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SWEET SPOT.

Neugierig auf Musik

CD des Monats Juni e.s.t. live in London

Ihre Musik hat den modernen Jazz in Europa beeinflusst wie kaum etwas sonst – bis der Pianist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall vor 10 Jahren starb. Auf einer bisher unveröffentlichten Liveaufnahme gibt es jetzt die Musik von e.s.t neu zu entdecken. Und sie klingt überraschend aktuell.

Esbjörn Svensson Trio live in London - Album-Cover | Bildquelle: ACT

Bildquelle: ACT

Tosender Applaus, so geht "e.s.t. – live in London" los. Ein Riesensaal muss das sein, das Barbican Center in London, in dem e.s.t. 2005 gespielt haben – und nach den Zurufen des Publikums zu urteilen, müssen die Musiker des Jazztrios aus Schweden richtige Rockstars sein. e.s.t. steht für das Esbjörn Svensson Trio. Klingelt nichts? Nicht unbedingt verwunderlich, denn mit dem Tod des Pianisten und Namensgebers des Trios Esbjörn Svensson 2008 ist es still um die Band geworden. Als Svensson bei einem Tauchunfall ums Leben kommt, endet auch die Geschichte der Band.

13 Jahre alte Musik muss nicht alt sein

Für die Produktion des Live-Albums nach so langer Zeit hat sich das Label die beiden anderen Mitglieder von e.s.t. dazu geholt. Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström haben sich bei der Songauswahl für das Live-Album eingeschaltet, Öström hat auch das Cover gestaltet – ein buntes Feld aus Plastikperlen. In diesem rotorangen Teppich entstehen bei längeren hinschauen immer neue Farblinien, als ob die Perlen sich bewegen würden. Das Cover steht ziemlich für das, was auch musikalisch auf der Doppel-CD passiert. Wie die Farblinien auf dem Cover, finden sich in den Tracks immer wieder Themen, die sich herausbilden und sich dann in Improvisationen wieder auflösen. Eine Musik in beständiger Bewegung und ganz lebendig. Der Sound: typisch Jazz, aber auch mal melodiös poppig oder scharf und rockig. Kontrabass und Piano werden teilweise elektronisch so verändert, dass sie wie E-Gitarre oder Synthesizer klingen. Dann folgen wieder fließende Improvisationsläufe. Durch diese Mischung wirkt es manchmal so, als seien damals mehr als nur drei Musiker auf der Bühne am Werk gewesen.

Die Popband des Jazz

Dass Magnus Östrom und Dan Berglund nicht mit einem neuen Pianisten als Trio weitergemacht haben, passt zu dem, was an e.s.t. so besonders war. Anders als viele Jazzmusiker machten die drei kein "Bandhopping". Bis zum Tod von Esbjörn Svensson blieb das Trio immer zusammen, keiner spielte in den 15 Jahren Bandgeschichte noch bei anderen Formationen mit -  also eine sehr monogame Band.

In Muskelshirt am Flügel

Esbjörn Svensson Trio | Bildquelle: ACT / by Jim Rakete Esbjörn Svensson Trio | Bildquelle: ACT / by Jim Rakete

Die Auftritte von e.s.t. hatten immer mehr etwas von einem Rockauftritt: statt Kellerclub heißt es: große Säle, Lichteffekte und Publikum, das mitsingt. Sie tragen Jeans und Turnschuhe und Esbjörn Svensson sitzt auch gerne mal im Muskelshirt am Flügel. Die drei Musiker schwitzen auf der Bühne, ackern sich ganz körperlich durch ihre komplexen Improvisationen. Sound, Bandphilosophie und Auftreten haben e.s.t. also den Ruf als Pop- oder Rockmusiker des Jazz eingebracht. Anders als viele Jazzcombos in den 90ern füllen sie ganze Hallen bei ihren Konzerten.

Und auch wenn die Aufnahmen fast so perfekt wie aus dem Studio klingen, steckt zum Glück auch ein bisschen von diesem Live-Flair in "e.s.t. – live in London". Zwischen den einzelnen Stücken tobt die Masse. Und wenn e.s.t, wie beim vierten Titel "Mingle in the Mincing-Machine", den Rock freilassen, dann feiert das Publikum sogar mit Zwischenapplaus mit.

Wer führt hier eigentlich?

Und gerade bei diesem Stück zeigt sich die ganze Vielfalt der Musiker. e.s.t. machen hier viel von dem, was gerade im Jazz oder in der Neoklassik passiert. Zwar noch nicht so exzessiv wie viele Musiker heute – aber durchaus hörbar – manipulieren e.s.t. den Sound von Kontrabass und Piano. Esbjörn Svensson schlägt direkt mit den Fingern die Seiten des Flügels. Sie versuchen die Grenzen ihrer Instrumente auszuweiten. Der Sound wird dadurch so dicht, dass es unwichtig wird, welches Instrument was spielt und welche Instrumente es überhaupt sind.

Ähnlich auch in "Behind the Yashmak". Hier gehört die Melodie erstmal vollkommen dem gezupften Kontrabass. Das Klavier mit seinem entfremdeten Klang liegt wie ein entferntes Echo darunter, hinzu kommt fernöstliches Schlagwerk. Und wieder das Gefühl, dass da mehr als drei Musiker mit ihren drei Instrumenten sein müssten.  Dann nehmen die sanfte Percussion und das warme Piano einen mit zu einem kurzen Ausflug in einen melancholischen Popsong, bis sich die drei Instrumente immer mehr in die freie Improvisation hineinschrauben.

e.s.t. – esbjörn Svensson Trio

Das Esbjörn Svensson Trio ist ein schwedisches Jazz Trio, das sich 1993 gegründet hat.
Esbjörn Svensson, Piano
Dan Berglund, Kontrabass
Magnus Öström, Schlagzeug

"Drei Körper, ein Gehirn."

So bezeichnete Esbjörn Svensson in einem seiner letzten Interviews das Trio. Diese organische Einheit kann man wirklich erleben. Nicht nur zwischen den einzelnen Stücken, sondern in ihnen selber wechseln die Musiker von melodiösen Improvisationen über in schrammelnde Noise-Kulissen und zu flatterndem Jazzrausch. Die vielen Stimmungen auf diesen zwei CDs stecken in den Stücken und auch in ihren Titeln ("Eighty-Days in my Veins" oder "When God Created the Coffeebreak“) und reichen von verträumt, ernst, bis zu gewitzt.

Wer jetzt auf Gruppen steht, die Ambient-Jazz oder Neoklassik machen, Anfang der 2000er vielleicht noch in der Schule war und Jazz noch nicht auf der Musiklandkarte hatte – der kann auf dieser Doppel-CD noch einmal das Feeling dieser Band "live" miterleben und diese Musik ganz neu für sich entdecken. 13 Jahre alte Musik, die null verstaubt klingt! Das Live-Album fließt durch und macht richtig Spaß - vor allem dann, wenn man plötzlich über Dinge stolpert, die man eigentlich für ganz neu gehalten hat - und die das Esbjörn Svensson Trio schon damals drauf hatte.

CD-INFOS

"e.s.t. – live in London"
ESBJÖRN SVENSSON TRIO E.S.T.
Kompositionen: Esbjörn Svensson, Dan Berglund, Magnus Öström
Label: ACT

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