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Der Juni-Operetten-Frosch 2016 "Viktoria und ihr Husar" - Staatstheater am Gärtnerplatz München

Es gibt Leute, die mögen nur traditionelle Operette. Und es gibt Leute, die mögen Operette lieber moderner und kühler. Hier kommen beide Sichtweisen zu ihrem Recht: In einem kalten, grauen Gefangenenlager träumt Husar Stefan von seiner Viktoria. Und je mehr er träumt, desto bunter und lebensfroher werden die Bilder. Bis auch das Herz des Kommandanten von ihnen erwärmt ist. Und bis das Publikum versteht, wie große Gefühle Menschen retten können. Mutig, das in so einem krassen Wechsel der Emotionen - und Bilder - zu erzählen.

Die FROSCH-Begründung für "Viktoria und ihr Husar" - eine Produktion des Staatstheaters am Gärtnerplatz München - im Prinzregententheater

Eine Geschichte in der Geschichte als Theater auf dem Theater in "Viktoria und ihr Husar" zu erzählen ist gewagt und auch gar nicht so einfach. Und doch hat Josef E. Köpplinger in seiner Bearbeitung von Paul Abrahams neu zu entdeckendem Werk eine schlüssige, eine hochspannende und quicklebendige Operette auf die Bühne des Münchner Prinzregententheaters fabriziert.

Unterstützt hat seine Ideen ein kongenial zusammenarbeitendes Team aus Bühnen- und Kostümbildnern, Choreograph und musikalischer Leitung.  Im Sängerensemble glänzt das hohe Paar Alexandra Reinprecht und Daniel Prohaska mit edlen, opernhaften Tönen, und die beiden Buffopaare lassen in ihren spritzigen Revuenummern das Publikum den Atem anhalten und sich vor Vergnügen auf die Schenkel klopfen.  Selten erlebt man eine solch akrobatische und vollendet komische Nummer wie den Handtuchtanz von Josef Ellers zu „Ungarland“!  Auch die Schauspieler im durchweg hervorragend agierenden und gut geführten Ensemble überzeugen und steigern die Fallhöhe von Tragik zu Komik und wieder zurück, die dieses Werk ausmacht.

In den schrillen Revuenummern, in den folkloristisch-ironischen Teilen, aber auch im eleganten St. Petersburger Bild leuchten Albert Mayerhofers Kostüme um die Wette. Vielleicht ist das Auge etwas ermüdet, wenn es zuletzt in Ungarn noch bunter wird, aber ein Seitenblick auf den düstere Rahmen des Gefangenenlagers bleibt jederzeit möglich, um die kalte, grausame Realität des Lagers ins Bewusstsein zu holen.

Urkunde Operettenfrosch Juni 2016 | Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard Bildquelle: BR-Klassik Operetten-Boulevard

Aus dem Graben liefert Michael Brandstätter eine feine, sehr schwungvolle Version von Abrahams originaler Partitur. Das Staatsorchester bäumt sich mächtig auf und kann dann wieder herrlich frech swingen, foxtrotten oder jazzen. Die akustische Balance ist durch die fein austarierte Tonregie optimal gelöst, auch wenn man die Stimmen nicht immer genau auf der Bühne orten kann und die größeren Stimmen nicht unbedingt von Mikrofonen verstärkt werden müssten. Für die Tanznummern und die Dialoge ist es ein großer Vorteil, und die sind es ja auch, die dieses Stück vorantreiben und immer wieder mit neuen Überraschungen Impulse setzen.

Fazit: Diese Impulse machen die Operette lebendig und einzigartig, und dass München nun solch eine tiefgründige, pralle und unterhaltsame Operette zu bieten hat, verdient einen Frosch!
Findet das Team vom Operetten-Boulevard auf BR-KLASSIK.

Steckbrief

"Viktoria und ihr Husar" von Paul Abraham in der Inszenierung von Josef E. Köpplinger

Los geht´s …    

… in einem winterlichen, russischen Kriegsgefangenenlager in Sibirien im Ersten Weltkrieg.

Überraschung: 
In dem Lager gibt es eine alte kleine Bühne, und der Husar Stefan wird nicht freigelassen, wie im Original, sondern der Leutnant Petroff will erst darüber entscheiden, wenn er die Geschichte von Stefans Zukunftsvision und seiner großen Liebe gehört hat. Theater auf dem Theater beginnt.

Größter Lacher:
Janczy, der Bursche des Husaren  legt nach einem japanischen Bad einen sensationellen Handtuchtanz  aufs Parkett , bei dem das Badehandtuch immer kleiner wird. Josef Ellers spielt atemberaubend komisch!

Gelungenste Szene:  

Die Auflösung der Geschichte am Schluss, wenn die glückliche Vision Stefans vom Happy End mit Viktoria der Anfangssituation im Gefangenenlager gegenüber gestellt wird und man nicht weiß, was nun geschieht.

Verblüffend:          
Wie die erzählerische Klammer funktioniert, die sich im Handlungsverlauf immer wieder öffnet. Stefan erzählt immer weiter um sein Leben in aberwitzigem Tempo, spannend und glaubhaft. Über zwei Stunden ohne Pause bleibt man gebannt und wartet auf die nächste Überraschung.

Mutig, Anders, Neu:    

Die Verweigerung des Regisseurs, die Geschichte chronologisch zu erzählen wie im Original. Die überdrehte Fröhlichkeit in den Revuenummern mehr als zu bedienen, und so den Kontrast zwischen den Erzählebenen zu verschärfen.

Herausragend:   
Die beiden Buffo-Paare, besonders die Männer liefern ein Feuerwerk auf der Bühne. Das hohe Paar berührt ohne zu viel Herzschmerz, singt sehr gut, und die musikalische Nummernfolge ist spritzig und abwechslungsreich. Abrahams außergewöhnlicher musikalischer Stil kommt perfekt zur Geltung.

Aha Effekt:   
Komik und Melodram können beide gleichwertig bedient werden, wenn der szenische Rahmen so geschickt abgesteckt wird. Alte Operettentradition kann modern umgesetzt werden!

Berührend:        
Die lebensbedrohliche Situation im Lager, der Stefan zu entkommen versucht, indem er diese fantasievolle Geschichte und auch seine Gefühle für Viktoria damit erzählt. Jeder der drei Liebespaare im Stück hat einen eigenen, sehr sympathischen Charakter.

Entstaubt und zeitgemäß:     
Neben den zwei Erzählebenen die fetzigen Tanznummern, die lebendige Choreografie, die feinfühlige und neu klingende musikalische Umsetzung. Die gelungene Verbindung vom Operetten- Stil der Entstehungszeit des Stückes und heutiger Erzählweise.

Sei kein Frosch, küss ihn:
Prinzessin I., II.und V. vom Operettenboulevard sind beglückt, begeistert und beeindruckt und gratulieren dem Intendanten - und auch dem Ensemble - zu seinem Operettenmut.

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