BR-KLASSIK

Inhalt

Vom Nasenmotiv bei Nikolaj Gogol Schnüffeln, schniefen, schnarchen

Schostakowitschs Oper "Die Nase" wird an der Bayerischen Staatsoper aufgeführt. Das Werk basiert auf der literarischen Vorlage von Nikolaj Gogol. Was geht vor sich? Ein Barbier findet eine Nase im Brot. Der Versuch, sich ihr zu entledigen, schlägt mehrfach fehl. Da macht sich die Nase selbständig. Als ein Kollegienassessor den Verlust seiner Nase entdeckt, können weder die Polizei noch die Annoncenredaktion helfen. Ob jemand dahintersteckt, der den Beraubten zur Heirat zwingen will? Bevor es dazu kommt, nimmt die Nase rechtzeitig wieder ihren angestammten Platz ein. Und alles ist wie früher.

Nikolaj Gogol | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

"Was Du bist, bist Du nur durch Deine Nase"? Nicht erst zur Zeit Sigmund Freuds gilt die Nase als Symbol der Männlichkeit. In den Jahren, da die Erforschung des Unterbewusstseins in der Luft liegt, tritt ein hässlicher, verliebter Verseschmied auf die Bretter, die die Welt bedeuten: in Edmond Rostands anrührendem Theaterstück "Cyrano de Bergerac". Später wird ein Opern- und Ballett-, Musical- und Filmstoff daraus. Aber dem französischen Drama geht Jahrzehnte zuvor, 1836, eine Nasen-Hymne in Form einer Novelle voraus: "Die Nase" des Russen Nikolaj Gogol. Das menschliche Riechorgan stellt hier sogar den Titelhelden dar! Die vor Banalitäten und Absurditäten berstende Story ist die Geburtsstunde des Surrealismus.

Redensarten mit Nasenbewusstsein

"Deine Nase wächst ja seit einem Jahrhundert! Die überbrückt ja die Wolga!" So begrüßen sich in Russland Frauen und Männer, deren Nase ungewöhnlich groß geraten ist. Vielen Menschen aus dem russischen Kulturkreis wird ein ausgeprägter Nasenhumor nachgesagt. Da finden sich Hunderte Redensarten und Sprichworte, die vergnügt der Nase huldigen. Beispiele: "Wer die längste Nase hat, sieht weiter. – Wer müde ist, angelt mit der Nase. – Wer Dich besiegt, schnäuzt Dir die Nase. – Wer zur Vergesslichkeit neigt, muss sich einen Knoten in die Nase machen."

Zwischen Moskau und Nowosibirsk sprechen die Leute mehr als anderswo davon, dass sich Menschenkinder gegenseitig an der Nase herumführen. Oder jemanden mit seiner Nase allein lassen. Dass dieser oder jene nase-froh ist beziehungsweise nase-traurig. Dass er die Nase niedergeschlagen hängen lässt oder triumphal nach oben reckt. Man freut sich, wenn es im Organ inwendig prickelt – das gilt als gutes Omen. Bildet sich ein Pickel auf der Nasenspitze, sieht man ihn als Vorboten eines baldigen Trinkgelages.

Bildergalerie: Markante Nasen - Fluch oder Segen?

Nasales Leitmotiv

Den Menschen, mit denen er zu tun hat, gilt Gogol als mürrisch und krank. Sein Schicksal: klein und krumm gewachsen und – mit einer extrem langen Nase geschlagen zu sein. In seinen Jugendtagen bringt er es zum Erstaunen seiner Zeitgenossen fertig, zwischen seiner Nasenspitze und seiner Unterlippe einen makabren Kontakt herzustellen. Seine Physiognomie ist es, die Gogol animiert, in seiner Literatur eine Art nasales Leitmotiv zu kultivieren. Und damit ein Faible für Geräusche wie Schnüffeln, Schniefen, Schnarchen.

Gogols Nasenhumor

Nikolaj Gogol | Bildquelle: picture-alliance/dpa Der russische Schriftsteller Nikolaj Gogol | Bildquelle: picture-alliance/dpa Schon früh hat der Dichter Gogol den Eindruck, dass Kollegen von der schreibenden Zunft in seiner Heimat als humorvoll gelten, wenn sie schildern, wie sich eine Fliege auf die Nase eines Zeitgenossen setzt. Um sich zu profilieren, macht er sich einen Jux daraus, Nasen wie Faschingsfiguren auftreten zu lassen, geborgt aus der "Folklore" – einem Kramladen für Konfektionskleidung. Die Helden Gogols rollen ihre Nase in einem Schubkarren vor sich her: Nasen tröpfeln, Nasen zucken. Manchmal behandelt man sie auch grob – ein Betrunkener scheint darum bemüht, die Nase eines anderen abzusägen. Ein Irrer macht schon mal die Entdeckung, dass die Bewohner des Mondes nichts als Nasen sind.

Tragisches Ende

Doch mit zunehmendem Alter ist das Ding in der Mitte des Gesichts für Gogol ganz und gar nicht mehr lustig. Vielmehr etwas, das seinem Träger nicht wirklich ganz gehört und sich nur mit Glück als Verbündeter erweist. Und das Ende bietet ein Bild des jammernden Elends: Wie von Augenzeugen überliefert, versucht Gogol im Sterben vergeblich, sich von schwarzen Blutegel-Klumpen zu befreien, die an seinen Nasenlöchern saugen. Der Dichter wird zum Opfer religiös motivierten Fastens. Eine paranoid-halluzinatorische Psychose vernichtet die Lebensenergie und Schaffenskraft des 42-jährigen Genies.

Schostakowitschs "Nase" an der Bayerischen Staatsoper auf BR-KLASSIK

BR-KLASSIK überträgt die zweite Vorstellung der Münchner Neuproduktion von Dmitri Schostakowitschs Oper "Die Nase" am Mittwoch, den 27. Oktober, ab 19:00 Uhr im Video-Livestream und im Radio

Videostream und Radio

Mehr zum Thema

    AV-Player