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Der Juli-Operetten-Frosch 2016 "Viktoria und ihr Husar" - Seefestspiele Mörbisch

Eine riesige Bühne ohne riesige Dekorationen. Das verlangt nach einer Regie, die gleichermaßen mutig wie kreativ ist. Denn die Geschichte muss sich in einem skizzierten Bühnenbild ganz besonders überzeugend entwickeln. Da braucht es Timing und Tempo, da müssen Chor, Statisterie und Ballett verzahnt agiern, die Figuren die Handlung tragen. In dieser Inszenierung gibt es das alles. Und liebevoll ausgedachte Details beleben die Geschichte, die nun endlich erklärt, wie Husar Stefan nach Japan zu seiner Viktoria kommt

Die FROSCH-Begründung für "Viktoria und ihr Husar" - Seefestspiele Mörbisch

Sibirien, Japan, Russland, Ungarn - Paul Abrahams Viktoria und ihr Husar ist eine abenteuerliche musikalische Reise. Da kann man sich dramaturgisch leicht verfahren. Auf der Seebühne Mörbisch ist es ein rotes Flugzeug, das den fehlenden roten Handlungsfaden aufnimmt.

Andreas Gergens Inszenierung macht durch solch kleine Kniffe die revuehafte Dramaturgie von Abrahams Operette plausibel, deren Handlung er trotzdem durchaus ernst nimmt, besonders was die Personenregie betrifft.

Im Zentrum dieser Handlung steht Viktoria. Dagmar Schellenberger meistert die nicht sehr dankbare Titelrolle souverän, singt gut, spielt mit sehr viel Leidenschaft auch in den Dialogen. Weniger souverän ihr Husar Michael Heim, der stimmlich und darstellerisch unter den Erwartungen bleibt. Dem Schauspieler Andreas Steppan hingegen gelingt es sogar, Koltays etwas blassem Rivalen Cunlight durchaus Statur zu verleihen.

Noch wichtiger als Viktoria und ihr Husar sind in Abrahams Operette freilich die Buffo-Paare. Und davon gibt es hier gleich zwei und die sind passgenau besetzt: Katrin Fuchs und Andreas Sauerzapf entwickelten als Janczi und Riquette echt ungarisches Temperament, Peter Lesiak und Verena Barth-Jurca zeigten als Ferry und O Lia San tänzerische Bravour.

Urkunde Operettenfrosch Juli 2016 | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Überhaupt der Tanz! Er ist ein wesentliches Element von Abrahams Musik-dramaturgie und wird auf der riesigen Seebühne virtuos eingesetzt; was bisher in Mörbisch viel zu selten der Fall war. Simon Eichbergers Choreographie weist in die richtige Richtung – er zeigt, wie man den scheinbaren Nachteil der Bühnen-dimensionen in einen Vorteil verwandeln kann. Das gilt auch für Christian Floerens Ausstattung, die mit prächtigen Glitter-Kostümen und zwei riesigen - in allen Nationalfarben glitzernden - Show-Treppen auch aus der Distanz wirkt.

David Levi stürzt sich temperamentvoll in Abrahams bunt schillernde, bisweilen grell-jazzige Partitur. Dass die Buntheit der orchestralen Farben nicht unverfälscht über die Rampe kommt, liegt am etwas mulmig Klang der Tonanlage und trübt das ansonsten unterhaltsame Vergnügen, das wie immer im finalen Feuerwerk kulminiert - diesmal mit kunstvoll beleuchtetem Wasserballett.

Fazit: Andreas Gergens Inszenierung gelingt es, Abrahams Revue-Ästhetik für die riesigen Dimensionen der Seebühne Mörbisch szenisch so zu nutzen, dass daraus ein Mehrwert entsteht.

Viktoria und ihr Husar. Nicht mehr oft gespielt, daher besonderes Lob für Operettenmut! Frosch erfolgreich geküsst !
Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Viktoria und ihr Husar" von Paul Abraham / Seefestspiele Mörbisch in der Inszenierung von Andreas Gergen

Los geht´s …    

… vor einer riesigen weißen Treppe auf der Seebühne. Weiß beschlagene Kostümen deuten sibirische Kälte an.

Überraschung: 
Die riesige Bühne wird wirklich einmal – und das mit einfachsten Mitteln - in ihren Möglichkeiten genutzt: Zwei riesige, verschieb- und beleuchtbare Treppen kennzeichnen mit skizzierten Kulissen dahinter den jeweiligen Spielort.

Größter Lacher:

Wenn bei "Mausi, süß warst Du heute Nacht" viele kleine Mäuse auf den Tischen tanzen und am Ende der riesige Schatten eines Katers über die Bühne huscht und die Mäuse quietschend auseinanderstieben...

Gelungenste Szene:  

Die Bürgermeister-Ansprache des wunderbaren ungarischen Schauspielers Béla Pörkölty, die wie eine Parodie auf die in Mörbisch obligate Premierenrede wirkte.                                                                               

Verblüffend:          
Der Stepptanz von Katrin Fuchs, Peter Lesiakmit mit dem Ballett bei "Dodo" auf der beleuchteten Showtreppe, deren Lichter die amerikanische Flagge ergeben.

Mutig, Anders, Neu:    

Zum ersten Mal seit 1973 wieder Paul Abraham auf der Seebühne Mörbisch. Ein Komponist, der lange vergessen war, aber dessen Musik gerade wieder entdeckt wird. Wegen ihrer Revueelemente passt diese Musik  bestens nach Mörbisch.

Herausragend:   
Das Zusammenspiel von Choreographie und Regie, vor allem weil die Revue-Elemente Abrahams aufgegriffen werden und so nie Stillstand eintritt.

Aha Effekt:   
Wenn Koltay und Janczy in einem roten Doppeldecker aus Sibirien nach Japan fliehen – deshalb spielt also der 2. Akt in Japan!

Berührend:        
Das Ehepaar Viktoria, Cunlight: als er entdeckt, dass sie ihm die wahre Identität des Husaren verschwiegen hat, geht das unter die Haut. Dagmar Schellenberger und Andreas Steppan spielen das sehr zart und echt.

Entstaubt und zeitgemäß:     
Endlich keine reine Kulissenbühne mehr in Mörbisch, sondern funktionale, veränderbare Elemente. Vor allem die LED-Effekte bei der Treppen- und sonstigen Bühnenbeleuchtung ergeben eine zeitgemäße Anmutung. Das gilt auch für die schnörkellose Regie und die pfiffige Choreographie.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Prinzessin I. und V. vom Operettenboulevard sind überzeugt und gratulieren der Intendantin - und auch dem Ensemble - zu ihrem Operettenmut.

Ausstattung: Christian Floeren
Choreographie:
Simon Eichberger
Musikalische Leitung:
David Levi

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