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Starsaxophonist Joshua Redman über die aktuelle Lage in den USA "Es schmerzt, aber ich habe Hoffnung"

Seit dem Tod von George Floyd demonstrieren in den USA viele Menschen aus dem Kultur- und Musikbereich gegen Rassismus. Darunter auch der Jazzsaxophonist Joshua Redman. Passivität sei jetzt nicht mehr akzeptabel, sagt er im Gespräch mit BR-KLASSIK. Sich selbst sieht er in einer besonderen Verantwortung.

Bildquelle: Ralf Dombrowski

BR-KLASSIK: Wie stark beschäftigt Sie die aktuelle Situation Ihrem Land?

Joshua Redman: Die aktuelle Situation beschäftigt mich sehr. Das ist ja nichts neues, sondern eines der ältesten Probleme der USA: Die Unterdrückung und Unterwerfung von Schwarzen. Unser Land ist darauf aufgebaut. Es gibt heute sehr viele Institutionen, in die Ungerechtigkeit und Rassismus quasi eingebrannt sind. Das ist es, was die Menschen meinen, wenn sie von systematischem Rassismus sprechen.

Das ist etwas, das ich als Afroamerikaner in diesem Land schon mein ganzes Leben lang erfahre.
Joshua Redman über Rassismus in den USA

BR-KLASSIK: Nehmen Sie eine Veränderung wahr in der Gesellschaft?

Joshua Redman: Es gibt ein wachsendes Verständnis dafür. Nicht nur in der afroamerikanischen Gemeinschaft, die hat das schon immer gespürt. Aber jetzt wächst auch im Rest der Gesellschaft die Wahrnehmung dafür. Es entsteht eine regelrechte Bewegung, die sich mit dem Vermächtnis und der heutigen Realität des systematischen Rassismus befassen: Schwarze Menschen werden umgebracht. Auch heute noch. Der brutale Mord an George Floyd war der entscheidende Wendepunkt. Viele, die die Existenz von strukturellen Rassismus vorher bestritten haben, wachen nun auf. Daraus ergibt sich die Möglichkeit zu echter Veränderung. Die Chance, das alles zu überwinden.

Es schmerzt und es tut weh, aber es steckt auch etwas Ermutigendes in all den Möglichkeiten, die nun aufscheinen.
Joshua Redman

BR-KLASSIK: Haben Sie etwas Ähnliches schon einmal erlebt?

Joshua Redman: Noch nie! Diese Protestbewegung – das könnte das Birmingham und Selma unserer Zeit sein.

BR-KLASSIK: Selma und Birmingham sind zwei bedeutungsvolle Orte der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre. Saxophonist John Coltrane schrieb seine Komposition "Alabama" nach dem schrecklichen Bombenattentat 1963 in Birmingham, Alabama. Vier afroamerikanische Mädchen starben, als Mitglieder des Ku-Klux-Klans eine Kirche in die Luft sprengten. Gitarrist Wes Montgomery komponierte nach den friedlichen Protestmärschen von Selma das Stück "Selma March". Haben Künstler eine besondere Verantwortung gegen Rassismus einzutreten?

Joshua Redman: Ich glaube wir haben alle eine Verantwortung Rassismus zu erkennen, zu benennen, und dagegen zu kämpfen. Und zu versuchen, den Rassismus nicht einfach hinzunehmen. Es ist einfach passiv zu sein und zu sagen: „Das sind natürlich schreckliche Dinge, aber ich bin doch kein Rassist!“ Das darf nicht mehr akzeptiert werden!

Pianist Brad Mehldau und Saxophonist Joshua Redman beim Jazzfest Berlin 2016 | Bildquelle: Camille Blake Als Jazzmusiker spiele ich offensichtlich eine Musik, die ihren Ursprung hat in den Erlebnissen und dem Kampf, den die Afroamerikaner führen mussten in diesem Land. Ich spiele Black American Music. Du kannst natürlich ein großartiger, inspirierender Jazzmusiker sein, egal welche Herkunft du hast, aber die große Mehrheit der für mich bedeutendsten Jazzmusiker waren Afroamerikaner. Also ja, ich glaube, als jemand, der diese Musik spielt und schätzt, habe ich eine noch größere Verantwortung, zu tun was ich nur kann, um gegen Rassismus einzutreten.

BR-KLASSIK: Beeinflussen solche sozialen und politischen Themen Ihre Musik?

Joshua Redman: Ich war nie ein Jazzmusiker, der viele explizite politische Aussagen gemacht hat, weder durch meine Musik noch in meinen Bühnenansagen. Trotzdem: Ich habe den höchsten Respekt davor. Einige meiner persönlichen Helden haben echte Protestmusik gemacht, Musik die sehr klare politische und soziale Ansichten vertrat. Auch ich hatte immer sehr starke Überzeugungen und ich denke, auf ihre eigene Art haben sie ihren Weg in meine Musik gefunden. Wenn auch nicht so offensichtlich. Vielleicht ist das die Form von Passivität, die ich gerade kritisiert habe: keine starken und klaren Statements zu machen. Vielleicht muss ich darüber nochmal nachdenken. Ich weiß noch nicht, ob und wie ich in meiner Musik diese aktuellen Ereignisse aufgreifen werden. Aber ich denke auf jeden Fall viel darüber nach.

Auch die Polizei darf nicht unantastbar sein.
Josahua Redman

BR-KLASSIK: Was glauben Sie, wie kann sich aktuelle Situation verändert werden? Welche Chancen sehen Sie?

Joshua Redman: Ganze Communities wurden durch diesen institutionalisierten Rassismus zerstört. Jetzt gibt es verschiedene Wege damit umzugehen. Ein Teil der Widergutmachungsarbeit muss sein, dass man sich mit den Verbrechen auseinandersetzt, sie zugibt und die Opfer anerkennt: aufeinander zugehen, einander wahrnehmen und die Wahrheit aussprechen. Auf lokaler Ebene gibt es gerade enorme Anstrengungen, die Befugnisse der Polizei zu beschränken. Ich weiß nicht genau, wie das vor sich geht, aber ich lese viel darüber und lerne. Natürlich klingt das extrem, die Polizei zu "entmachten". Aber auch die Polizei darf nicht unantastbar sein. Es geht einfach darum bestehende Dinge in Frage zu stellen. Ich bin aber ein ziemlich mieser Aktivist und kein Politiker. Ich bin nur ein Jazzmusiker, der versucht einen guten Blues zu spielen. Aber ich denke, das Verständnis ist da und der Wille, und das sind Teile dieser Veränderung. Es schmerzt, aber ich habe Hoffnung.

Sendung: "Leporello" am 07. Juli 2020 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK