Drehpausen = echtes Leben funktioniert. Wie die Doppelgeschichte zweier Liebender (oder sind es gar vier?) ineinandergreift und zueinander passt. Sowohl in der Dramaturgie als auch in der musikalischen Umsetzung. Marlis (Petersen) liebt Iurii (Samoilov) im „wahren“ Leben genauso wie Hanna den Danilo; hatte mal was mit ihm und will ihn wieder haben. Das Einsteigen und Aussteigen in die Rollen (Dreh gegen Drehpause) funktioniert reibungslos. Ebenso bei Valencienne und Camille.

Herausragend:
Das Bühnenbild auf der riesen Bühne wirft um. Zu den Garderoben mit Flur kommt außer dem Ballsaal noch die Hausfront einer großen Villa (ist aber das Studio von außen). Das schafft eine unglaubliche Atmosphäre. Und wenn sich die Solisten samt Ensemble dann zwischen den Räumen auf der Drehbühne bewegen, schaut man abwechseln auf und hinter die Kulissen. Das bebildert die beiden verzahnten Geschichten oft überraschend.

Aha Effekt:
Eine konventionelle Operettenregie völlig überzogen und klischeehaft kann man heute nicht mehr ertragen. Wenn sie aber in einem Filmset vorgeführt und von einer aktuellen, modernen Geschichte begleitet wird – ist das sehr witzig. Und enttarnt sowohl die Klischees als auch den Umgang mit ihnen.

Berührend:
Am Anfang die traurige Hauptdarstellerin am Klavier – und am Ende. Denn Hanna hat im Filmdreh zwar ihren Danilo bekommen, aber Marlis nicht ihren Iurii. Der vertändelt sein Leben mit Alkohol und Ballettmädels und hat keinen Sinn mehr für sie. Da friert die Zeit für sie ein. Die Welt bleibt stehen. Und lässt sie außen vor. Eine wunderbare und realistische Klammer für das Stück.

Mutig, neu, zeitgemäß:
Diese Operettenhandlung zu verdoppeln und parallel laufen zu lassen sowohl im Heute als auch im gestrigen Operettenkitsch – das ist ein genialer Schachzug und schafft Distanz zugleich mit Nähe. Die Handlung ist auf der einen Seite allzu bekannt und erwartbar, zugleich aber aktuell wie nie zuvor. Da sind Menschen auf der Bühne und versuchen, ihr Schicksal zu lenken. Was in der Operette gelingt - ist im realen Leben nicht zu erreichen.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert dem Intendanten, dem Regieteam, und allen Ausführenden zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Claus Guth
Musikalische Leitung:
Joana Mallwitz
Bühnenbild und Kostüme:
Christian Schmidt
Choreographie:
Ramses Sigl

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