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Kritik – Wagners "Rheingold" in Stuttgart Spaß in der Manege

Gestrandet auf einem heruntergekommenen Rummelplatz langweilen sich die Götter nach Kräften und beruhigen ihre Nerven mit Drogen, Limbo und Ruder-Ausflügen. Gänzlich unmythisch wird dieser "Ring" an der Staatsoper Stuttgart eröffnet. Das Ensemble ist hochmotivert und brilliert in dieser experimentellen und durchaus aufsässigen "Rheingold"-Produktion.

Bildquelle: Matthias Baus/Staatstheater Stuttgart

War Richard Wagner eigentlich ein Revolutionär oder nur ein Revoluzzer? Jedenfalls wollte er den totalen Umsturz, aber der ersetzt, wie der Name schon sagt, ja nur die alten Götter durch neue, tauscht also lediglich die Eliten aus, stellt die Gesellschaft vom Kopf auf die Füße, nach dem Motto: Weg mit euch, jetzt sind wir mal dran. Ob Wagner also wirklich die Welt verbessert hat, darüber lässt sich füglich streiten, seinen Lebensstandard auf jeden Fall, bekanntlich auf Kosten der Gläubiger. Anarchisten zahlen ja ungern Rechnungen.

Böse Clowns zwischen Gabelstaplern

Insofern ist das Zitat, das dieses "Rheingold" in Stuttgart eröffnet, etwas doppeldeutig, wonach Wagner 1848 die "Ordnung der Dinge" zerstören wollte. Was folgt, ist eigentlich pure Satire: Im "Rheingold" nämlich, da wollen alle Beteiligten die "Ordnung der Dinge" unbedingt erhalten, und zerstören sie gerade dadurch. Wie auch immer: Beim in Stuttgart gebürtigen Regisseur Stephan Kimmig (62) gibt´s für Revolutionäre nicht mehr viel zu gewinnen. Seine Götter tummeln sich auf einem von Ausstatterin Katja Haß entworfenen, heruntergekommenen Jahrmarkt zwischen bösen Clowns, signalgelben Gabelstaplern und morscher Leuchtreklame, und der Spaß in der Manege, der hält sich bei diesen Stars sehr in Grenzen.

Wotan und seine abgetakelte Akrobaten-Truppe langweilen sich bei Energy Drinks, tragen ihre Pailletten-Kluft auf, paffen und schminken sich durch den Tag und warten vergeblich darauf, das mal was Spannendes passiert - obwohl im Hintergrund Vertikaltuch-Artistinnen ihr Können zeigen. Die Rheintöchter sind offenbar aus einem Eliteinternat entlaufen, bewachen das Gold eher nachlässig und scheinen wenig schockiert, als der gerissene Alberich mit dem Zeug in der Schubkarre davoneilt.

Erda als Öko-Aktivistin

Und Feuergott Loge ist hier mal kein quirliger Unruhestifter, sondern ein schwer genervter Intellektueller in schwarz, dem das alles total blöd vorkommt und der kurz davor ist, mit seinem Flammenwerfer ganz neu anzufangen. Am Ende tanzen alle Limbo, denn zwischendurch kam die langmähnige Urmutter Erda als Öko-Aktivistin im Selbstgestrickten auf ihrem grünen Fahrrad vorbei und rettete die Welt vor sich selbst - natürlich nur vorübergehend.

Das war alles ungemein gut gespielt, und ungemein mutig, denn Stephan Kimmig verweigerte dem Publikum konsequent alle Versatzstücke, die das "Rheingold" ausmachen: Dieser Wotan hat weder eine Augenklappe, noch einen Speer, es gibt keinen Regenbogen, keine Götterburg Walhall, keinen Rhein und kein Nibelheim und das mythische Gold besteht aus angemalten Barren, reichlich Lametta und einem billigen Pokal. So radikal reduziert und gänzlich unmythisch lässt sich Wagner also bebildern, vorausgesetzt, das Ensemble ist so hochmotiviert bei der Sache wie in Stuttgart.

Götter in Friesennerzen beim Rudern

Das Problem an der Inszenierung: Dirigent Cornelius Meister im Graben liebt es monumental, lässt das Orchester schon so üppig aufblühen, als ob die "Götterdämmerung" zu bewältigen ist. Das macht was her, zumal die Harfen bis in den ersten Rang hoch aufgebaut waren, das ist bewegend und effektvoll, doch traf großer Klang auf kleine Bilder, Pathos auf Ironie, und diese skurrile Mischung wirkte so befremdlich, dass es für das Regie-Team vernehmliche Proteste gab.

Manches vermittelte sich leider nicht: Warum warfen sich die Götter am Ende "Friesennerze" über? Hatten sie ihre Klimaziele verfehlt? Warum forderten die Rheintöchter per Transparent dazu auf, nicht länger feige zu sein? Warum fuchtelten die Götter mit Rudern herum? Wollten sie damit auf die ansteigenden Meeresspiegel deuten? Auch das Programmbuch brachte darüber keinen genaueren Aufschluss, wenngleich Stephan Kimmig demnach an "Fridays for Future" glaubt.

Unter den Solisten überzeugte allen voran Leigh Melrose als Alberich: Er ließ sich sogar auf einer Scheibe, wie sie Messerwerfer brauchen, herumschleudern und sang und spielte furios. Matthias Klink als Loge hätte mit seiner grimmigen Miene und seinem gebeugten Gang locker auch den französischen Starphilosophen Michel Houellebecq im neuen Asterix darstellen können. Esther Dierkes war eine herrlich ausgebrannte, nervös herumschlurfende Fricka, der augenscheinlich kein menschliches Elend und kein Betäubungsmittel mehr fremd war.

Aufsässig ist die Inszenierung auf jeden Fall

Auch der polnische Bariton Paweł Konik als dauergrinsendes blondes Kraftpaket Donner lieferte ein sehr kurzweiliges Rollenporträt ab. Dagegen blieb der kroatische Bass Goran Jurić als Wotan etwas farblos. Dass es Stephan Kimmig schaffte, den sonst oft zum Verwechseln ähnlichen drei Rheintöchter diesmal jeweils sehr eigene Charakterzüge zu geben, machte sie deutlich interessanter, und eine von ihnen musste verletzungsbedingt sogar im Rollstuhl agieren, was der Eröffnungsszene eine durchaus plausible groteske Note gab.

Insgesamt ein sehr experimentelles "Rheingold", wie von der Stuttgarter Oper nicht anders zu erwarten, und eine wieder mal mustergültige Gemeinschaftsleistung des dortigen Casts. Vielleicht nicht gerade revolutionär, aber aufsässig auf jeden Fall.

Weitere Informationen

Wagners "Rheingold" steht noch am 24. und 27. November sowie am 12., 17. und 19. Dezember auf dem Spielplan. Details auf der Website der Staatsoper Stuttgart.

Sendung: "Allegro" am 22. November 2021 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK