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BR-KLASSIK vergibt November-Frosch "König Karotte" an die Staatsoper Hannover

Der Operettenfrosch November 2018 "König Karotte" an die Staatsoper Hannover von Jacques Offenbach. Eine Inszenierung von Matthias Davids.

Steckbrief

"König Karotte" an die Staatsoper Hannover von Jacques Offenbach. Regie: Matthias Davids

Los geht´s …    
…mit langsam eintrudelnden Sängern vor dem Vorhang. Als sich der öffnet, ist klar: Wir, das Publikum, sind auf der Hinterbühne, sehen also alles von hinten und schauen ins gegenüberliegende Parkett. Wir gehören zum Künstlervolk und wissen: Es ist alles "nur" Theater, Kulissengeschieberei, Schein.

Überraschung:         
Theater kann trotzdem zaubern. Es kann vergessen machen, dass jede/r nur so tut als ob. Denn die skurrile Geschichte reißt mit, und ganz klar zeigen sich auf den Brettern Typen und Verhaltensweisen unseres Alltags.

Größte Lacher:     
Verschwender-Prinz Fridolin soll geläutert werden und wird von einem guten Geist auf Abenteuer-Wanderschaft geschickt. So lernt Fridolin viele neue Situationen, Welten und Wesen kennen. Darunter auch den Zauberer Quiribibi. Der möchte in Stücke zerrissen und in einen Ofen geworfen werden – hilft selbst nach Möglichkeit dabei mit. Schwarzer Humor, auf offener Bühne umgesetzt. Große Lacher, zum Teil mit Grausen. Im Ofen singt der zerstückelte Magier dann weiter und kommt als Jüngling wieder heraus. Der was will? Zu den Damen!

BR-KLASSIK-Operettenpreis November 2018 "König Karotte" an die Staatsoper Hannover | Bildquelle: Operetten-Boulevard Bildquelle: Operetten-Boulevard

Gelungenste Szene:     
Fridolin und seine Begleiter müssen nach Pompeji. Zuerst treffen sie nach dem Vesuv-Ausbruch ein, dann zaubern sie sich davor, und schließlich bricht der Vesuv doch aus. Alle drei Zeitpunkte spielen sich in einem einzigen Bühnenbild ab – es verändert sich vor aller Augen durch kleine Tricks.
Dazu noch die Handlung: Fridolin sucht einen Zauberring. Den hat ein Mann seiner Liebsten als Unterpfand der Liebe übergegeben. Die aber hat das Juwel weitergereicht. Ihr Auserwählter tat dasselbe … und dessen Liebste auch… und deren Liebhaber ebenso…. Liebe? Eigeninteresse! Ein kostbares Kleinod verkommt so zur Ramsch-Ware.

Verblüffend:    
Hinter den 4 Akten mit 15 Schauplätzen und einer völlig unorthodoxen, fantasiestrotzenden Märchenhandlung verbirgt sich auf den zweiten und dritten Blick ein komödiantisch-bissiges, satirisch-parodistisches Bühnenspektakel. Und viel Aktualität. Kann es tatsächlich sein, dass die Welt sich so wenig verändert hat?

Herausragend:  
Dieses Stück überhaupt anzugehen und einigermaßen sinnvoll zu erzählen, ist an sich schon herausragend. Wenn dabei das Märchenhafte transportiert, das Menschliche herausgearbeitet und die politische Dimension eingeschlossen sind – ist das schon eine Offenbach-nahe Mischung. Und ein Wagnis für die heutige Zeit. So etwas hat noch niemand gesehen. Das Stück ist völlig unbekannt, muss erst gelernt und verstanden werden, ehe neue Ansätze möglich sind.


Aha-Effekt:   
"
König Karotte" ist in Teilen ein Märchen. Aus dem Hofgarten kommt – durch den Zauber einer Hexe – eine Karotte und wird Regent. Im Gefolge: verschiedene Gemüsesorten. Die ehemaligen Hofschranzen passen sich an. Das Volk kuscht. Der junge verschwenderische Thronfolger flieht und erlebt heilsame Abenteuer. Eine Ausstattung ohne Zauber und Zauberhaftes ist fast nicht möglich. Andererseits aber nur beim Zauber zu bleiben, wäre zu wenig. Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau hat es hervorragend geschafft, die Regie darin zu unterstützen, Märchen und heutige Welt zu verquicken, Metaebenen einzubauen. Kostümbildnerin Susanne Hubrich hat dazu fantasie- und anspielungsreiche Kostüme geschaffen.

Berührend: 
Im großen Spektakel gehen die berührenden Momente eher unter. Aber es gibt sie. Wenn Fridolin erkennt, dass sein Freund und Gefährte eine junge Frau ist und es zum ersten Mal ehrliche Gefühle gibt, dann ist das ein Moment der Ruhe. Auch im wunderbar spielenden Orchester unter Leitung von Valtteri Rauhalammi. Oder der Schluss dieser Fassung: Der welke König Karotte wird seiner Machtmittel beraubt und ausgestoßen. In Unterwäsche und verängstig duckt er sich in einen Winkel. Was soll aus ihm werden?

Mutig, neu, zeitgemäß:
Großes Orchester, großer Chor, großes Solistenensemble, viele Bilder, viele Kostüme, viele Handlungsstränge…. mitreißende Musik. Das ist das Revue-nahe Ausstattungsstück "Roi Carotte/König Karotte". Kaum ein anderes Werk kann da mithalten. Regie, Ausstattung, Choreographie, Orchester haben in Hannover wunderbar zusammengearbeitet und aus dem überwältigenden Theaterspektakel herausgeholt, was zu schaffen war. Leider blieb die Textverständlichkeit manchmal auf der Strecke, manche Szenen (Ameisen) hätten noch etwas mehr Detailarbeit gebraucht und auch die Übersetzung war Geschmackssache – aber insgesamt hat das Team diesen Offenbach mit Verve zugänglich gemacht. Respekt.

Sei kein Frosch, küss ihn: Die Redaktion Operette ist überzeugt und gratuliert der Staatsoper Hannover, dem Regieteam und allen Ausführenden zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Matthias Davids
Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi
Choreographie: Kati Farkas
Bühnenbild/ Kostüme: Mathias Fischer-Dieskau & Susanne Hubrich

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