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CD des Monats Mai Vom Suchen und Finden - Julia Lezhneva mit Arien von C. H. Graun

Tief in der Versenkung der Berliner Staatsbibliothek war sie verschwunden - jetzt ist Julia Lezhneva mit Arien des lange vergessenen Meisters Carl Heinrich Graun zurückgekehrt. Ob sich die Suche gelohnt hat?

Julia Lezhneva | Bildquelle: Decca / Simon Fowler

Bildquelle: Decca / Simon Fowler

Wie kann sowas denn in Vergessenheit geraten?! Zensiert? Hat jemand die Noten versteckt? Nö, ganz anders! Carl Heinrichs Grauns Zeit war einfach vorbei. So wie der Hipster von heute selten zu pompösen Schulterpolstern greift, hat sich auch die Mode in der Musik vor 250 Jahren geändert. Und so verstaubten viele Noten von Carl Heinrich Graun, wie wohl auch die ein oder andere Jacke aus den 80ern noch im Mottenschutz liegt und auf eine Renaissance wartet.

Aber jetzt ist er zurück! Carl Heinrich Graun war Hofkapellmeister von Friedrich dem Großen. Graun war sein Lieblingskomponist und darum ließ der "Alte Fritz" all seine Opern an der Königlichen Hofoper "Unter den Linden" in Berlin uraufführen. Einzelne Arien haben es auch schon in unsere Zeit geschafft und wurden von Größen wie Cecila Bartoli, Philippe Jaroussky und Jochen Kowalski gesungen.

Julia Lezhneva | Bildquelle: Decca / Simon Fowler Bildquelle: Decca / Simon Fowler Jetzt hat Julia Lezhneva seine Musik für sich entdeckt. Schon 2011 singt sie bei einem Konzert im Schloss Sanssouci in Potsdam eines der wenigen bekannten Stücke von Graun, "Mi paventi il figlio indegno" aus der Oper Britannico von 1751 (-das hat es auf die CD geschafft!).
Julia verliebt sich in seine gefühlvolle Komposition und will unbedingt mehr von dem Zeug. Also macht sie sich mit dem Dirigenten Mikhail Antonenko (der auch auf der CD zum Einsatz kommt) zum Stöbern auf in die Berliner Staatsbibliothek. Die beiden finden Arien, die das Gefühlsbarometer in alle Richtungen locken - vor allem für Frauenstimmen!

Während Zeitgenossen wie Georg Friedrich Händel und Nicola Antonio Porpora Kastraten ihre musikalische Aufmerksamkeit schenken, schreibt der spätbarocke Komponist Graun viele Partien mit einer dramatischen Bandbreite speziell für Frauen.

Die ist auch auf Julias CD zu hören. Elf Welt-Ersteinspielungen sind dabei: Arien aus den Opern "L'Orfeo", "Iphigenia in Aulis", "Coriolano", "Armida", "Il Mithridate", "Cilla" und auch die bekannte Arie "Mi paventi il figlio indegno" aus der Oper "Britannico".

Der Anfang haut gleich rein: Mit "Sento una pena" aus dem ersten Akt der Oper "L'Orfeo" leiht die 27-jährige Russin ihre Stimme der Königin Aspasia, die sich in Orfeo verliebt und darum gerne seine Frau Euridice um die Ecke bringen will. Julia rast furios, erhaben und scheinbar mühelos durch das Stück. Sie juchzt und attackiert mit glasklaren Trillern.
Aber sie kann auch ohne Schnörkel: Bei ruhigen Arien, wie bei "A tanti pianti miei" aus "Armida". Die Königin Armida will hier den Kreuzritter Rinaldo umgarnen, der sie aber verlässt. Die Tränen der Trauer nimmt Julia klar und sanft in ihrer Stimme auf. Nach einem kleinen Aufschrei der Hoffnungslosigkeit kehrt sie auch ohne Künstelei wieder dahin zurück.
Zum Strahlen und Trauern hat sie die perfekten Instrumentalisten gefunden. Das Concerto Köln-Ensemble begleitet stilsicher und charakterstark durch alle Gefühle, die die CD zu bieten hat.

Es lebe das Suchen, Finden und Spielen von verschollener Musik mit einer bezaubernden Julia Lezhneva, die als Detektivin, aber vor allem als Sängerin, eine tolle Arbeit geleistet hat.

CD-Info

Carl Heinrich Grauns
Opera Arias
Julia Lezhneva
Concerto Köln
Mikhail Antonenko
Decca

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