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Neugierig auf Musik

Album des Monats Dezember Asambura-Ensemble "Fremd bin ich eingezogen"

Franz Schuberts "Winterreise" auf Persisch? Klingt verrückt, doch für das Asambura-Ensemble ist das kein Widerspruch. In ihrem neuen Album treffen zwei einsame Wanderer aufeinander und merken: Das Gefühl, sich fremd zu fühlen, gibt es in allen Kulturen.

Das Asambura-Ensemble | Bildquelle: © Ghazaleh Ghazanfari

Bildquelle: © Ghazaleh Ghazanfari

Ein einsamer Wanderer zieht durch eine verschneite Winterlandschaft – er hat Liebeskummer: Niemand scheint seinen Schmerz zu verstehen, er ist ganz allein. Bis hierher ist die Geschichte aus Franz Schuberts "Winterreise" bekannt. Doch plötzlich gesellt sich eine fremde, persische Stimme dazu: Ein anderer Wanderer kennt diesen Schmerz nur zu gut.

Diese zweite Stimmte hat der Komponist Maximilian Guth in seiner Neuinterpretation von Schuberts Winterreise dazu erfunden. Der klassische Liederzyklus von Franz Schubert mit den Gedichten von Wilhelm Müller ist die Basis. Erweitert wurde die Auswahl an Stücken durch fünf weitere persische Gedichte. Dabei herausgekommen ist ein ganzes Album: "Fremd bin ich eingezogen".

Beide Wanderer auf der Suche nach einer Heimat

Gleich das erste Stück beginnt mit zwei Gedichten von Rahi Moayeri  und Mehdi Akhavan Sales. Sofort wird deutlich, dass das lyrische Ich in diesen Gedichten Ähnliches durchmacht wie der Wanderer von Wilhelm Müller. Beide sind getrieben, unglücklich und auf der Suche nach einer neuen Heimat: "Ein Gefangener im Fernweh bin ich hier und keine Stimme spendet Trost mir. Lass uns nehmen was wir brauchen und uns auf den Weg ohne Rückkehr machen
um zu erfahren ob überall der Himmel die gleiche Farbe mag tragen." Mehdi Akhavan Sales.

Diese Gefühle äußern sich auch in der Musik: Sie ist schwermütig, klingt teilweise fast bedrohlich. Dazu kommt ein rhythmischer Schlag, ähnlich wie ein Metrum, der durch einen Großteil des ersten Stückes zieht – dadurch hat die Musik beinahe eine meditative Wirkung.

Einsamkeit als kultur- und zeitübergreifendes Thema

Um besondere Klänge zu erzeugen, greif das Asambur-Ensemble zu besonderen Mitteln. Während die Tasten gespielt wird, drückt der Pianist auf die Klavierseiten.  | Bildquelle: Asambura Ensemble Bildquelle: Asambura Ensemble Gespielt wird die Neuinterpretation der Winterreise vom Asambura-Ensemble aus Hannover. Maximilian Guth hat das Ensemble 2014 gegründet. Mittlerweile sind 55 Musiker:innen Teil des Asambura-Ensembles, 19 von ihnen haben an diesem Album mitgewirkt. Sie spielen klassische Instrumente aus fast allen Kontinenten: Das Streichquartett ist in der Besetzung ebenso vertreten wie die persische Santur oder die südamerikanische Marimba.

Diese musikalische Mischung hat auch mit den vielfältigen kulturellen Hintergründen der Musiker:innen zu tun. Einige von ihnen haben selbst Erfahrung mit Flucht gemacht und kennen daher das Gefühl der Einsamkeit und der Heimatlosigkeit.  Auch wenn diese Erfahrung sehr individuell ist – Maximilian Guth glaubt, dass sich alle Menschen mit diesem Gefühl identifizieren können: "Das sind so kultur- und zeitübergreifende Themen, die die Menschheit einfach beschäftigen. Und vor allem eben auch für Menschen aus dem Nahen Osten, in Zeiten von Flucht und Migration, ist das ein ganz präsentes Thema."

Persische Klänge treffen auf Schuberts Wanderer

Als sich die beiden Wanderer in dieser Winterreise das erste Mal begegnen, gehen sie nicht aufeinander zu. Denn es gibt Unterschiede zwischen dem persischem und dem deutschen Wanderer - und die werden vor allem in der Musik deutlich. Die Musik zu den persischen Gedichten klingt ganz anders als der klassische Schubert. Das liegt zum einen an den verschiedenen Instrumenten, zum anderen aber auch an der Rhythmik und Dynamik. 

Wir lösen diese Verschiedenheit nicht auf, sondern wir sensibilisieren dafür, dem anderen zu begegnen auch in der Andersartigkeit.
Maximilian Guth

Hier wird die Santur gespielt.  | Bildquelle: © Paul Glaser Bildquelle: © Paul Glaser Um die traditionelle persische Musik besser zu verstehen, hat Maximilian Guth beim Komponieren mit Ehsan Ebrahimi zusammengearbeitet. Der gebürtige Iraner spielt im Asambura-Ensmble ein klassisches persisches Instrument, die Santur. Das trapezförmige Instrument ist mit einem Hackbrett vergleichbar.

Maximilian Guth hat die Winterreise aber nicht einfach nur an persische Instrumente angepasst. Ehsan Ebrahimi erkennt bei Maximilian Guth einen anderen Ansatz: "Er hat Gemeinsamkeiten zwischen westlicher Musik und persischer Musik gesucht und gefunden. Ich höre hier nicht rein westliche Musik oder rein persische Musik, sondern ich höre eine gemeinsame Musik."

Winterreise als Appell für gesellschaftliches Miteinander

Am Ende dieser besonderen Winterreise entdecken die beiden Wanderer durch die Musik und die Emotionen eine gemeinsame Sprache. Und finden dadurch in ihrer Einsamkeit zueinander.

Auch wenn die Musik und die Themen in "Fremd bin ich eingezogen" oft traurig, depressiv und melancholisch klingen, so ist diese Begegnung der beiden Wanderer am Ende ein hoffnungsvoller Ausblick. Für Maximilian Guth ist das der Beweis dafür, dass aufeinander zugehen und ein Perspektivwechsel die Grundlage für interkulturelle Begegnung ist: "Wenn sogar so unterschiedliche Ästhetiken wie hier miteinander kommunizieren können, dann ist das auch ein gesellschaftlicher Appell für mehr Zuhören und Miteinander."

Album-Infos

Titel: "Fremd bin ich eingezogen"
Interpret: Asambura-Ensemble
Komponisten: Maximilian Guth (Überarbeitung), Franz Schubert (Original)
Label: Decurio (Klassik Center Kassel)

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