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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 30. August 2018

Kritik - "Pique Dame" bei den Salzburger Festspielen Pathologische Studie - eindrucksvoll besetzt

Regisseur Hans Neuenfels war nach seiner skandalträchtigen "Fledermaus"-Inszenierung im Jahr 2001 Persona non grata in Salzburg – jetzt hat ihn Markus Hinterhäuser nach 17 Jahren noch einmal zurückgelockt, mit Peter Tschaikowskys Oper "Pique Dame". Am 5. August hatte die Oper Premiere bei den Salzburger Festspielen. Dirigent Mariss Jansons und Hans Neuenfels verstanden sich bei den Proben prächtig – was ist dabei herausgekommen?

Szenenfoto "Pique Dame" 2018 - Tschaikowsky Oper - Salzburger Festspiele | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Kritik - "Pique Dame" bei den Salzburger Festspielen

Pathologische Studie - eindrucksvoll besetzt

Vom düsteren Vorspiel an zeigt Mariss Jansons, wie sehr ihm diese Oper liegt: Energisch und leidenschaftlich geht er zur Sache, aber auch diskret und feinsinnig. Die Wiener Philharmoniker bieten ihm ihren unnachahmlichen Streicherschmelz und wunderbare Bläsersoli. Und der Wiener Staatsopernchor gibt der Petersburger Aristokratie eine machtvolle Stimme.

Halb ironisch, halb albern

Die Probleme der Inszenierung fangen jedoch bei der halb ironischen, halb albernen Chorregie an – die hat Regisseur Hans Neuenfels nämlich einfach an die Choreografin Teresa Rotemberg abgegeben. Überdies hat Kostümbildner Reinhard von der Thannen die Sängerinnen und Sänger in manierierte, geschmäcklerische Roben gesteckt. Überhaupt leidet die kalte Breitwandbühne von Christian Schmidt unter einer gewissen Künstlichkeit und Sterilität: In einem vertäfelten Salon, gepolstert wie eine Gummizelle, spielt sich das Drama um die mutige Lisa und ihren abgedrehten Hermann ab.

Die Inszenierung in Bildern

Pathologische Studie

Szenenfoto "Pique Dame" 2018 - Tschaikowsky Oper - Salzburger Festspiele | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Der Amerikaner Brandon Jovanovich steigert sich hörbar im Lauf des Abends. Sein Tenor wirkt eher herb, viril und etwas glanzlos in der Höhe. Durch seine knallrote Offiziers-Uniform mit goldenen Kordeln über der behaarten Brust sticht Hermann schon äußerlich aus dem grauen gesellschaftlichen Einerlei heraus. Neuenfels zeigt den psychischen Verfall des Außenseiters als pathologische Studie. In der zentralen Szene, wenn Hermann der alten Gräfin das Kartengeheimnis entreißen will, gelingt Neuenfels ein Coup: Die nächtliche Begegnung findet nämlich in einem blendend weißen Krankenzimmer statt. Die bald 75-jährige Hanna Schwarz – kahlköpfig, bleich und dürr – klammert sich expressionistisch an ihren Peiniger: ein starkes Bild. Kein Wunder, dass Lisa über der Spielsucht ihres Geliebten verzweifelt. Evgenia Muraveva gibt sie bis zum Selbstmord als starke Frau, mit gehaltvollem Timbre, überzeugend vor allem in der Mittellage.

Ende in der Spielhölle

Bis in die vielen Nebenrollen hinein ist das Ensemble mit authentisch russischen Sängern eindrucksvoll besetzt. Herausragend Vladislav Sulimsky als süffisanter Graf Tomski und Igor Golovatenko als nobler Fürst Jelezki. Jansons begleitet sie alle liebevoll: Mit leichter Hand dirigiert er das mozartische Schäferspiel, um dann wieder die Emotionen hochkochen zu lassen. Und Hans Neuenfels? Die Pranke des Regietheaters fährt er nicht mehr aus, der alte Bilderstürmer ist etwas zahnlos geworden. Doch einige Momente bleiben in Erinnerung aus dieser "Pique Dame": die Kindersoldaten zu Beginn, die in Käfigen hereingefahren werden. Die Huldigung an die Zarin, die als Totenskelett auftritt. Die beklemmende Hitchcock-Szene in der Psychiatrie. Und die Spielhölle zum Schluss, wenn sich Hermann die Kugel gibt. Aufgebahrt liegt sein Leichnam auf dem Spieltisch – ein Opfer seiner Obsessionen, aber auch der arroganten High Society, die dem Underdog keine Chance geben wollte.

Sendung: "Allegro" am 06. August 2018 ab 06:05 auf BR-KLASSIK

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