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SWEET SPOT.

Neugierig auf Musik

Album des Monats Oktober Víkingur Ólafsson: "Ohne Bach wäre alles nichts"

Schlichte, wunderschöne Melodien, tiefer Schmerz in gewagten Harmonien, die strukturierte Logik der Musik – es gibt vieles was man an Bach lieben kann. Doch wenn Ólafsson spielt, hört man Bach wie zum ersten Mal. Der Pianist Víkingur Ólafsson spannt in seinem neuen Album "Johann Sebastian Bach" einen Kosmos an Klangfarben auf.

Víkingur Ólafsson "Johann Sebastian Bach" | Bildquelle: © Ari Magg / DG

Bildquelle: © Ari Magg / DG

Kühl und streng, fast schon steril wirkt das Cover der neuen CD von Víkingur Ólafsson, dem "isländischen Glenn Gould", wie ihn die Times nennt. Doch der optische Eindruck trügt: Während ich Ólafsson lausche, erscheinen vor meinem inneren Auge ruhende Herbstwälder hinter nebligen Wiesen -  oder tanzende Sonnenflecken auf glucksenden Flussläufen.

Von seinem inneren Ohr hat der Pianist sich bei dem CD-Programm leiten lassen. Thematische Verwandtschaften zwischen den Stücken führen als roter Faden durch das Album. Das Zentrum bildet die "Aria variata" - neben den Goldberg-Variationen das einzige Variationswerk Bachs. Drumherum gruppiert er Präludien und Fugen aus dem "Wohltemperierten Klavier", sowie einzelne Inventionen und Sinfonien.
Besonders an dem Album: Nicht alle Werke wurden ursprünglich für Klavier komponiert – wie zum Beispiel die Arie "Widerstehe doch der Sünde" für Countertenor, arrangiert von Víkingur selbst.

"An Bach kommt niemand vorbei. Er ist ein unübertrefflicher Lehrer für jeden Musiker – ob Komponist oder Interpret." meint der Pianist. Was Ólafsson selbst von Bach gelernt hat? "Die Demokratie der Musik: keine Stimme ist zweitrangig, jede Stimme zählt."
Und seine Interpretationen nicken dazu zustimmend. Ólafssons Bach spricht zu uns, gestochen artikuliert und dennoch voller Sinnlichkeit und Ausdruck.

Bach zu interpretieren ist so eine Sache: Die einen jonglieren mit den Tempi, nutzen Pedal und Klangeigenschaften des Flügels, die anderen versuchen den historischen Klang auf dem modernen Klavier zu reproduzieren, reihen die Töne mechanisch kalkuliert aneinander.

Wenn jemand meint, die Lösung mit Bach gefunden zu haben, dann liegt er ziemlich sicher falsch.
Víkingur Ólafsson.

Für ihn liegt die Lösung immer irgendwo dazwischen. Es ist ein ewiges Suchen und Lernen, Finden, Reflektieren, erneutes Suchen.

Víkingur Ólafsson "Johann Sebastian Bach" | Bildquelle: © Ari Magg / DG Víkingur Ólafsson "Johann Sebastian Bach" | Bildquelle: © Ari Magg / DG Der Pianist ist in seiner Interpretation mutig und überhaupt nicht prinzipientreu. Die Mittel, mit denen er die Geschichten Bachs zeichnet sind variabel – mal mit einem dicken triefenden Pedalpinsel, mal mit akkurater perlender Bleistiftmine. Musikalische Bilder – eine Tuschezeichnung von Van Gogh, dann ein Ölbild von Monet oder ein abstraktes Werk Kandinskys. An der Hand von Ólafsson wandle ich verzückt durch die Ausstellung von Johann Sebastian und kann mich gar nicht satt sehen.

Die vielseitige Klangästhetik des Komponisten ist, was den isländischen Pianisten so fasziniert. Bach als Architekt von monumentalen Klangkathedralen oder als pedantischer Mathematiker der Musik – das sind nur kleine Wellen des Bachozeans. "Bei Bach gibt es auch Humor und Provokation neben philosophischer Tiefe und spiritueller Erhebung. Er war ein Rhetoriker. Neben großer Prosa schreibt Bach mit seinen Etüden auch Gedichte oder Kurzgeschichten."

Es ist schwer in Worte zu fassen, was auf dieser CD passiert. Man hat das Gefühl, Ólafsson legt einem die Seele Bachs so pur wie kein anderer je zuvor zu Füßen. Da ist nichts mehr zwischen einem selbst und der reinsten, vollkommensten Musik überhaupt.

"Nach meiner Überzeugung ist Bachs Musik größer als jedes Individuum, jede Generation, jedes Gedankengebäude. Bachs Musik ist sogar größer als Bach selbst."

CD-Infos

Johann Sebastian Bach
Víkingur Ólafsson
Label: Deutsche Grammophon

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