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Neugierig auf Musik

Gleichberechtigung in der Musik Wie sich Frauen in der Klassikbranche vernetzen

Die Geschlechterkluft in der klassischen Musikszene ist tief, im Vergleich zu anderen Teilen der Kreativ- und Kulturbranche. Es gibt viele Dirigentinnen und Komponistinnen, die mit ihren Werken in der Öffentlichkeit nicht sichtbar sind, da sie in der Musikbranche nur eine untergeordnete Rolle spielen. Aber es gibt Netzwerke und Vereine, die das ändern wollen.

Frauen in der Musikbranche | Bildquelle: Tim Gouw

Bildquelle: Tim Gouw

Auch im Jahr 2019 ist klassische Musik klar männerdominiert. "Derzeit haben wir in Deutschland rund 130 Profiorchester, von denen fünf von Frauen geleitet und dirigiert werden", sagt Susanne Wosnitzka vom Verein musica femina. Aber es tut sich etwas: 1987 lag der Anteil von Frauen in den deutschen Orchestern bei 12%, mittlerweile sind es fast 40%. Noch immer ist es aber eine absolute Ausnahme, dass eine Frau vor dem Orchester steht oder ein Werk einer Komponistin gespielt wird. Dabei gibt es eine riesige Anzahl an Kompositionen von Frauen.

In der vergangenen Saison wurden insgesamt 444 Opern in Deutschland aufgeführt. Nur vier waren von Frauen. Das ist schon eine sehr tragische Zahl.
Susanne Wosnitzka, Vorstandsmitglied bei musica femina

Susanne Wosnitzka  | Bildquelle: Edith Schmidt gen. Steinhoff Susanne Wosnitzka | Bildquelle: Edith Schmidt gen. Steinhoff So sind im Frankfurter Archiv "Frau und Musik" mehr als 25.000 Medieneinheiten von über 1.800 Komponistinnen aus 52 Nationen zu finden. Das weltweit größte Archiv zur Musik von Komponistinnen aus dem 9. bis zum 21. Jahrhundert gibt es seit 40 Jahren. Hier arbeitet die Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka, die sich zusätzlich im Vorstand bei musica femina engagiert. musica femina wurde 1988 gegründet und will Musik von Frauen in und um München bewahren und aufführen.

Dafür schreibt der Vereine alle zwei Jahre einen mit 7.500 Euro dotierten Kompositionsauftrag aus, hat ein Frauenorchester auf die Beine gestellt, das ausschließlich Musik von Frauen spielt und organisiert Veranstaltungen wie Präsentationen, Vorträge und Diskussionsrunden. "Es geht darum, dass endlich die Qualität einzieht, die bereits die ganze Zeit vorhanden war, aber so gut wie nicht beachtet wurde", sagt Wosnitzka.

Wo Umdenken stattfindet

Trotz einiger Initiativen fragen sich Komponistinnen wie Marina Schlagintweit, warum die Entwicklung so langsam vorangeht. "Ein Umdenken findet eher in der Untergrund- oder in der freien Szene statt." Davon gebe es aber wenig, so Schlagintweit.

Wie sich Subkulturen organisieren

Ein Beispiel für Subkultur ist die elektronische Musikszene. Nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt hat sich in den letzten Jahren ein feministisches DJ-Kollektiv gegründet, sondern auch in Nürnberg und Eichstätt. Sie tragen Namen wie WUT, Trouble In Paradise und SUCCUBA und haben eines gemeinsam: Sie wollen den strukturellen Machtverhältnissen in Musik, Kunst und Kultur etwas entgegensetzen und weibliche DJs ins Nachtleben integrieren.

Marina Schlagintweit  | Bildquelle: Lea Maria Löffler Fragt sich, warum die Entwicklung so langsam vorangeht: Die Komponistin Marina Schlagintweit | Bildquelle: Lea Maria Löffler Neben musica femina organisieren sich Frauen in der GEDOK, der Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine. Die GEDOK ist in München beheimatet und die größte interdisziplinäre Künstlerinnenorganisation Deutschlands. Hier sind alle Kunstgattungen wie Bildende Kunst, Literatur, Musik und Darstellende Kunst vertreten.

Die Gemeinschaft gibt Künstlerinnen eine Plattform, sie organisiert Konzerte und sieht ihre Aufgaben darin, die Lebens- und Arbeitssituation der Kunstschaffenden zu verbessern. Es werden nicht nur Künstlerinnen aufgenommen, sondern auch Kunstfördernde. So kann die GEDOK ihre Mitglieder ideell und finanziell unterstützen.

Die meisten Vereine, Kollektive und Netzwerke leben vom ehrenamtlichen Engagement ihrer Unterstützerinnen. Alle sind von Fördergeldern abhängig, wie etwa die GEDOK, die von der Stadt München einen Zuschuss erhält. Ohne diese Gelder wären Komponistinnen noch weniger sichtbar als sie ohnehin schon sind.

Sobald Männer im Raum sind, trauen sich Frauen weniger, obwohl sie gleiche Kompetenzen haben
Mirca Lotz, Mitbegründerin von musicBYwomen

Mirca Lotz von MusicBYwomen | Bildquelle: Mirca Lotz Mirca Lotz von MusicBYwomen | Bildquelle: Mirca Lotz All diesen Frauen, die hinter den Organisationen stehen, geht es nicht um einen Geschlechterkampf - es geht Ihnen um Gleichstellung und Gleichberechtigung. Sie bieten Veranstaltungen an, die natürlich auch von Männern besucht werden sollen, aber es gibt eben auch die Workshops, die nur für Frauen sind. Und das hat auch seine Gründe, sagt Mirca Lotz: "Wenn man Workshops macht, die speziell für Frauen ausgelegt sind, hat man einfach ein anderes Lernverhalten, dann trauen sich Leute Sachen zu fragen und zu sagen, die sie vielleicht sonst nicht sagen würden."

"Manchmal braucht es einfach Schutzräume"

Manchmal brauche es einfach Schutzräume, so Lotz, die musicBYwomen in München mitbegründet hat. Die Idee für die Initiative kommt ursprünglich aus Hamburg und heißt dort musicHHwomen. Das "BY" in musicBYwomen seht für Bayern. MusicBYwomen organisiert Workshops, Panels, Thinktanks und funktioniert auch als Jobvermittlung. Es gibt zum Beispiel eine Facebookseite, der man beitreten kann und über die Jobangebote weitergeleitet werden können.

Bei alledem gehe es um eine Bereicherung und nicht um eine Veränderung von Bestehendem, sagt Susanne Wosnitzka, Vorstandsmitglied bei musical femina. "Frauenanliegen und Feminismus sind nicht nur Frauensache, sondern tragen zu einer vielfältigen und gleichberechtigten Gesellschaft maßgeblich bei."

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