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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 31. August 2019

Salzburger Festspiele 2017 - eine Bilanz Das Dunkle und die Macht

Die Salzburger Festspiele gehen zu Ende, die Premieren sind gespielt. Der Erfolg war allgemein beachtlich bis riesig, ein Skandal blieb aus. Insgesamt hat Markus Hinterhäuser bei der Wahl der Beteiligten ein glückliches Händchen bewiesen.

Intendant Markus Hinterhäuser | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Franz Neumayr

Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Franz Neumayr

Es war Hinterhäusers erste Spielzeit in seiner Eigenschaft als Intendant der Salzburger Festspiele. Seinem Vorgänger Alexander Pereira wurde gelegentlich vorgeworfen, dass es seiner Programmgestaltung an Persönlichkeit mangelte. Das trifft auf Hinterhäuser sicher nicht zu. Die Produktionen zeigten fast durchweg ein sehr eigenes Gesicht. Insgesamt dominierte das Element des Dunklen und Tragischen - die großen Fragen und existentiellen Aussagen. Ein Thema, das Hinterhäuser in seiner ersten Spielzeit besonders beschäftigte, ist die Macht in ihren verschiedenen Spielarten und Ausprägungen. Dennoch ging es ihm weniger um ein übergreifendes Motto als vielmehr darum, interessante Konstellationen zu erzeugen.

Teodor Currentzis fasziniert mit Mozart

Dirigent Teodor Currentzis | Bildquelle: picture-alliance/dpa Teodor Currentzis | Bildquelle: picture-alliance/dpa Für polarisierende Zusammenstellungen ist der Shooting-Star der zeitgenössischen Dirigenten-Szene, Teodor Currentzis, bekannt. Bei den Salzburger Festspielen stellte er in diesem Jahr eine feste Größe dar und präsentierte mit seinem Ensemble musicAeterna zu Beginn des Festivals eine viel beachtete Interpretation von Mozarts "Requiem". Mit Spannung erwartet wurde Currentzis' Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Star-Regisseur Peter Sellars - und das Warten lohnte sich. Die beiden Künstler brachten Mozarts späte Oper "La clemenza di Tito" auf die Bühne. Currentzis und sein historisch informiert aufspielendes Orchester agierten unglaublich agil und differenziert. Insgesamt zeigte sich die "Titus"-Lesart von Sellars und Currentzis äußerst vielschichtig, ging zurück an die Wurzeln des Stücks und warf zugleich gegenwärtige Fragen auf - inklusive Terrorismus und Flüchtlings-Krise.

Verdi, der Humanist

Zu den ungewöhnlichen künstlerischen Kombinationen, die Hinterhäuser dieses Jahr in Salzburg zusammenstellte, zählen zwei Opernproduktionen, bei denen bildende Künstler für die Regie zuständig waren. Die Inszenierung von Verdis "Aida" lag in den Händen der Exil-Iranerin Shirin Neshat, die sich als Foto- und Video-Künstlerin einen Namen gemacht hat. Angesichts der Tatsache, dass Anna Netrebko in dieser Produktion ihr Rollendebüt in der Titelpartie gab, geriet Neshats Regieleistung fast ein wenig ins Hintertreffen. An den repräsentativen Aspekten der Oper, die auf anderen Bühnen oft in dekorativem Kitsch ihren Ausdruck finden, zeigte Neshat wenig Interesse. Stattdessen legte sie den Akzent auf die humanistische und pazifistische Seite des Komponisten Verdi - ein Aspekt, der bislang nicht allzu oft bei "Aida"-Inszenierungen beleuchtet wurde.

Ein "Wozzeck", der im Gedächtnis bleibt

Beim Salzburger "Wozzeck" war der als Grafiker und Filmemacher bekannte William Kentridge für die Regie verantwortlich. Kentridge siedelt seine Bilderwelten konsequent im Umfeld des Ersten Weltkriegs an und das ergibt doppelt Sinn - zum einen wegen des Soldatenmilieus, in dem die Opernhandlung spielt, zum anderen weil der Komponist Alban Berg das Libretto zum "Wozzeck" während des Krieges ausarbeitete. Kentridges Interpretation ging unter die Haut und entwickelte eine ungeheure Sogwirkung. Dirigent Vladimir Jurowski glättete nichts, betonte auch nicht die spätromantischen Seiten von Bergs Musik, sondern ihre atemberaubende Modernität. Bariton Matthias Goerne verlieh der gequälten Persönlichkeit der Titelpartie eine tiefe, anrührende Menschlichkeit. Diese Inszenierung wird man lange Zeit in Erinnerung behalten.

Theaterblut und Gänsehaut bei Reimann

Szenenfoto, Aribert Reimanns Oper "Lear", Salzburger Festspiele 2017 | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Thomas Aurin Gerard Finley als Lear in Salzburg | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Thomas Aurin Dasselbe gilt für die Neuproduktion von Aribert Reimanns "Lear" unter der Regie des Australiers Simon Stone. Eine kohärente Geschichte durfte man von diesem "Lear" nicht erwarten; überraschende Wendungen, faszinierende Assoziationen, starke Bilder, die sich einbrennen, dagegen schon. Stone entwarf ein archaisches, düsteres Panoptikum, sparte nicht an Theaterblut, sorgte aber auch für intensive Gänsehaut-Momente. Franz Welser-Möst leitete die Wiener Philharmoniker souverän durch Reimanns ungemein vielschichtige, blechgepanzerte Partitur. Gerard Finley als Lear verkörperte den Wahnsinn der Figur genauso überzeugend wie Anna Prohaska die Sensibilität und menschliche Wärme der Lear-Tochter Cordelia. Wenn diese Inszenierung gelegentlich auch Rätsel aufgab, würde man sie doch gerne gleich noch einmal sehen.

Tragödie und Zirkus bei Schostakowitsch

Bei Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" war es hingegen das Dirigat und die Sängerführung von Mariss Jansons, die für Begeisterung sorgten. Jansons punktete mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung mit Schostakowitschs Musik und brachte die Partitur in ihren zahlreichen Facetten zwischen Tragödie und Zirkus zum Klingen. Im Gegenzug zu dieser musikalischen Glanzleistung begnügte sich Andreas Kriegenburg in seiner Regie über weite Strecken damit, am Libretto entlang zu inszenieren, ohne für die Doppelbödigkeit der Handlung - und auch der Musik - passende Bilder zu finden.

Den Menschen, die zu den Festspielen kommen, sollte man nicht das Gefühl geben, wandelnde Kreditkarten zu sein - dann kommt viel mehr Empathie und Freundschaft zurück.
Markus Hinterhäuser

Salzburger Festspiele - offen für Neues

In einem Interview mit BR-KLASSIK hat Markus Hinterhäuser erst vor kurzem betont, dass die Salzburger Festspiele sich, entgegen dem Klischeebild, dem Neuen geöffnet haben. Das hat er in diesem Jahr unter Beweis gestellt: mit einem Grisey-Schwerpunkt im Konzertsektor, mit ikonischen Frauenfiguren in den Theaterinszenierungen von "Lulu" und "Rose Bernd" - und mit eben jenen spannenden Kombinationen von Themen und Persönlichkeiten, die sich in den Kammerkonzerten ebenso wiederfanden, wie in den großen Opern. Und dafür benötigt es - siehe "Wozzeck" oder "La clemenza di Tito" - nicht unbedingt Uraufführungen. Insofern stimmt Markus Hinterhäusers erste Saison als Salzburg-Intendant optimistisch für die Zukunft.

Sendung: Allegro am 24. August 2017, 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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