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Der Februar-Operetten-Frosch 2016 "Der Zarewitsch" an der Staatsoperette Dresden

Der Zarewitsch liebt es, Turnern zuzuschauen. Und er sehnt sich nach seinem Freund, dem Soldaten am Wolgastrand. Putin beäugt diesen Zarensohn argwöhnisch, obwohl er selbst auch Make-up zu lieben scheint - ein Foto zeigt es. Nur eine junge Tänzerin hat das Herz, dem Zarensohn zum wahren Selbst zu verhelfen. Bis er seiner Pflicht nachgehen und heiraten muss. Wie die Fassade aufrecht erhalten wird - und welchen Preis das kostet - das zeigt mutig diese Inszenierung.

Die FROSCH-Begründung für "Der Zarewitsch" von der Staatsoperette Dresden

Er turnt, statt zu küssen. Weiß der Teufel, der Junge ist ganz aus der Art geschlagen. Er verrammelt den Weibern die Tür.“ So steht es in Lehárs Libretto von 1927.

Regisseur Robert Lehmeier nimmt diese Aussage ernst. Er glaubt nicht daran, dass der Zarensohn durch eine schöne Frau in Männerkleidern zu bekehren ist und erzählt die Geschichte eines unglücklichen Menschen, der durch wahre Freundschaft (von Sonja) hoffen lernt, Glück erlebt und zu seiner Identität findet.

Umso dramatischer das Ende: Der junge neue Zar opfert sich und heiratet. Während sein Diener alle Spiegel verhängt.

Diese glücklose Welt der Macht und der Machthabenden arbeitet Robert Lehmeier lückenlos und präzise heraus. Er bezieht sich dabei auf das aktuelle System Putins, das Homosexualität als Krankheit definiert und als Anzeichen für den Weltuntergang sieht. Lehmeiers Aussage ist eindeutig und konsequent bitter – zugleich zeitgemäß und modern. Diese Operettenhandlung ist neu, hat witzig-parodistische Elemente und eine klare Haltung.

Urkunde "Frosch des Monats Februar - Der Zarewitsch" für Staatsoperette Dresden | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Die Ausstattung von Markus Meyer unterstützt die Regie dabei: In seinem halbrunden Einheitsbühnenbild aus hohen Spiegeln sind durch Detailveränderungen verschiedene Räume möglich: Turnsaal, Ballsaal, Palazzo, Kirche. Dazu teils moderne Kleidung, teils Kostüme mit Anlehnung an russische Folklore, die das Stück zu verorten helfen. Andererseits ist aber klar: Macht kennt keine festen Epochen und Nationen.

Da Markus Meyer wenig Requisiten und Möbel benutzt, verlangt er sowohl von der Regie große Kreativität und Phantasie, als vor allem von den Sängerdarstellern eine enorme Präsenz und Spielfreude. Das machen alle Solisten ausgezeichnet - wie auch der Chor - und auch sängerisch tragen sie mit schönen Stimmen die Geschichte voran. Leider ist das Hauptpaar wenig textverständlich – das Buffopaar und alle Nebenrollen sind dagegen textlich gut geführt. Und auch das Ballett erfüllt eine wichtige Erzähl-Funktion, wenn auch in eher üblicher Einzelstellung und mit traditioneller Tanzsprache: Es kommentiert das Geschehen.

Vor allem das Orchester in der Einstudierung von Andreas Schüller, dirigiert von Peter Christian Feigel, glänzt und trägt Sänger wie Ballett mit silbrigem, leichten, durchsichtigen Klang durch das Stück. Ein sehr differenzierter Lehár, dessen Emotion nicht aus dem Orchestergraben brettert, sondern sich mit den schönen Stimmen im Gesamtklang entfaltet.
Insgesamt eine intelligente, moderne Deutung von hoher künstlerischer Qualität -  da wurde energisch der Staub vom Genre weg gewischt, ohne dass der Charme verloren ging.

Frosch erfolgreich geküsst!

Steckbrief

"Der Zarewitsch“ von Franz Lehar  an der Staatsoperette Dresden in der Inszenierung von Robert Lehmeier

Los geht´s …    
… in einem halbrunden Turnsaal mit Springbock, Turnerringen von der Decke und Matratze. Der Zarewitsch sitzt dort einsam und deprimiert und träumt von seinem Liebsten, einem Soldaten am Wolgastrand.

Überraschung: 
Dieser Zar liebt Männer - und das unter den strengen Augen von Putin. Der eigentlich wohl auch lieber in Schminke auftritt, wie ein Gemälde zeigt.     

Größter Lacher:
Mascha, die Frau des Leiblakaien fühlt sich vernachlässigt und führt schon Selbstgespräche. Ihr Mann schenkte ihr deshalb Goldfische, die munter in einem Glas schwimmen - und verspricht ihr zum Trost noch einen neuen.

Gelungenste Szene:  
Sonja trifft den alten, todkranken und gebeugten Zaren. Sie erklärt ihm, was er im Leben seiner Untertanen bedeutet: Angst. Schon die Kinder fürchten ihn. Was für eine Bilanz am Ende des Lebens.

Verblüffend:          
Die Liebesszenen gehen auf. Es gibt keinen Bruch in dem Stück. Sonja und der Zarewitsch verstehen sich, sind zutiefst in Freundschaft verbunden. Die großen Liebesstücke aber singen sie entweder für sich, als öffentliches Statement für die Hofgesellschaft, als Traumszene – oder der Zarewitsch singt an Sonja vorbei, seinen eigentlichen Liebsten an.

Mutig, Anders, Neu:    

Die Geschichte von Sonja und dem Zarewitsch wird komplett neu erzählt. Sonja ist eine kluge, starke Frau mit einem großen Herzen und voller Mitgefühl für den Zarewitsch. Sie kann bei Hofe bestehen, weil sie sogar dem alten Herrscher entgegentreten kann. Ihre Mädchenträume aber hat sie nicht vergessen. 

Herausragend:   

Das Buffo-Paar – Jeannette Oswald und Andreas Sauerzapf – sowie alle  Nebenrollen in einem gut besetzten und jungen Sängerensemble, dessen Hauptpartien allerdings textlich schwer verständlich waren.

Aha Effekt:   
Das Ballett erzählt Nebengeschichten: Wie war der Tanz der Kosaken im Theater, was hat der Zarewitsch erlebt, wie sieht die Wirklichkeit hinter der Fassade der Frömmigkeit aus.  

Berührend:        
Sehr anrührend und gelungen ist das Ende des Stücks: Der neue Zar geht gebeugt seiner Zwangsgattin entgegen, die ihn bewegungslos im Militärkostüm erwartet. Der Diener des Zaren verhängt gleichzeitig alle Spiegel mit einem riesengroßen schwarzen Vorhang.  

Entstaubt und zeitgemäß:     
Der neue und absolut aktuelle Blick auf die Figuren und unsere Zeit. Ein Einheitsbühnenbild, das Räume ermöglicht, ein wunderbar leicht musizierendes Orchester. 

Sei kein Frosch, küss ihn:

Prinzessin I. vom Operettenboulevard ist überzeugt und beeindruckt und gratuliert dem Intendanten - und auch dem
Ensemble - zu seinem Operettenmut.            

    

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