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SWEET SPOT.

Neugierig auf Musik

Album des Monats Januar Tripping with Nils Frahm

Die Konzerte von Nils Frahm waren vor Corona immer heiß begehrt. Wer es bisher noch nicht zu einem seiner Gigs geschafft hat, kann ihm jetzt ganz nah über die Schulter schauen: bei einem sehr intimen Konzertfilm zu seinem Live-Album.

Album des Monats Januar: Tripping with Nils Frahm | Bildquelle: landscape Leiter Verlag

Bildquelle: landscape Leiter Verlag

Dezember 2019: Nils Frahm kommt gerade mit seinem Team aus Sydney zurück. Dort hat der Komponist und Pianist zuletzt ein Konzert im weltberühmten Opernhaus am Hafen gegeben. Entspannen zu Hause in Berlin ist aber erstmal nicht angesagt. Nils spielt vier weitere Shows in seinem zweiten Wohnzimmer: dem alten DDR-Funkhaus. Hier darf er seit einigen Jahren das Studio 3 nutzen – ein holzvertäfelter Raum mit schiefen Wänden und dem Charme der Fünfziger. 2018 hat Nils hier sein Album "All Melody" aufgenommen, mit dem er anschließend um die Welt gereist ist. Ein paar Gänge weiter spielt er nun vier Shows im großen Saal des Funkhauses, die alle mit Handkameras aufgezeichnet werden. Das Ergebnis: Das Live-Album "Tripping with Nils Frahm" mit Neuinterpretationen seiner Tracks, die einen im alltäglichen Coronastress runterfahren können und ein Konzertfilm, den Brad Pitt mitproduziert hat.

DER BALANCE-AKT

Album des Monats Januar: Tripping with Nils Frahm | Bildquelle: landscape Leiter Verlag Bildquelle: landscape Leiter Verlag Aber was ist eigentlich der Reiz an einem Live-Album? Nils Frahm weiß, dass ihn viele für seine Live-Musik schätzen. "Den muss man live gesehen haben" hört er oft. Deswegen war dieser Schritt nur logisch für ihn. Dabei eignen sich bei Weitem nicht alle Tracks gut für eine Live-Performance. Nils vergleicht das mit einem Ei, das man versucht, auf ein anderes zu stellen: "Manche Stücke haben diesen einen Punkt, wo einem so etwas Seltsames gelingt, wo es kurz stehen bleibt aufeinander. Wenn man es aber nur ein bisschen anders macht, würde diese Konstruktion zusammenfallen." Andere Stücke dagegen ließen sich viel besser für eine Live-Version "öffnen". Und bei manchen musste er neue Lösungen finden: Wenn Nils für die Studioaufnahme zwei Klavierparts eingespielt und anschließend übereinandergelegt hatte, war das kein Problem. Aber auf der Bühne? Da brauchte er Ersatz, schließlich konnte er sich nicht zweiteilen. Lang lebe die Erfindung des Synthesizers! Der wurde Nils' treuer Kammermusikpartner auf der Bühne, während er weiter am Klavier spielte. Einige alte Stücke sind leicht wiederzuerkennen – das zeigt auch die Reaktion des Livepublikums im Saal. Andere Tracks brauchen ein bisschen, bis sie sich aus warmen Harmoniumklängen aufbauen, zum typisch sphärischen und doch weiter reduzierten Sound von Nils Frahm. Er ist auch elektronischer geworden, aber an keiner Stelle des Albums zu viel. So merkt man schnell: Das ist Nils, wie wir ihn kennen und lieben!

Ich möchte so arbeiten wie Herbert von Karajan.
Nils Frahm

Wenn man Nils den Begriff Neo-Klassik an den Kopf wirft, lacht er erstmal. Er weiß, dass dieser Begriff auch zu seinem Erfolg beigetragen hat: Klassik, die auf den ersten Eindruck minimalistisch daherkommt und von Kritiker*innen oft als zu glatt und zu einfach abgetan wird. Wer den Film zum Live-Album gesehen hat, merkt aber schnell: Hinter jedem Knopfdruck, jeder Klavierphrase steckt wahnsinnig viel Konzentration, die Nils auf der Bühne zum Schwitzen bringen. Und auch sonst hat er hohe Ansprüche: Er möchte so produzieren, wie der Dirigent Herbert von Karajan. Der hatte unter besten Rundfunkbedingungen für die Deutsche Grammophon 82 Alben innerhalb von neun Jahren produziert! Ganz so einen krassen Sprint möchte Nils zwar nicht hinlegen, aber die Qualität dieser Aufnahmen gefällt ihm.

Was die Neoklassik angeht, bedeutet dieser Begriff für Nils auch Jazz und Improvisation. Aber das größte Kompliment ist für ihn, wenn jemand sagt "Nils macht Nils-Musik". Und die klingt auf "Tripping with Nils Frahm" mal locker trippelnd, mal melancholisch sanft am Klavier, dann wieder leicht tanzbar, mit einem Techno-Beat, der in Trance versetzt. Fast fühlt es sich so an, als wäre man damals dabei gewesen: bei einem Live-Konzert auf dem staubigen Fußboden im Funkhaus Berlin.

ALBUM-INFOS

Titel: "Tripping with Nils Frahm"
Interpret und Komponist: Nils Frahm
Label: Erased Tapes
Den Film zum Live-Album gibt es auf der Streamingplattform Mubi.

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