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BR-Klassik vergibt den Oktober-Frosch 2017 "Ein Herbstmanöver" im Stadttheater Gießen

Zwischen großer Emotion und schriller Militärparodie, zwischen Rückschau und aktueller Warnung vor dem Untergang, zwischen Innersten und Äussersten - in Giessen erlebt das Publikum Operette, wie sie sich gehört.

Die FROSCH-Begründung

"Eine ungarische Titanic"

Schon wieder eine Witwe. Baronin Riza von Marbach. Diese Witwe ist aber eine traurige Witwe. Umgekehrt wie in der "Lustigen Witwe" war sie es, die ihren Liebsten damals sitzen gelassen hat. Der schmollt seitdem und als ein Herbstmanöver beide wieder zusammenführt, schmollt er noch mehr. Beide verbindet tiefe Melancholie.

Beste Voraussetzungen für eine Operette von Emmerich Kálmán, dachte sich wohl Regisseur Balázs Kovalik, als er zusammen mit Dirigent Michael Hofstetter das Stück auswählte. Obwohl er noch nie eine Operette inszeniert hat, ist es ihm gelungen, die Mischung von Melancholie, Wahnsinn und Komik, die das Stück ausmacht, stimmig auf die Bühne zu bringen. Dazu muss man wohl Ungar sein, wie der Regisseur, und die Sprache verstehen. Denn Kovalik hat sich intensiv mit der ungarischen Urfassung beschäftigt, im Archiv in Budapest, ein gestrichenes Duett und ein unbekanntes Lied entdeckt.

Außerdem hat er die Dialoge neu übersetzt und so die Voraussetzung für die an sich hanebüchene Liebesgeschichte geschaffen, deren emotionale Direktheit diese Operette über alle Untiefen des Genres trägt. Denn die Qualität einer Operetteninszenierung zeigt sich im Dialog. Bereits hier entsteht Tschechow-Stimmung, die Atmosphäre von vor 100 Jahren ist so eingefangen, dass sie uns heute noch berührt. Wie damals auf der Titanic.

Die Ausstattung von Lukas Noll greift das auf. Das Bühnenbild ist eine Montage von disparaten Teilen, von Ozeandampfer, altmodischem Panzer, Tresor und einem Schloss in der Puszta. Eine Art Würfel, der je nach Drehung eine andere Facette zeigt. Auch die Kostüme fangen diese Atmosphäre ein. Im ersten Teil tragen alle wunderschöne, weiße historische Kleider, im zweiten Teil ist es eine bunte Ballgesellschaft von heute. Ein Anachronismus als Zeichen der Gemeinsamkeiten der Epochen.

Urkunde Operettenfrosch Oktober 2017 | Bildquelle: BR-Klassik, Operettenboulevard Bildquelle: BR-Klassik, Operettenboulevard

In Michael Hofstetter hatte Kovalik einen Dirigenten, der ein Gespür für solche Zwischentöne besitzt, der wirklich – was wenige Dirigenten tun – mit dem Regisseur zusammen das Stück entwickelt. Wie bei ihm ungarisches Feuer und zarte Begleitung changiert, wie er den Klang grotesk verzerrt oder emotionale Ausbrüche forciert, macht das musikalische Potential Kálmáns hörbar - irgendwo zwischen Tschaikowski und Kurt Weill.

So entstand eine absolut homogene Ensembleleistung – obwohl oder gerade weil fast alles Kräfte vom Haus waren.
Das ist kaum zu glauben, denn jede Figur ist  passgenau besetzt. Allein wie der Bariton Grga Peroš die schwierige Partie des Lörenthy bewältigt hat, absolut ergreifend, schön gesungen und toll getanzt. Das hat auch Christiane Boesiger als Riza mitgerissen. Und wie Tomi Wendt die nicht ungefährliche Rolle des Wallerstein gespielt hat - der hier nicht wie im Original jüdisch ist, sondern schwul - war eine gelungene tragikomische Gratwanderung.

Ein Herbstmanöver in Gießen: zwischen Groucho Marx und Tschaikowski - sehr witzig und sehr traurig. Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !
Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Ein Herbstmanöver"von Emmerich Kálmán am Stadttheater Gießen in der Inszenierung Balázs Kovalik

Los geht's…
…mit einem Dialog von altem Diener mit dem Gutsverwalter. Ein Tschechow-Idyll auf dem Land, in das eine Gruppe von Städterinnen hineinplatzt. Sie wünschen nichts sehnlicher, als dass der Diener für sie auf den Boden spuckt...

Überraschung:
Nach der Pause erscheint das Personal der Operette nicht mehr in historischen, sondern in zeitgenössischen Kostümen.

Größter Lacher:
Wenn der Reservist Wallerstein vom schwulen Gutsverwalter in die geheimen Verbindungen von Landwirtschaft und Kriegskunst eingeführt wird und im Duett mit ihm entdeckt, wie gut seinem Säbel das Pumpern mit einem Mann tut.

Gelungenste Szene:
Ist zugleich der dramaturgische Höhepunkt, als die feindliche Manöverattacke die Festgesellschaft im Schloss überrascht, nur den Oberleutnant Lörenthy nicht. Der hat seiner einstigen Liebe Riza geschworen, nie die Schwelle ihres Schlosses zu überschreiten und wenn doch dann werde er tanzen wie ein Schneidergeselle und trinken wie ein Bürstenbinder. Um seine Kameraden zu warnen, ist er jetzt gezwungen, seinen Schwur zu brechen und sein Ehrenwort einzulösen: Wie Grga Peroš das macht, ist grandios: alle Gefühle dieses großen, disziplinierten Mannes brechen hervor und treiben ihn in einen verzweifelten Csárdás, während seine zuvor wild feiernde Umgebung entsetzt in den Abgrund blickt, der sich plötzlich vor ihnen auftut. Eine Momentaufnahme zwischen Ekstase und Entsetzen, das die Stimmung der ganzen Operette festhält.

Verblüffend:
Die Balance zwischen solch emotionalen Szenen und der Militärgroteske, die den Rahmen des Stücks bildet. Dabei arbeitet die Inszenierung die Brüche heraus, die das Werk durchziehen, auch musikalisch. Das ist großes Gefühlskino und Slapstick zugleich.

Herausragend:
Die Inszenierung scheut nicht vor großen Gefühlen zurück, zelebriert Kálmáns melancholische Liebesgeschichte bildstark mit emotionaler Wucht und geradezu schmerzhaftem Ernst, der die Situationen bis an die Grenzen des Kitsches auslotet, aber nie überschreitet, ob es plötzlich mitten im Raum schneit oder ein Lagerfeuer an der Rampe prasselt.

Aha Effekt:
Wenn der Chor plötzlich im ersten Finale die Handys zückt und mit leuchtendem Display die Mondstimmung unterstützt.

Berührend:
Jede Figur berührt auf eigene Weise menschlich, selbst die komischen, am meisten aber vielleicht der alte Diener, der seinen Herrn am Klavierspielen erkennt.

Mutig, anders, Neu:
Ist die Stückauswahl schon mutig, dann umso mehr, weil die Vorlage eben keine der angesagten jazzig-satirischen Vertreter des Genres ist, sondern das Gegenteil, eine husarenhörige, sentimentale Militärklamotte. Neu ist nun, wie die Regie gerade aus dieser Dramaturgie den grotesken Widersinn dieser Welt herausliest, ohne sie allerdings lächerlich zu machen. Vielmehr spürt er den karikaturhaft überzeichneten Figuren nach und bringt sie uns so näher, dass wir gerade ihre Endzeitstimmung als zeitgemäß empfinden.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Die Redaktion Operette gratuliert – zu großem Operettenmut.

Inszenierung: Balázs Kovalik
Musikalische Leitung:
Michael Hofstetter
Ausstattung:
Lukas Noll
Choreographie:
Leo Mujić

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