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Grigori Sokolov bei den Salzburger Festspielen Eine Feier der Schnörkellosigkeit

Ein Konzert mit Grigori Sokolov ist nicht einfach nur ein Konzert. Es ist gesellschaftliches Ereignis und Hörabenteuer zugleich. Und ein strenges Ritual, das eigenen Gesetzen folgt. Am 1. August spielte Sokolov einen Klavierabend bei den Salzburger Festspielen. BR-KLASSIK-Redakteur Bernhard Neuhoff hat ihn miterlebt.

Sokolov in Salzburg: Gespräch mit Bernhard Neuhoff anhören:

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Als wäre das Große Festspielhaus nicht ohnehin eigentlich zu groß für einen Klavierabend, stehen noch zusätzliche Stühle auf der Seitenbühne - natürlich auch die vollbesetzt. Nicht nur die übliche Mischung aus Musikfans und besserer Gesellschaft sitzt im Saal, auch die Crème de la Crème der Festspielkünstler, darunter die Dirigenten Teodor Currentzis und Franz Welser-Möst.

Sorgfältig durchkomponiertes Programm

Das Sokolov-Ritual ist eine Feier der Schnörkellosigkeit. Ein Pianist zelebriert seine Abneigung gegen alles Virtuosen-Gehabe, gegen jede Form von Show und Schein. Dieser sympathische Kunst-Radikalismus hat selbst schon wieder etwas Demonstratives. Schnellen Schritts kommt er auf die abgedunkelte Bühne, kein Lächeln, kein Blick ins Publikum, knappste Verbeugung, los geht’s. Pausen zwischen den Sätzen oder gar Beifall zwischen den Werken würden nur unnötig die Konzentration stören. Außerdem ist dieser Klavierabend wie jedes  Sokolov-Programm sorgfältig durchkomponiert.

Kristallklarer Anschlag

Grigori Sokolov | Bildquelle: picture-alliance/dpa Mozarts von zahllosen Klavierschülern zerschlissene "Sonata facile" in C-Dur verbindet sich mit der dramatisch düsteren c-Moll-Fantasie und -Sonate zu einer verblüffend stimmigen Einheit. Mit grimmiger Genauigkeit treibt Sokolov der scheinbar so heiteren "Sonata facile" alle vermeintliche Harmlosigkeit aus. Kristallklar ist sein Anschlag, jede Note wird mit Bedeutung aufgeladen. Die Differenzierung im Klanglichen ist atemberaubend. Wenn Sokolov Oktaven spielt, zeichnet er mal den oberen Ton etwas schärfer, mal den unteren, alles genau kalkuliert. Mit feinem, präzisem Meißel arbeitet er Linien heraus. Dann wieder hebt er Motive hervor, indem er sie abschattiert, lenkt er die Aufmerksamkeit gerade durch ein besonders sprechendes Piano auf bestimmte Phrasen.

Intensität und Distanz

Diese Anschlagskunst ist schiere Zauberei. Und doch weit entfernt von aller Selbstgefälligkeit. Heftige Ausbrüche sind selten, entfalten dann aber eine fast beängstigende Wirkung. Die Tempi sind meist langsam, was Sokolovs Spiel nichts an Spannung nimmt. Im Gegenteil. Dieser Mozart kennt keinen billigen Trost, keine perlende Rokoko-Geschmeidigkeit, kein unterhaltsames Augenzwinkern. Sokolov ist ein Ausdruckskünstler, der Mozarts Musik als existenzielle Botschaft übermittelt. Das Erstaunliche ist, dass sein Spiel zugleich völlig frei ist von bloß privaten Gefühlen. Sokolov legt ein Maximum an Ausdruck in die Musik und nimmt sich als zufällige Einzelperson doch scheinbar völlig aus dem Spiel. Er gibt der Musik alles - und wirkt doch so, als würde er nichts von sich erzählen, sondern immer streng bei der Sache bleiben, beim emotionalen und gedanklichen Weg, den er uns durch die Werke weist. Eine seltsame und seltene Mischung aus Intensität und objektiver Distanz.

Grigori Sokolovs visionäre Grübelei

Grigori Sokolov | Bildquelle: Mary Slepkova / DG Auch bei Beethoven (auf dem Programm stehen die beiden zweisätzigen Sonaten op. 90 und op. 111) rückt Sokolov keinen Millimeter ab von seinem radikalen Kunst-Ernst. Das ist großartig - und doch: Blitzt nicht gerade beim späten Beethoven inmitten der existenziellen Tragödien immer wieder ein paradoxer Humor auf? Die "Arietta", das geheimnisumwitterte Finale von Beethovens letzter Sonate op. 111, kennt eben nicht nur Lyrik, Verinnerlichung, Gefährdung des einsamen Ichs, sondern auch Übermut, Groteske, musikantische Energie (etwa bei den verquer swingenden Jazz-Rhythmen im 12/32-Takt) und am Schluss die schiere Lust an funkelnden Klangkaskaden. Alle diese spielerischen Seiten beim späten Beethoven opfert Sokolov seiner visionären Grübelei.

Endlich einmal losgelassen

Restlos glücklich wird man deshalb erst im inoffiziellen Teil des Programms. Und der dauert fast nochmal halb so lang wie der offizielle. Sechs Zugaben gibt Sokolov - auch das gehört zum Ritual. Bei einem "Moment Musical" von Franz Schubert und Robert Schumanns "Arabeske" gibt es wieder interessante Eigenwilligkeiten - etwa wenn er aus einer Reihe von Bassnoten mit Staccato-Punkten, wie sie Schumann notiert, eine hartnäckige Folge leicht penetranter Sforzato-Schläge macht. Aber spätestens wenn Sokolov Chopin spielt, finden Kopf und Bauch zu einer bruchlosen Einheit. Hier lässt er endlich auch mal los. Hier verbindet sich seine überragende interpretatorische Klugheit mit beglückender musikantischer Unmittelbarkeit.

Stoff zum Denken und Fühlen

Ein Konzert mit Grigori  Sokolov ist eben nie einfach nur ein Konzert. Und auch viel mehr als ein eigenwilliges Kunst-Ritual. In der Abfolge von radikaler Strenge im offiziellen Teil und spontaner Freiheit in den Zugaben gibt er einem Stoff zum Denken und Fühlen mit auf den Weg, der lange nachwirkt. Was kann man Besseres über einen Klavierabend sagen?

Sendung: Leporello am 2. August 2017, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK