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Kritik - "Manon" in Salzburg Liebe auf Bonusmeilen

Am Salzburger Landestheater ist Jules Massenets Opéra comique von 1884 als Kapitalismus-Satire zu sehen. Regisseurin Christiane Lutz inszenierte ein ehrgeiziges Playgirl zwischen Business-Lounge und Daddel-Automaten, was viel Beifall fand. Musikalisch blieben allerdings Wünsche offen.

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Nein, diese Oper hat nicht den Untertitel "Mein Kampf um die Bonusmeilen", aber am Salzburger Landestheater ist genau das über drei Stunden hinweg zu sehen, und es endet natürlich tragisch. Manon Lescaut, diese leichtlebige, oberflächliche, lebensgierige Frau, sehnt sich nach dem Zugang zur Business-Class-Lounge, womit ihr Untergang besiegelt ist, denn wer wüsste nicht, dass Bonusmeilen verfallen und auch Prämienflüge nicht vor Verspätungen schützen. Regisseurin Christiane Lutz inszenierte das rührselige Moralstück des Abbé Prévost aus dem Jahr 1731 konsequent als so moderne wie witzige Kapitalismus-Satire. Gut, dass dabei der Oper von Jules Massenet fast alles Gefühlsduselige, Sentimentale ausgetrieben wurde.

Premium-Lounge als Tor zum Paradies

Ja, es macht Spaß, dieser Manon Lescaut dabei zuzusehen, wie sie wirklich alles im Leben falsch macht. Klar, sie muss dafür im fünften Akt sterben, aber in dieser Inszenierung sieht das eher wie eine Begnadigung als eine Strafe aus. Manon arbeitet anfangs als Drogenkurierin für ihren kriminellen Bruder, lässt sich dann von ihm mit teurem Schmuck und jeder Menge Kreditkarten bei Laune halten, verführt schließlich ihren eigentlich braven und frommen Lebensgefährten zum Glücksspiel und ist zufrieden, wenn die Automaten Kohle ausspucken. Da ist die Premium-Lounge am Flughafen quasi das Tor zum Paradies oder zumindest zum Schlaraffenland.

Daddel-Automat als Liebes-Ersatz

Abdellah Lasri (Chevalier Des Grieux) und Shelley Jackson (Manon Lescaut) | Bildquelle: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Herrlich, wie banale und doch effektvolle Bilder Christiane Lutz erfindet: Da bekommt Manon Lescaut den teuren Bestechungsring einfach nicht mehr vom Finger, da wird aus einem schäbigen Koffer nur dadurch ein Luxus-Exemplar, dass das Innenfutter ausgetauscht wird. Plötzlich ist es mit den Initialen eines französischen Edel-Reisegepäckherstellers bedruckt und macht gleich was her. So schal, so primitiv ist Statusdenken. Der Daddelautomat ist immer in der Nähe, ein Liebes-Ersatz wie die Schaufensterpuppe. Großartig, diese geschwätzige Gesellschaft, die sich bei einer Ausstellungseröffnung trifft, vulgär das Treiben im Spielcasino, bizarr der Kult um den jungen Kaplan, dem die Frauen den Beichtstuhl einrennen.

Tod zwischen vulgärem Gerümpel

Abbé Prévost wollte zu seiner Zeit, im 18. Jahrhundert, mit "Manon Lescaut" dem verkommenen Adel noch Manieren beibringen, idealerweise sogar Moral, aber all das ist heute ja kaum noch möglich, in einer Zeit, wo längst der Kapitalismus selbst zur Religion geworden ist. Kaum einer versteht noch, was daran falsch sein soll, das Leben auf Bonusmeilen zu gründen und möglichst viel Party zu machen. Im Schlussbild sitzt Manon Lescaut zwischen dem ganzen vulgären Gerümpel ihres Daseins, von Kunstwerken bis Luxusmöbeln, und schläft friedlich ein. Es gibt zweifellos schlimmere Todesarten: Ihr Mann, der Chevalier Des Grieux, jagt sich eine Kugel in den Kopf.

Spröde und affektiert

Am Salzburger Landestheater kam die "Manon"-Oper von Jules Massenet zur Aufführung, nicht die wesentlich populärere und effektvollere Fassung von Giacomo Puccini. Massenet vertonte den Stoff 1884 als damals modische Opéra comique mit vielen umständlichen, gesprochenen Dialogen, so dass das Werk nicht die dramatische Geschlossenheit, allerdings auch nicht die kitschverdächtige Sentimentalität von Puccini hat. Gleichwohl wirken derartige französische Opern heutzutage nicht mehr wirklich "lyrisch", sondern im Vergleich zum italienischen Verismo aus den 1890er Jahren spröde und affektiert.

Musikalisch durchwachsen

George Humphreys als krimineller Bruder von Manon Lescaut | Bildquelle: Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Stimmlich überzeugte in Salzburg die Amerikanerin Shelley Jackson in der Titelrolle, während der marokkanische Tenor Abdellah Lasri nicht gut in Form war: Immer wieder brach ihm die Stimme weg, er wirkte durchgehend überanstrengt. Herrlich kraftvoll und authentisch dagegen George Humphreys als krimineller Bruder von Manon Lescaut und der Ukrainer Yevheniy Kapitula aus Lemberg als aalglatter Lebemann De Brétigny. Dirigent Adrian Kelly ließ sich nach der Pause bisweilen allzu sehr von seinem Furor mitreißen und übertrieb es mit der Lautstärke, die bei Massenet - anders als bei Puccini - nun wirklich nicht gefragt ist. Herzlicher Beifall für eine optisch gelungene, musikalisch durchwachsene Produktion.

"Manon" am Salzburger Landestheater

Opéra comique in fünf Akten
Libretto von Henri Meilhac und Philippe Gille nach Abbé Prévost
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Adrian Kelly
Inszenierung: Christiane Lutz

Premiere: 21.10.2018
Weiter Infos und Termine auf der Homepage des Salzburger Landestheaters