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CD des Monats Dezember Quatour pour la fin du temps

"Quatour pour la fin du temps" von Olivier Messiaen. Weiter weg von Lichterketten, Glühwein, Festessen und Konsumrausch geht es eigentlich nicht. Denn diese Musik ist harte Kost: Brutale, aber auch weiche Klangwelten bilden einen völligen Gegenpol zu den kitschigen Klängen der Adventszeit.

Quatuor pour la fin de temps | Bildquelle: Harald Hoffmann / Sony Classical

Bildquelle: Harald Hoffmann / Sony Classical

Programmmusik

Olivier Messiaen ist überzeugter Katholik. Inspiration und Programm zugleich ist für ihn die Offenbarung des Johannes: Der Verfasser der Offenbarung erfährt in seinen Visionen durch Engel vom Weltende.

"Und ich sah einen starken Engel vom Himmel herabkommen,(…) Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand gen Himmel und er schwur bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass hinfort keine Zeit mehr sein soll." (Offenbarung des Johannes, Kapitel 10 Vers 1 – 7)

Diese starken Verse haben Olivier Messiaen zum "Quatuor pour la Fin du Temps" inspiriert. Der schwedische Klarinettist Martin Fröst, der Cellist Torleif Thedéen und Geigerin Janine Jansen lernen sich beim Musizieren genau dieses Quartetts kennen.
Jahre später holen sie den französischen Pianisten Lucas Debargue dazu. Martin Fröst ist von der tiefen expressionistischen Kraft der Musik aufs Neue gepackt. Er hat das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist dieses besondere Quartett aufzuführen:

(…) denn diese Musik ist im heutigen politischen Klima noch ebenso relevant wie bei der Uraufführung 1941
Martin Fröst

 Entstehung

Die Komposition dieses Quartetts findet unter Extrembedingungen statt. Messiaen gerät 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er vollendet das Werk im Lager Stalag VIII A bei Görlitz. Messiaen schreibt es für Violine, Klarinette, Cello und Klavier.
Die außergewöhnliche Besetzung kommt zustande, weil unter den Mitinsassen genau diese Instrumente vorhanden sind. Eine deutsche Lagerwache ist Musikliebhaber und beschafft Messiaen Notenpapier. Geprobt wird das Werk in einem Waschraum. Den Klavierpart spielt Messiaen bei der Uraufführung selbst. Diese findet im Januar 1941 im Gefangenenlager statt. "Niemals wieder wurde mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört", meint der Komponist Jahrzehnte später.

 Hör-Ausdauer gefragt

Auf diese besondere Musik muss man sich einlassen und sie auch mehrmals hören, sie sich als Hörer wirklich erarbeiten. Durchhaltevermögen und volle Aufmerksamkeit sind nötig. Das ist nichts fürs nebenbei berieseln lassen. Allerdings können die Kommentare von Messiaen dabei helfen, diese sperrige Musik zu verstehen.

Aber wenn man die Geduld hat und es bis zum achten und letzten Satz, dem "Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu" schafft, wird man belohnt, mit hochemotionalen, wechselnden Stimmungen und mit für uns ungewohnten Klangwelten.
Besonders Janine Jansens virtuoses Violinspiel sticht heraus: Wie sie es meistert, die langen Melodien in große Bögen zu fassen. Durch Torleif Thedéens warmen Cello-Ton bekommt diese Einspielung außerdem etwas Zärtliches, Süßliches.

Entschleunigung

Quatuor pour la fin de temps | Bildquelle: Harald Hoffmann / Sony Classical Bildquelle: Harald Hoffmann / Sony Classical Überhaupt besticht dieses Werk durch Entschleunigung. Die meisten Sätze sind in langsamen Tempi und verlangen ausgedehnte Bögen und einen großen Atem. Genau das macht für Klarinettist Martin Fröst aber die Schönheit und den Reiz dieser Musik aus.

Wie so oft bei dem Synästhetiker Messiaen entstehen durch eine spezielle Tonleiter Akkorde, die Farbeindrücke darstellen. Solche Regenbogenfarben erlebt Messiaen wie einen ekstatischen Wirbel. Im Prinzip kann jeder Hörer solche Farbeindrücke wahrnehmen. Bei keinem anderen Komponisten hört man sie so stark wie bei Messiaen.

Die kantigen Motive werden von diesem Quartett glasklar präsentiert. Der "Tanz des Zorns, für die sieben Posaunen" ist von ungeheurer Härte, steinern im Klang, so dass es fast schon weh tut. Man kann den Zorn körperlich spüren.

Der Grundtenor dieser visionären Musik ist allerdings absolut hoffnungsvoll. Selbst die brutalen Sätze wirken nicht traurig. Schon 1941 klingt dieses Werk ganz anders, als die zu dieser Zeit entstandenen Kompositionen. Dieses Quartett fällt aus der Zeit – damals wie heute.

CD-INFO

"Quatuor pour la Fin de Temps"
Olivier Messiaen
Martin Fröst, Klarinette
Lucas Debargue, Klavier
Janine Jansen, Violine
Torleif Thedéen, Cello
Erschienen bei SONY Classical

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