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BR-Klassik vergibt den November-Frosch 2017 "Der Vetter aus Dingsda" im Tiroler Landestheater Innsbruck

Vettern-Zauberei auf kleiner Bühne: Romantik und Klamauk, Charakterstudien und Komik, Lachen und Rührung schließen sich nicht aus. Eine Regie voller Fantasie, Witz und Frische.

Die FROSCH-Begründung

Die Realität als das bessere Ideal

Was junge Mädchen so träumen und Eltern so von ihnen erwarten. Was smarten  Burschen so einfällt und loyale Bedienstete so mittragen. Wie viel Jugend noch in den Älteren steckt und wieviel Altersweisheit in den Jungen.

Davon handelt die Operette „Der Vetter aus Dingsda“: Auch wenn die Eltern Onkel und Tante heißen und hinter dem Geld des Mündels her sind; hier geht es um eine richtige Familie samt bester Freundin und zwei Cousins, die irgendwie aus der Fremde kommen und trotzdem sofort heimisch werden. Austauschbar, wie sie irgendwie sind und irgendwie auch nicht.

Die Ideale der Jungen und die Realität der Alten prallen im „Vetter aus Dingsda“ aufeinander. Und in dieser Inszenierung auch die Ideale der Alten und die Realität der Jungen. Am Ende weiß der Zuschauer nicht mehr, was was, oder was besser ist. Jedenfalls scheint die Realität am Ende auch ein gutes Ideal. So ist Operette!

Regisseur Thomas Gassner hat sich diese Familie genau angeschaut und die Figuren innerhalb eines Zeitfensters von 24 Stunden aufeinander losgelassen.  Neun Personen (inklusive zwei Diener) arbeiten sich aneinander ab und werden fündig: Die einen finden die Liebe wieder, die anderen entdecken sie zum ersten Mal so richtig – am Ende aber kommen alle zusammen und wissen zu schätzen, was sie haben.

Das läuft in einem ziemlichen Tempo ab. Nur weil die weibliche Hauptfigur es nicht erwarten kann, erwachsen und frei zu sein. Was – wie die Zuschauer wissen – eine Paradoxie ist. Das eine geht nicht mit dem anderen. Aber es geht was anderes, nämlich das Leben wagen, das Wagnis leben. Und das ist am Ende das einzig Wahre.

"Frosch des Monats" November 2017 - "Der Vetter aus Dingsda", Tiroler Landestheater Innsbruck  | Bildquelle: Operetten-Boulevard Bildquelle: Operetten-Boulevard

Auf einer kleinen Bühne, die zur Hälfte schon mit dem kleinen Orchesterchen besetzt ist (das als Gartenstatuen mitspielt und dessen Musik nicht immer optimal arrangiert ist, der einzige Wehrmutstropfen) hat Michael D. Zimmermann ein etwas altmodisches zuhause für Julia gebaut, das schon mal bessere Zeiten gesehen hat und mit wenigen Versatzstücken immer neue Szenen eröffnet. Darin spielt, singt und tanzt ein neunköpfiges Ensemble, dass es eine Freude ist. Alle stimm- und ausdrucksstark, alle textverständlich, alle witzig. Wie geht das? Nur mit großem Können und großer Fantasie des Regisseurs.

Die jungen Stimmen nicht zu dick, nicht zu laut, wunderbar entwickelt – die erfahrenen Stimmen gut eingesetzt und geführt. Dazu die Choreographie von Randy Diamond, und fertig ist ein total bewegtes, schwungvolles und frisches Stück, das die Zuschauer zu Lachsalven reizt. Klamauk und Tiefgang, Romantik und Sachlichkeit, Geldgier und Liebe, Verrat und Loyalität…. das alles passt zusammen und wird zu einem homogenen Amalgam.

Der Vetter aus Dingsda, Zauberei auf kleiner Bühne. Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !
Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Der Vetter aus Dingsda“ von Eduard Künneke am Tiroler Landestheater, Inszenierung Thomas Gassner

Los geht's…
… mit zwei Dienern, die im Rhythmus der Ouvertüre einen großen Luftballon als Mond aufblasen.

Überraschung:
Auch wenn die Ausstattung eher altmodisch wirkt, kommt das Stück ganz frisch daher. Klamauk, Romantik und kluge Charakterstudien schließen sich nicht aus. Schon weil die sehr jungen Sängerdarsteller gemeinsam mit ihren erfahrenen Kollegen singen, spielen und tanzen, was das Zeug hält.

Größter Lacher:
Hier kämpft jeder um das, was ihm/ihr das Glück bedeutet. Vor allem der Onkel hat dabei schlechte Karten. In seiner Verzweiflung greift er zu Gestik und Mimik von Donald Trump und verliert für Sekunden sein eigenes Gesicht .

Gelungenste Szene:
Onkel und Tante haben das Beste aus dem gestrigen miesen Tag gemacht und nachts offensichtlich auch das Leben genossen.  Am Morgen sind sie etwas mitgenommen, aber die Tante – noch ganz aufgemöbelt – schafft es doch, den Onkel zu verführen. Der nimmt seine Sonnenbrille irgendwann ab und vergisst auch die Kopfschmerzen ….

Verblüffend:
Winzige Bühne. Darauf ein Orchesterchen, das auch noch den halben Platz wegnimmt. Und trotzdem ein Feuerwerk an Ideen. Die Musiker spielen als Gartenskulpturen mit und jedes Teil des rudimentären Bühnenbildes wird so vielfältig genutzt, wie es nur geht. Ein Efeubogen wird da z.B. zur rotierenden Schwelle zwischen drinnen und draußen.

Herausragend:
Den Vetter aus Dingsda umgibt oft eine große Spießigkeit – die Gegenwelt der sich dort herausträumenden Julia kommt meist zu kurz. Auch der dick schwelende Generationenkonflikt geht oft unter. Hier nicht! Onkel und Tante haben eigene Persönlichkeiten, Julia träumt sich vom Balkon zu ihrem Romeo, die junge Generation kämpft um das Recht eigener Fehler – sogar die Diener spielen als Teil der Gemeinschaft mit und haben eigene Geschichten. Alle Figuren sind sehr gut besetzt! Das Publikum lernt diese Familie unter Lachen lieben und erkennt ganz sicher Teile der eigenen Familie wieder.  

Aha Effekt:
Wenn der erste Fremde seinen Hut rechts aus dem Fenster herauswirft und der Hut von links wieder auf die Bühne fliegt ist klar, wie das Bühnenbild gemeint ist. Nicht nur in Dingsda ist die Welt irgendwie verdreht.

Berührend:
Die Figur des glücklosen Egon von Wildenhagen wirkt in anderen Inszenierungen  oft eher unsympathisch. Unnsteinn Arnason aber spielt den stalkenden Liebhaber als stotternden, unglücklichen und tapsigen „Bären“ so anrührend, dass man ihm am liebsten zur Hilfe eilen würde, wenn die beiden Mädels mit ihm spielen (und er die Hosen runterlassen muss).

Mutig, anders, Neu:
Hübsche Musik, eine hübsche aber nicht große Geschichte hat dieser Vetter zu bieten. Auch die Texte hauen nicht vom Hocker. Und hier auch noch eine kleine Version  - ohne bombastisches Bühnenbild, nur mit einem Durchsteher. Da muss sich der Regisseur viel einfallen lassen. Und das tut er. Mit Kreativität, Fantasie, Humor und Menschenkenntnis lässt er die wunderbar besetzten Figuren sich im perfekten Timing aneinander abarbeiten. Dass dann auch noch schön gesungen, die romantische Seite der Geschichte gezeigt und die Absurdität nicht verleugnet wird – das ist kleine Bühne ganz groß.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette gratuliert – zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Thomas Gassner
Musikalische Leitung:
Hansjörg Sofka
Ausstattung:
Michael D. Zimmermann
Choreographie:
Randy Diamond

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