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Pianist Igor Levit über Digitale Konzerte "Die Klassikwelt hat das Internet zu lange ignoriert"

Den klassischen Musikbetrieb hat der Corona-Lockdown im März hart getroffen: Keine Konzerte, keine Opernvorstellungen, geschlossene Säle. Viele Kulturbetriebe waren zunächst technisch überfordert, ihre Angebote in den digitalen Raum zu verlegen. Dabei hätte man schon viel früher das Potenzial des Internets nutzen können, kritisiert der Pianist und Klavierprofessor Igor Levit. Er selbst gab im Frühjahr täglich ein digitales Corona-Hauskonzert.

Bildquelle: Robbie Lawrence

"Die Diskussion um Internetplattformen für die klassische Musikwelt ist ja nicht neu. Damit wurde nur so ignorant umgegangen, dass man die Wände hochlaufen könnte." Igor Levit ist sichtlich aufgebracht im Interview mit BR-KLASSIK. Der Pianist probt gerade als "Artist in Residence" beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Klassikangebote im digitalen Raum hält er für enorm wichtig. Und damit meint er nicht, das Internet nur für den Ticketverkauf zu nutzen. "Unseriös und respektlos" sei das. Von Kulturanbietern erwartet er auch online mehr. "Da sitzen Menschen am anderen Ende. Man muss sich um diese Menschen bemühen, muss Vertrauen aufbauen. Da muss Zeit und Geld und Hirn investiert werden."

Als im März die Corona-Pandemie kulturelle Live-Events unmöglich machte, beobachtete Igor Levit, dass viele Kultureinrichtungen überfordert waren, schnell digitale Plattformen aufzubauen und kulturelle Angebote im Internet zugänglich zu machen. Die Klassik habe das Potenzial des Internets "verschlafen".

Bundesverdienstkreuz für Twitterkonzerte

Igor Levit nutzt die Sozialen Netzwerke intensiv, um neue Künstler und Musik kennenzulernen. Er gehört zu den ersten, die während des Corona-Lockdowns Konzerte aus dem heimischen Wohnzimmer streamten. Unter anderem für diese "Corona-Hauskonzerte" bei Twitter wird er am 1. Oktober mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet.

Streaming-Konzerte sind kein Ersatz für Live-Abende.
Igor Levit, Pianist

Igor Levit streamt ein "Haus-Konzert" per Twitter. | Bildquelle: Igor Levit "Streaming-Konzerte sind kein Ersatz für Live-Abende, aber sie haben ein Potenzial für sich, nämlich Musik international zu machen", erklärt Levit. Internetnutzer können Künstlerinnen und Künstler von der anderen Seite des Planeten in Echtzeit kennenlernen. Außerdem haben andere Programme eine Chance. Levit macht die Erfahrung, dass man online Musik präsentieren kann, die es im Live-Konzert schwer hätte. Generell ist ihm dieser Unterschied wichtig: "Wenn Streaming-Konzerte nur Copy-Paste-Veranstaltungen von Live-Abenden sind, haben wir es wieder nicht verstanden."

Dürfen Streaming-Konzerte etwas kosten?

Eine große Diskussion entbrannte im Frühjahr auch darum, ob Konzertstreams gratis oder gebührenpflichtig angeboten werden sollen. Auch diese Debatte hätte die Musikwelt schon eher führen können, so Levit. Er vergleicht: "Große Medienhäuser haben sich schon vor Jahren um Bezahlsysteme bemüht, Lösungen aufgebaut, sind immer noch nicht fertig." Digitale Entwicklung brauche natürlich Zeit. Levit hofft, dass sich jetzt in der Klassikbranche etwas ändert.

Dass Igor Levit inzwischen wieder live auftreten kann, ist für ihn trotz digitaler Möglichkeiten "ein unbeschreibliches Glück". Auch wenn derzeit nur wenige Menschen im Publikum sitzen dürfen. "Das spielt keine Rolle. Diese wenigen Menschen sind Menschen, die uns ihre Zeit schenken, mit das Wertvollste, was sie haben." Dafür ist er sehr dankbar.

"Artist in Residence" Igor Levit

Am 24. und 25. September spielt Igor Levit Beethovens 1. Klavierkonzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Riccardo Minasi. BR-KLASSIK überträgt das Konzert am 25. September ab 20.05 Uhr live aus dem Münchner Herkulessaal.

Sendung: "Leporello" am 23. September 2020 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK