BR-KLASSIK

Inhalt

Fasching und Karneval in der Klassik Maskenfeste und tanzende Schildkröten

Karneval und Oper haben viel gemeinsam: das Spiel unter der Maske, das Experiment mit vertauschten Identitäten – und die Lust an Grenzüberschreitungen. Als "Lachkultur des Volkes" hat der Literaturwissenschaftler Michail Bachtin den mittelalterlichen Karneval bezeichnet. In Florenz veranstaltet im späten 15. Jahrhundert der Medici-Fürst Lorenzo der Prächtige opulente Maskenfeste. Später wird sich Venedig als italienische Karnevals-Hauptstadt etablieren. Karneval und Fasching finden sich auch in der klassischen Musik – als Thema, stimmungsvoller Hintergrund oder karnevaleske Einsprengsel.

Bildquelle: picture alliance / imageBROKER | Arnulf Hettrich

Rom, Rosenmontag 1529: Der Bildhauer und Goldschmied Benvenuto Cellini nutzt den Karneval für eine gezielte Provokation. Inmitten einer Gruppe Maskierter singt er Spottlieder auf die herrschende Ordnung; als Kapuzinermönch verkleidet wird der Libertin später im Karnevalstreiben ein Mädchen entführen, das schon längst einem anderen versprochen ist. Soweit die Handlung der Oper "Benvenuto Cellini" von Hector Berlioz.

Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.
Joachim Ringelnatz

Zeitlich begrenztes Aufbegehren gegen die Ordnung

Umkehrung der Verhältnisse – das ist der Sinn von Fasching und Karneval. Zahlreiche Komponisten haben das Thema aufgegriffen. | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Tobias Hase Tabubruch, Umkehrung der Verhältnisse, Verstoß gegen die Sitten – das ist der Sinn von Fasching und Karneval. Die Erlaubnis, "unter freiem Himmel töricht zu sein", wie es Goethe auf seiner Italienischen Reise beobachtet hat. Ein Ventil, ein zeitlich begrenztes Aufbegehren gegen die Ordnung – von der Kirche im Mittelalter geschickt eingesetzt, um das Volk für den großen Rest des Jahres wieder besser an die Kandare nehmen zu können. Joachim Ringelnatz wird es später so formulieren: "Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt." Am Aschermittwoch ist alles vorbei, auch die Cellini-Oper.

Das Leben feiern

Bei aller Lebensfreude: Der Tod ist im Karneval allgegenwärtig. Als "carpe diem", das man der Mahnung "Memento mori" ("Bedenke, dass du sterblich bist") trotzig entgegenhält. Im dritten Akt von Giuseppe Verdis "Traviata" stirbt in einem ärmlichen Dachzimmer in Paris die einstige Edelkurtisane Violetta – und von der Straße dringt Faschingslärm in die Wohnung. Der Karneval feiert ungerührt das Leben. Er schert sich nicht um ein Einzelschicksal.

Karneval in der Oper

Amilcare Ponchiellis Oper "Gioconda" spielt im Karneval von Venedig. | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Jin Yu Immer wieder in der Geschichte der Oper kippt die Karnevalsthematik ins Tragische: Amilcare Ponchiellis "Gioconda" spielt im Karneval von Venedig. Eine maskierte Frau rettet die Mutter der Titelheldin vor dem Mob, der sie als Hexe verbrennen will. Ein Kostümfest 1792 in der Stockholmer Oper gibt für Verdis "Maskenball" den passenden historischen Rahmen ab. In Richard Wagners "Liebesverbot" will der Statthalter von Palermo den Karneval bei Todesstrafe verbieten. Der junge Komponist entscheidet sich allerdings für eine Wendung ins Komische.

Jung gegen Alt

Im Komischen verharrt auch die Opera buffa des 18. Jahrhunderts. Sie speist sich aus dem Figurenarsenal der Commedia dell‘arte und verhandelt auf der Bühne die älteste Komödiensituation überhaupt: den Kampf Jung gegen Alt. Da werden zuhauf falsche Apotheker, Ärzte und Notare sowie intrigante Dienerpaare aufgefahren. Karnevaleske Zutaten dieser Art finden wir in Cimarosas "Matrimonio segreto", aber auch später in Mozarts "Così fan tutte", in Rossinis "Barbier von Sevilla" sowie im "Rosenkavalier" und in der "Schweigsamen Frau" von Richard Strauss.

Mozart in Feierlaune

Wolfgang Amadeus Mozart soll sich nach der erfolgreichen Uraufführung seiner "Gärtnerin aus Liebe" ins Münchner Faschingsgetümmel gestürzt haben. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Am 13. Januar 1775 geht in München bei vollem Haus und unter "Viva maestro"-Rufen die Uraufführung von Mozarts "Gärtnerin aus Liebe" über die Bühne des Salvatortheaters, eine Opera buffa in bester Commedia dell'arte-Tradition. Nach dem Erfolg stürzen sich, so wird überliefert, Vater und Sohn Mozart mit Lust in den Münchner Fasching – maskiert, versteht sich. Der Senior gern als Portier, der Junior als Friseurlehrling. Drei Monate bleiben sie, bevor sie zum weitgehend humorfreien Fürsterzbischof Colloredo nach Salzburg zurückkehren. Für die Maskenbälle am Wiener Hof hat Mozart (selbst leidenschaftlicher Tänzer) viel unterhaltsame Tanzmusik komponiert. Die Adligen goutieren eher das steife Menuett, das Bürgertum wählt Kontretanz und Deutsche Tänze. Bei Letzteren darf man, so heißt es, sogar die Partnerin anfassen.

Über die Alte Rheinbrücke in Düsseldorf ging am Rosenmontag des Jahres 1854 ein Mensch, der im strömenden Regen mit seinem geblümten Schlafrock unter den vielen Maskierten nicht auffiel.
Barbara Meier in ihrer Robert-Schumann-Monographie, erschienen bei Rowohlt

Schumanns Sturz von der Brücke

Der Mensch im geblümten Schlafrock ist nicht in Karnevalslaune. Sekunden später stürzt er sich von der Brücke in den Fluss. Schifferknechte retten ihn – es ist der Komponist Robert Schumann. Karnevaleskes von ihm haben die Pianisten in ihrem Repertoire: "Carnaval" heißt Schumanns op. 9 von 1835. Ein paar Jahre später schreibt er seinen "Faschingsschwank aus Wien".

Von Fledermäusen und Schildkröten

Das Opernfestival auf Gut Immling inszenierte "Die Fledermaus" im Sommer 2017. | Bildquelle: © Nicole Richter In Wien regiert zu jener Zeit musikalisch schon die Strauß-Dynastie. Vor allem der Sohn wird sich mit karnevalaffinen Operetten noch einen großen Namen machen. Und sogar seine "Fledermaus" wird man für den Fasching vereinnahmen, obwohl sie an Silvester spielt. 

Camille Saint-Saëns hält seinen Faschingsbeitrag von 1886 ein Leben lang unter Verschluss. Der parodistische "Karneval der Tiere" (mit einem von Schildkröten in Zeitlupe getanzten Offenbachschen Cancan) darf erst nach dem Tod des Komponisten erscheinen.

Vor dem Karneval in die Quarantäne

Und damit wieder auf die andere Seite der Alpen: Den berühmten Karneval in Venedig will sich im Jahr 1716 auch der bayerische Kurprinz Karl Albrecht auf keinen Fall entgehen lassen. Zu seinem Glück ist er mit viel Vorlauf angereist. In Verona heißt nämlich die behördliche Anordnung: Social Distancing und 40 Tage Quarantäne, bis gewährleistet ist, dass der Prinz nicht die Pest eingeschleppt hat. Am 3. Februar erreicht er Venedig – und geht noch am selben Abend in die Oper.