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Opernfestspiele München

27. Juni bis 31. Juli 2019

Sonya Yoncheva im Gespräch Oper ist wie Kino

Mit Opernarien von Giuseppe Verdi war Sonya Yoncheva am 21. Juli beim Festspielkonzert im Rahmen von "Oper für alle" zu erleben. Besonders hat es ihr die Violetta aus "La Traviata" angetan.

Sopranistin Sonya Yoncheva | Bildquelle: Julian Hargreaves

Bildquelle: Julian Hargreaves

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BR-KLASSIK: Frau Yoncheva, Sie müssen wahnsinnig gute Nerven haben. Sie sind als Last-Minute-Einspringerin berühmt geworden. Sie haben eine katapultartige Karriere gemacht und sind jetzt ganz vorne. Haben Sie einen Ratschlag für uns Normalsterbliche, wie man es schafft, cool zu bleiben, wenn man etwas machen muss, wovor man wahnsinnig aufgeregt ist?

Sonya Yoncheva: Für mich war das schon immer so im Leben: Wenn man in sich drin etwas spürt – das kann Stärke sein, Ehrgeiz oder Inspiration –, dann ist man auch bereit. Und dann legt man einfach los. Als ich diese Chancen bekam, gab's keinen Zweifel: Ich musste da zugreifen.  Ja, es ist eine Frage der Nerven. Man braucht eine psychologisch stabile, gut vorbereitete Persönlichkeit. Und zugleich muss man sich als Musiker sicher sein in dem, was man tut. Sichere Technik, sichere Stimme. So bin ich halt. (lacht)

BR-KLASSIK: Beneidenswert! Kann man es auch übertreiben, kann man sich auch übernehmen?

Sonya Yoncheva: Also bis jetzt hab ich nicht den Eindruck, dass mir das mal passiert ist. Es war immer die richtige Entscheidung im richtigen Moment. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn all die Risiken, die ich eingegangen bin, haben mich wachsen lassen. Diese Erfahrungen haben mich zu der gemacht, die ich heute bin.

Wir müssen uns von der Musik auch immer wieder überraschen lassen. Die Musik leitet uns.
Sonya Yoncheva

BR-KLASSIK: Macht Sie das Risiko besser? Performen Sie dann besonders gut?

Sonya Yoncheva | Bildquelle: Julian Hargreaves / SonyClassical Bildquelle: Julian Hargreaves / SonyClassical Sonya Yoncheva: Absolut. In jeder Hinsicht. Klar, in der Musik braucht man Wissen, Vorbereitung, Technik und so weiter. Auf der anderen Seite müssen wir uns von der Musik auch immer wieder überraschen lassen. Die Musik leitet uns. Ich liebe die Improvisation, ich liebe die Aufregung des allerletzten Augenblicks, wenn man an einen extremen Punkt kommt. Das mobilisiert das Beste, was in einem steckt.

BR-KLASSIK: Sie haben gesagt, dass die Musik Sie durchs Leben führt. Wie ist es mit den Verdi-Rollen? Sie singen bei "Oper für alle" drei Arien: eine der Elisabetta aus "Don Carlos", eine der Leonora aus "La forza del destino" und von der anderen Leonora aus "Trovatore". Gibt's eine Verdi-Figur, die Ihnen besonders nahe steht?

Sonya Yoncheva: Alle drei Arien sind wichtig für mich. Jede Frauenfigur von Verdi ist spannend. Das gilt auch für Puccini. Ich liebe an den großen Komponisten der Vergangenheit die Sorgfalt, die sie darauf verwendet haben, die außerordentliche Natur der Frau zu zeigen.  Alle diese Figuren durchleben extreme psychologische Situationen. Und von der Musik muss ich gar nicht reden, die ist so großartig.

BR-KLASSIK: Welche Figur ist Ihnen am nächsten?

Sonya Yoncheva: Am nächsten ist mir Violetta aus "La Traviata." Jedenfalls bei Verdi. Schon allein, weil es diese Frau wirklich gab. Eine ganz besondere Frau. Bis heute, nach fast zwei Jahrhunderten, gehen die Leute in Paris an ihr Grab und legen Blumen darauf. Man kennt sie immer noch, sie ist ein großer Star, ohne dass es ein einziges Bild von ihr gibt.

BR-KLASSIK: Waren Sie auch an ihrem Grab?

Sonya Yoncheva: O ja! Ich war an ihrem Grab und in den Häusern, in denen sie gelebt hat in Paris. Ihr Leben hat mich sehr inspiriert. Ich habe den Roman von Alexandre Dumas gelesen, der natürlich nicht ganz der historischen Realität entspricht. Ihre Geschichte fasziniert mich. Ich habe alle ihre Briefe gelesen. Wirklich eine außergewöhnliche Frau!

BR-KLASSIK: Wie ist das für Sie, wenn sie jetzt unter freiem Himmel singen? Ist ein besonderer Reiz, der sie wieder inspiriert?

Sonya Yoncheva: Ich fühle mich dabei sehr wohl. In solchen Konzerten kann man dem Publikum sehr nahe kommen. Die Leute erleben einen in einem ganz anderen Licht. Ich liebe das, auf so einer riesigen Bühne zu stehen, mit Groß-Bildschirm, jeder kann sehen und bewundern. Auch wenn die Leute weit weg sind, kann ich auf die Entfernung wirken und mich mitteilen, als Sonya Yoncheva … Und es ist einfach entspannter als im Saal. Ich mag das.

In der Oper kommt alles darauf an, dass wir Geschichten erzählen.
Sonya Yoncheva

BR-KLASSIK: "Oper für alle" - Ist das realistisch, kriegen wir das wirklich hin, Oper für alle? Diese Gattung hat ja auch den Ruf, elitär zu sein.

Sonya Yoncheva: In der Oper kommt alles darauf an, dass wir Geschichten erzählen. Geschichten über Menschen. Es ist im Grunde dasselbe wie im Kino.  Die Gefühle müssen sich übertragen – über die Stimme, aber auch durchs Schauspielen.  Wenn wir es schaffen, die Leute damit zu erreichen, dann kommen sie auch wieder.

Sendung: "Leporello" am 20. Juli 2018 ab 16:05 in BR-KLASSIK

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