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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 30. August 2018

Sonya Yoncheva singt die "Poppea" in Salzburg "Sie will um jeden Preis die Nummer Eins sein"

Intrigant, von Ehrgeiz zerfressen – und trotzdem klug und diplomatisch. Die Titelpartie in Claudio Monteverdis "L'incoronazione di Poppea" ist eine äußerst vielschichtige Persönlichkeit. Sonya Yoncheva hat sie schon öfter verkörpert und wird auch in der Salzburger Neuproduktion dieser Oper als Poppea auf der Bühne stehen. Allmählich sei ihr Verständnis für diese Figur gewachsen, verrät die Sopranistin im Interview.

Sopranistin Sonya Yoncheva | Bildquelle: © Kristian Schuller / Sony Classical

Bildquelle: © Kristian Schuller / Sony Classical

Sonya Yoncheva über die Rolle der Poppea

"Sie will um jeden Preis die Nummer Eins sein"

BR-KLASSIK: In der Salzburger "Poppea"-Produktion wird Poppeas Mann, der Kaiser Nero, ebenfalls von einer Frau gesungen, nämlich von Kate Lindsey. Wie schwer ist es, erotische Spannung aufzubauen, wenn es eine Frau ist, die die Kaiserkrone trägt?

Sonya Yoncheva: In dieser Produktion gefällt mir das sehr gut. Es gibt Momente auf der Bühne, da vergesse ich total, dass sie eine Frau ist - und wo ich denke: Nero steht vor mir. Aber es gibt auch typisch weibliche Stellen, die man so mit einem Mann gar nicht spielen kann. Wir haben viel Spaß an diesen zwei unterschiedlichen weiblichen Nuancen und entdecken dabei, wie weit Frauen in ihren Ambitionen gehen können – wie sehr sie ihre Erotik einsetzen, wie verrückt, wie böse und wie verliebt sie sein können. Im Endeffekt ist es die Geschichte zweier Kinder. Bis zu einem gewissen Alter wissen die ja gar nicht, welches Geschlecht sie haben.

Diese Oper ist vor allem ein Theaterstück.
Sonya Yoncheva über Monteverdis Poppea

BR-KLASSIK: Und was macht das mit Ihrer Stimme, dass Kate Lindsey ein Mezzosopran ist?

Sonya Yoncheva: Es ist toll. William Christie hat uns bewusst so besetzt, weil sich unsere beiden Stimmen so wunderbar mischen. Wir haben Klangfarben entdeckt, die ganz eng mit der Handlung und dem Spielen verbunden sind. Das Schauspiel ist hier sehr wichtig, diese Oper ist vor allem ein Theaterstück.

BR-KLASSIK: Wer ist denn der schlimmere Charakter: Poppea oder Nero?

Sonya Yoncheva (Poppea), Kate Lindsey (Nero) | Bildquelle: picture-alliance/dpa Sonya Yoncheva als Poppea bei den Salzburger Festspielen 2018 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Sonya Yoncheva: Beide sind Monster. Sie sind so durch und durch schlecht; man findet absolut keinerlei Entschuldigungen für ihre Taten. Und trotzdem sind sie Menschen wie Du und ich. Denn wenn man so jung so viel Macht bekommt, kann man nicht unbedingt damit umgehen. Man kann Gut und Schlecht nicht auseinanderhalten. Meiner Meinung nach sind eigentlich alle Figuren in dieser Oper schlechte Menschen.

Heute verstehe ich diese Frau, die alles andere als gewöhnlich ist.
Sonya Yoncheva

BR-KLASSIK: Sie haben ja schon einmal die Poppea gesungen vor ein paar Jahren. Damals haben Sie diese Figur verurteilt, nach dem Motto: Warum ist sie so?

Sonya Yoncheva | Bildquelle: Julian Hargreaves / SonyClassical Sonya Yoncheva | Bildquelle: Julian Hargreaves / SonyClassical Sonya Yoncheva: Wenn man jung und idealistisch ist, möchte man seine Partie natürlich mit all den menschlichen Eigenschaften präsentieren, die einem selbst sehr wichtig sind. Mit dem Älterwerden macht man so seine eigenen Erfahrungen und merkt, dass im Leben alles möglich ist. Dann ist man nicht mehr so überrascht, wenn etwas so Verrücktes und Unglaubliches passiert. Heute verstehe ich diese Frau, die alles andere als gewöhnlich ist. Sie ist sehr klug, sehr diplomatisch und sucht in ihrer Egozentrik nach Anerkennung. Sie will partout die Nummer Eins sein – und das um jeden Preis. Ich verstehe sie nun. Aber ob ich sie auch mag? Keine Ahnung.

Ich spiele die Poppea heute lieber als früher.
Sonya Yoncheva

BR-KLASSIK: Aber ist es jetzt einfacher für Sie, auf der Bühne zu sein und diese Partie zu singen?

Sonya Yoncheva: Ja, doch. Inzwischen bin ich älter und reifer geworden. Und Mutter bin ich auch jetzt. Deshalb kann ich das mittlerweile sehr gut differenzieren. Jedenfalls spiele ich diese Rolle heute lieber als früher.

Monteverdis "Poppea" in Salzburg

Claudio Monteverdi
"L'incoronazione di Poppea"
Neuinszenierung

Musikalische Leitung: William Christie
Regie, Bühne und Choreografie: Jan Lauwers

Premiere: 12. August

Details zu weiteren Terminen und Vorverkauf finden Sie auf der Homepage der Salzburger Festspiele.

Sendung: "Leporello" am 09. August 2018 ab 16:05 auf BR-KLASSIK

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