BR-KLASSIK

Inhalt

U21

Deine Szene. Deine Musik

Mein Konzertabend Bach in der Schuhschachtel

Die H-Moll Messe von Johann Sebastian Bach ist vielleicht das schönste, berührendste und interessanteste Chorstück aller Zeiten. Auf jeden Fall aber ist sie lang, total komplex und (tschuldigung) sauschwer. Man hätte Johanna Soller für verrückt erklären können, dass sie ausgerechnet dieses Schlüsselwerk der Chorliteratur für ihre Abschlussprüfung im Master Chorleitung an der Musikhochschule ausgesucht hat. Zum Abschluss ihres Studiums muss sie dort nämlich ein Konzert dirigieren und vorher einstudieren. Die Aufführung ist also gleichzeitig auch eine Prüfungssituation.

Vokalconsort München | Bildquelle: Vokalconsort München

Bildquelle: Vokalconsort München

Aber Johanna - 27 Jahre alt, runde Brille und einen Zopf, der bei jeder Bewegung mitwippt - hat keine Lust auf Nummer sicher. "Na, ich will doch auch was Tolles machen zum Abschluss", sagt sie und hat sich deswegen dieses Hammerstück ausgesucht. Doch sie hat einen Trumpf in der Hand: statt mit einem bunt zusammengewürfelten Prüfungschor aus Musikstudenten, hat sie ihr eigenes Ensemble eingespannt: das Vokalconsort München. Ein junger Kammerchor, den sie selbst vor zwei Jahren gegründet hat. Eine Prüfungssituation - aber mit den Freunden im Rücken.

Dass sich da auf der Bühne alle sehr gut kennen, merkt man sofort. Und auch, dass die H-Moll Messe sehr gut gearbeitet wurde im Vorfeld. Dass Johanna ihre vielen Ideen über Bach und seine Musik mit ihren Chorsängern geteilt hat. Ihre Interpretation von Bachs Hammerwerk passt perfekt zur Kirche, in der das Konzert stattfindet: der Herz-Jesu Kirche in Neuhausen, ein riesiger Glaskasten in Form einer Schuhschachtel. Schlicht und protzlos und mit richtig guter Akustik.

Mit Katja Stuber, Susan Zarrabi, Theresa Holzhauser, Attilio Glaser und Benedikt Eder hat sich die Dirigentin neben dem hochmotivierten Barockorchester La Banda tolle Solisten engagiert. Alle singen schlank und verständlich mit so viel Engagement!  Das Vokalconsort, das die H-Moll Messe als Kammerchor in ziemlich kleiner Besetzung musiziert, klingt genauso schnörkellos, ohne Vibrato - hellwach und frisch. Das hat den wunderbaren Effekt, dass die Musik dieser Botschaft ganz unverwischt bei den Zuschauern ankommt. So deutlich, so direkt ins Herz habe ich dieses Stück noch nie gehört.

Einen größeren Chor vermisst man eigentlich kaum. Bevor nach fast zwei Stunden Musik alle etwas müde zu werden drohen, zieht Johanna ordentlich an und erhöht die Intensität nochmal, besonders im "Et incarnatus est". Und die Vokalconsort Sänger spielen mit ihrer kammermusikalischen Ausgangssituation und zaubern die zarten und zerbrechlichen Stellen so leise wie möglich. Sehr eindrucksvoll.

Für den Dirigenten ist die H-Moll Messe wie Marathon laufen: über zwei Stunden volle Konzentration - und vor allem Kondition. Und um die wilde "Pleni sunt coeli"-Fuge kurz vor Schluss rhythmisch zusammenzuhalten, muss man schon ganz schön der Boss sein. Für Johanna Soller kein Problem - für sie hat sich der Mut gelohnt: Am Ende gibt's nicht nur tosenden Applaus, sondern auch die Abschlussnote 1,0.

Konzertinfo

26.06.16
Johann Sebastian Bach - Hohe Messe in h-Moll, BWV 232
Katja Stuber, Sopran I
Susan Zarrabi, Sopran II
Theresa Holzhauser, Alt
Attilio Glaser, Tenor
Benedikt Eder, Bass
VOCALCONSORT München
Barockorchester "La Banda"
Johanna Soller, Leitung

    AV-Player