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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 31. August 2019

Maurizio Pollini bei den Salzburger Festspielen Der Schmerzensmann

Maurizio Pollini und die Salzburger Festspiele – eins ist ohne das andere quasi unvorstellbar. 1973, vor 46 Jahren, hatte der damals 31-jährige gebürtige Mailänder sein Festspiel-Debüt gegeben. Seitdem ist er in gerade mal drei Sommern nicht in der Salzachstadt aufgetreten. Am 18. August absolvierte er seinen Salzburger Festspielauftritt 2019.

Maurizio Pollini | Bildquelle: Deutsche Grammophon / Christoph Riccius

Bildquelle: Deutsche Grammophon / Christoph Riccius

Maurizio Pollinis Salzburger Klavierabend

Kollegengespräch mit Michael Atzinger

Im Vorfeld hatte man gemunkelt, es könnte Maurizio Pollinis letztes Recital bei den Salzburger Festspielen sein; irgendwer weiß immer was, will was gehört haben. Jedenfalls machte das Gerücht die Runde, hat sich während des Abends im beinahe ausverkauften Großen Festspielhaus jedoch nicht konkretisiert. Die Stimmung vor dem Konzert war entspannt. Das Auditorium bestand beileibe nicht aus lauter eingefleischten Pollini-Fans, die ihr Idol unbedingt noch einmal sehen wollten: einige hatten den "Jedermann" bestellt – und im Doppelpaket als Dreingabe den Pollini-Abend dazubekommen. Andere kamen nicht wegen Pollini, sondern wegen der Liebe zur Klaviermusik. Und für wieder andere waren die Karten ein Geschenk von Freunden.

Verhusteter Schönberg

Pollini schien keine Zeit verlieren zu wollen: Schon drei Minuten nach dem avisierten Konzertbeginn eilte er aufs Podium – nach vorne und leicht nach links gebeugt, mit hängenden Armen, aber mit raschen Schritten. Kurze Verbeugung, und los ging's – mit Arnold Schönberg. Die "Drei Klavierstücke op. 11" sind über 100 Jahre nach ihrer Uraufführung immer noch eine Herausforderung für manche Zuhörer: Einem Huster von rechts unten folgt einer von links oben, ein dritter kam Augenblicke später aus der Mitte – und so ging es eine Viertelstunde lang weiter. Dramaturgisch nicht unoriginell, aber störend. Und sicher nicht im Sinne des Interpreten, der diesmal nicht, wie an anderen Abenden, mahnende Blicke in den Saal schickte, aber doch (nach einem frühen Verspieler) erst zu sich und der dissonanten Welt Schönbergs finden musste. Ganz bei sich war Pollini (das Publikum noch nicht) beim zweiten Schönberg-Programmpunkt: den insgesamt kaum fünfminütigen Sechs Klavierstücken op. 19: was für eine kostbare, bezaubernde Miniaturwelt aus feinst gesponnenen Melodienfäden.

Zeitgenössische Musik als "Bildungsprogramm"

Wer Pollini bucht, bekommt zu Klassik oder Romantik sehr oft Musik des 20. Jahrhunderts dazu – das weiß der geneigte Konzertbesucher. Und so war der zweite Programmpunkt des Abends Luigi Nonos ".....sofferte onde serene..." für Klavier und Tonband, das der Komponist 1976 eigens für Pollini geschrieben hat. Hier in Salzburg lässt man Schönberg und den danach gereichten Luigi Nono entweder stoisch über sich ergehen – oder nimmt beide als "Bildungsprogramm", wie es meine Sitznachbarin aus Kärnten formuliert, die seit über 30 Jahren zu den Salzburger Festspielen fährt. Denn über das, was man noch nicht gehört hat, kann man nicht reden. Recht hat sie. Und doch: Schönberg und Nono waren, auch wenn sie kräftig beklatscht wurden, nicht Pausengespräch. Man freute sich auf Beethoven im zweiten Teil.

Ohne Ovationen und Zugabe

Die zwei letzten Sonaten hatte Pollini aufs Programm gesetzt – und während op. 110 mit viel gewollter Pranke und manch holprigem Lauf vorüberrollte, faszinierte Pollini mit Beethovens Sonatenvermächtnis op. 111. Und war es Zufall, dass vor allem die Arietta wunderbar kantabel gelang – voller Schmerzensmomente, ergreifend resignativ? Da ist man dann der von Thomas Mann im "Doktor Faustus" formulierten Ich-Verlassenheit der Formensprache ganz nah – und verneigt sich vor der Kunst des Altmeisters Maurizio Pollini, der an diesem Abend vor allem als Schmerzensmann überzeugte. Ohne den kleinsten Anflug eines Lächelns beim finalen Applaus. Das Publikum konnte sich nicht zu einer Standing Ovation aufraffen – und Pollini dachte keinen Augenblick lang an eine Zugabe. Beides war in Ordnung.

Sendung: "Allegro" am 19. August 2019 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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