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SWEET SPOT.

Neugierig auf Musik

CD des Monats April CONTINUUM "Traumwerk"

Op-Art meets Cembalo, Geige und gesprochene Lyrik. Auf seinem Debutalbum "Traumwerk" schickt uns das Ensembles CONTINUUM auf eine Reise durch die Jahrhunderte. Und schon die Verpackung verspricht Ungewöhnliches.

CONTINUUM | Traumwerk | Bildquelle: Uwe Mühlhäußer

Bildquelle: Uwe Mühlhäußer

Bereits das Öffnen dieses Albums ist ein kleines Erlebnis. Das für eine CD unübliche A5-Format liegt in der Hand wie ein dünnes Buch. Innen kombiniert das Booklet große Schwarz-Weiß-Fotos der Musiker mit lyrischen Texten. Wirklich besonders ist das Cover. Extrem kleinteilige und länglich ausgestanzte Löcher bilden eine Art Mosaikgitter. Einmal aufgeschlagen, fällt einem die CD entgegen, die selbst aussieht, wie eines dieser bekannten Op-Art-Bilder, in denen man sich verwirren lassen - oder verlieren kann.

Traumwerk als exzentrisches Konzept

CONTINUUM | Traumwerk | Bildquelle: Uwe Mühlhäußer Bildquelle: Uwe Mühlhäußer Traumwerk ist ein Konzeptalbum. Es verbindet barocke Lyrik und Musik mit zeitgenössischen Werken für Cembalo und Violine. CONTINUUM will sich, nach eigenen Angaben, mit seiner Klangsprache "in einer Welt zwischen Alt und Neu, zwischen dem 17. und dem 21. Jahrhundert, zwischen Wissen und Innovation, zwischen Vokalem und Instrumentalem" bewegen. Der titelgebende Zyklus "Traumwerk" vom schottischen Komponisten James Dillon wechselt sich ab mit frühbarocker Kammermusik – etwa von Kapsberger und Froberger. Dazu gibt es nachdenkliche und verzaubernde Worte – z.B. von Fleming, Opitz oder Gryphius.

Zum Hören der CD sollte man sich etwas Zeit und Ruhe nehmen: Es lohnt sich, sie ganz durchzuhören. Das Hörerlebnis "Traumwerk" ist eine sich entwickelnde Geschichte, in sechs Kapiteln erzählt: Exordium, Narratio, Divisio, Confirmatio, Confutatio und Conclusio. Der Ablauf des "Abenteuers Leben" vielleicht, inklusive ein paar Hochs und Tiefs? Auf jeden Fall mit viel Vergänglichkeit, denn die ist es, um die es hier geht: um den "Vanitas"-Gedanken, der im Barock eine große Rolle gespielt hat.

Das Ensemble CONTINUUM

Das Ensemble CONTINUUM wurde 2015 von der Berliner Cembalistin Elina Albach gegründet.
Elfa Rún Kristinsdóttir, Violine
Daniel Rosin, Violoncello
Andreas Arend, Chitarrone
Elina Albach, Cembalo & Orgel
Robert Gwisdek, Sprecher

Lyrischer roter Faden

CONTINUUM | Traumwerk | Bildquelle: Uwe Mühlhäußer Das Ensemble CONTINUUM bei den CD-Aufnahmen | Bildquelle: Uwe Mühlhäußer Schauspieler Robert Gwisdek (Rapper bei "Käptn Peng und die Tentakel von Delphi") hat für die CD die Texte eingesprochen, ganz ohne Rap, dafür aber mit viel Gefühl. Wie zum Beispiel diesen hier von Andreas Gryphius aus dem 17. Jahrhundert: "Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein, und nehm' ich den in acht, so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht."

CONTINUUM haben Lyrik ausgewählt, die bis heute, in unserer schnelllebigen Epoche, zeitlos klingt. Die Message ist klar. Die Lyrik begleitet das Alte ins Jetzt. Die Unterschiede zwischen gestern und heute werden überwunden: Das Gesamtkunstwerk kann entstehen.

Cembalo mal ganz anders - und gerne ein bisschen schräg

Die älteren Lieder klingen harmonisch und rund. In den modernen Kompositionen berühren die Instrumente nicht selten das Schräge. Hier und da eine kreischende Geige oder ein rasendes Cembalo. Nicht immer leichte Kost also, aber faszinierend. Insbesondere das Cembalo lässt sich schnell mit anderen Ohren hören: modern und ungebunden.

Eine neue Aufnahme muss nur einspielen, wer auch etwas Neues zu sagen hat.
Elina Albach

"Traumwerk" bietet tatsächlich Werke, die träumen lassen. Mithilfe der Mischung aus poetischen Worten und Musik werden wir mal in die Vergangenheit, mal in die Gegenwart geschubst, vor allem aber auf eine Reise in innere Gefühlswelten geschickt. Diese sind mal friedlich und harmonisch, wie in den historischen Musikstücken, aber oft eben auch aufbrausend und tobend, verrückt und unerwartet, wie in den modernen Liedern. Ein Album also, dass sich nicht nur sehen, sondern auch hören lassen kann.

CD-INFOS

"Traumwerk"
CONTINUUM
Kompositionen: Giovanni Antonio Pandolfi Mealli, Johannes Hieronymus Kapsberger, Jacob Froberger – James Dillon
Lyrik: Gryphius, Fleming, Harsdörffer, Weise, Schirmer, Opitz, Dilherr
Label: CONTINUU | RECORDS | M

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