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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 30. August 2018

Kritik - Hans Werner Henzes "Bassariden" in Salzburg Ängste, Träume, Obsessionen

"The Bassarids" ist die letzte szenische Neuproduktion der diesjährigen Festspiele. Der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski gibt mit der Henze-Oper sein Salzburger Debüt. Auch wenn seine Inszenierung Fragen offenlässt, war die Premiere für BR-KLASSIK-Kritikerin Meret Forster eine musikalische Festspielsternstunde.

Szene aus "The Bassarids" bei den Salzburger Festspielen 2018, inszeniert von Krzysztof Warlikowski | Bildquelle: Salzburger Festspiele / Thomas Köber

Bildquelle: Salzburger Festspiele / Thomas Köber

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Er betritt als erster und letzter die Bühne und triumphiert an diesem Abend in einem starken Sängerensemble: der amerikanische Tenor Sean Panikkar. Er ist Dionysos und in der Lesart von Regisseur Krysztof Warlikowski ein unfassbarer, zeitloser Fremder. Zunächst gekleidet in einen weißen Kapuzenanzug wird er zur Projektionsfläche für Irrationales: Ängste, Träume, unterdrückte Leidenschaften und sexuelle Obsessionen. Die Bürger Thebens folgen ihm, geben sich Rausch und Extase hin, auch die Königsmutter Agaue, schließlich sogar der Thebenkönig Pentheus selbst. Das fatale Ende: Pentheus wird von seiner eigenen Mutter im Wahn getötet.

Die Inszenierung in Bildern

"The Bassarids" - die Bassariden - nannten Hans Werner Henzes Librettisten Auden und Kallman ihre Bearbeitung der antiken Bakchen-Tragödie von Euripides. Gut 50 Jahre nach der Uraufführung wird Henzes Oper jetzt im englischen Original und ungekürzt mit gesprochenem Prolog und Intermezzo präsentiert. Der Verzicht auf die etwas krude deutsche Übersetzung ist eine gute Entscheidung. Den Prolog kann man meiner Meinung nach aber gut weglassen. Auch das längliche Intermezzo - ein grotesk-erotisches Spiel im Spiel - erschließt sich nicht wirklich, obwohl es in dieser Inszenierung unterhaltsam performt und gleichzeitig als Film projiziert wird. Die breite Bühne der Felsenreitschule ist dabei überzeugend ausgenutzt und unterteilt in vier verschiedene Räume. Diese sind miteinander verbunden und werden immer wieder simultan bespielt. Das fordert, aber überfordert das Zuschauerauge stellenweise. Setting und Kostüme von Małgorzata Szczęśniak wecken zu Beginn Assoziationen an die 1940er-Jahre, lassen dann aber bald überbordend Spielraum für Vieles. Zentral, fast immer auf der Bühne und facettenreich agierend ist der Chor. Warlikowski führt ihn über den Zuschauerraum ein.

Musikalische Festspielsternstunde

Großartig hält Kent Nagano dieses durchkomponierte und riesig besetzte Monumentalwerk zusammen. Streng, klar, dabei flexibel und extrem sängerfreundlich leitet er die Wiener Philharmoniker. Sie sind über den Graben hinaus auch seitlich positioniert und erfüllen den Raum mit markanten Staccato-Rhythmen ebenso wie mit filigranen, tonal anmutenden Instrumentalfarben. Die Russell Braun als Pentheus zugeordnete schroffe Klangwelt Thebens geht so geschmeidig in die schwelgerische Dionysos-Sphäre über; der dualistische Gegensatz der Figuren relativiert sich im Stückverlauf somit auch musikalisch. Eine Festspielsternstunde verkörpern die Solisten, darunter Tanja Ariane Baumgartner als vielgesichtige Pentheus-Mutter und Kindsmörderin, ihr zur Seite als Schwester Autonoe Vera-Lotte Böcker mit farbig schattiertem Koloratursopran, zu erwähnen auch noch Charaktertenor Nikolai Schukoff (als blinder Seher Tiresias) und Willard White als Theben-Gründer Kadmos mit seriösem Bass und starker Persönlichkeit.

Aufwühlend und bewegend

Mit dieser "Bassariden"-Produktion wird so nicht nur Salzburger Festspielgeschichte eindrücklich fortgeschrieben, sondern nachvollziehbar, wie außerordentlich bühnenwirksam Henzes Theatermusik ist und nach wie vor Bestand hat. Warlikowskis Inszenierung lässt Fragen offen, begeistert jedoch mit einfühlsamer Personenregie und rührt überzeugend an im Stück angelegte gesellschaftliche Tabus. So einsam, manipulierbar und sehnsuchtsvoll in der Masse all diese Figuren agieren, sind sie unserer Gegenwart doch unverkennbar nah. Das wühlt auf und bewegt nachhaltig.

Henzes "Bassariden" in Salzburg

Hans Werner Henze:
"The Bassarids"
Opera seria mit Intermezzo in einem Akt (1966)

Inszenierung: Krzysztof Warlikowski
Musikalische Leitung: Kent Nagano

Sean Panikkar: Dionysus
Russell Braun: Pentheus
Willard White: Cadmus
Nikolai Schukoff: Tiresias / Calliope
Károly Szemerédy: Captain / Adonis
Tanja Ariane Baumgartner: Agave / Venus
Vera-Lotte Böcker: Autonoe / Proserpine
Anna Maria Dur: Beroe

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker

Premiere: 16. August

Details zu weiteren Terminen und Vorverkauf finden Sie auf der Homepage der Salzburger Festspiele.

Sendung: "Allegro" am 17. August 2018 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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