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Der Saxophonist und Sänger Manu Dibango ist gestorben Soul, Jazz und das Erbe Afrikas

Der African Soul & Jazz-Star Manu Dibango ist nach einer Infektion mit dem Corona-Virus im Alter von 86 Jahren gestorben. Bekannt als "Papa Groove", gehörte er zu den populärsten afrikanischen Musikern der Welt. Mit 15 Jahren kam er einst von Kamerun nach Frankreich, von wo aus er weltberühmt wurde.

Bildquelle: © picture alliance / Photoshot

Auf der Bühne war er ein gelassenes Energiebündel – auch noch mit über achtzig. Da wiegte er sich in über anderthalbstündigen Auftritten geschmeidig in den Rhythmen, spielte Tenorsaxophon mit ungemein elegantem Ton, sang mit seiner weich-wuchtigen Bass-Stimme und ließ bei einem Stück auch mal am Vibraphon lustvoll die Klöppel fliegen. Selbstverständlich dabei: kein einziger Song im Sitzen! Denn schließlich strahlte dieser große schlanke Typ mit der Sonnenbrille, der coolen Glatze und dem buntgemusterten, hellen Hemd eine völlige Alterslosigkeit aus. So jugendlich, wie er im März 2018 auf der Bühne bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen wirkte, kommen sowieso die allerwenigsten Musiker rüber. Und nun erfahren seine Fans schockiert, dass der aus Kamerun stammende und seit langem in Frankreich lebende Musiker Manu Dibango nach einer Infektion mit dem Corona-Virus gestorben ist. In Frankreich war vor wenigen Tagen bekannt geworden, dass er sich infiziert hatte. Am 24. März erlag er der Krankheit.

Soul Makossa und die Folgen

Manu Dibango | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Daniel Karmann Ein Musiker mit beeindruckender Präsenz war dieser Manu Dibango, genannt auch "Papa Groove": einer, dem es keine Mühe machte, den Funken zum Publikum überspringen zu lassen, der mehrere Instrumente beherrschte und eine Lockerheit ausstrahlte, mit der er auf der Bühne absolut in seinem Element wirkte. Aus afrikanischen Rhythmen, Jazz- und Popmusik-Einflüssen schuf er eine eigene Musik, die nach dem Titel eines Hits von ihm bald den Stilbegriff "Soul Makossa" erhielt – benannt nach einer urbanen Tanzmusikrichtung aus Kamerun. Der 1972 erschienene Song "Soul Makossa" kam sogar in den USA in die Hitparaden. Dibangos Musik war "Weltmusik", bevor es das entsprechende Etikett gab, und hat viele berühmte Musiker beeinflusst – von Herbie Hancock über Youssou’N’Dour bis hin zu den Reggae-Musikern Sly Dunbar und Robbie Shakespeare.

Inspirator der Disco-Musik

Gegen Michael Jackson und die Pop-Diva Rihanna reichte Dibango Plagiats-Klagen ein: Denn Jackson hatte 1982 in den Song "Wanna Be Startin‘ Somethin'"eine Zeile von Dibango verwendet – und Rihanna ihrerseits sampelte dieselbe Zeile aus dem Jackson-Song in ihrem Dance-Pop-Hit "Don’t Stop The Music" von 2007. "Soul Makossa" soll sogar die wenig später entstandene Disco-Musik wesentlich inspiriert haben: Die zuckenden Funky-Rhythmen, die mit coolem Drive gesprochene Beschwörungsformel "mama-se, mama-sa, ma-ma-ko-ssa" und trance-hafte Chorgesänge waren ein unwiderstehliches Gemisch, das nicht nur zündete, sondern auch Glücksgefühle auslöste.

Konzert-Video - "Africadelik": Manu Dibango bei der Jazzwoche Burghausen (2018)

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Bildquelle: Edmond Sadaka

Manu Dibango - ein Kommunikator von Lebensfreude

Vieles floss in Dibangos Musik ein, auch lateinamerikanische Rhythmen, Funk und Reggae: eine weltoffene Mixtur von einem, der sich aufs Kommunizieren von Lebensfreude verstand. Und er selbst verblüffte immer wieder mit den unterschiedlichsten künstlerischen Facetten. Das berühmte Freundschafts- und Dankeslied "Chanson pour l’Auvergnat" des französischen Liederdichters Georges Brassens hat niemand lässiger und swingender gesungen als Dibango – dessen kehlig-dunkles Gesangsorgan unverwechselbar war.

"Ich hatte es nicht so mit dem Halleluja"

Manu Dibango im BR | Bildquelle: Bayerischer Rundfunk Seine Familie hatte einst ganz andere Dinge mit dem 1933 in Douala geborenen Emmanuel N'Djoké Dibango vor. Sie schickten ihn 1949 nach Frankreich, damit er dort das Abitur machen konnte und einen seriösen Beruf erlernte. Kamerun war damals noch eine Kolonie, die Unabhängigkeit als Republik erhielt das Land 1960. In einem BR-KLASSIK-Interview erzählte Dibango: "Eltern in Kamerun brachten damals Opfer, damit sie ihre Kinder nach Europa schicken konnten, um zu studieren – um Arzt oder Anwalt zu werden, also angesehene Berufe zu erlernen." Musiker zählte nicht dazu. Manu Dibangos Vater mochte Musik sehr, aber nur Kirchenmusik: "Solange darin ein Halleluja vorkam, kein Problem. Aber ohne Halleluja wurde es schwierig. Ich hatte es nicht so mit dem Halleluja. Andere afrikanische Kinder kehrten mit bedeutenden Studienabschlüssen zurück, und ich – machte Musik. Das gab Probleme." Sein Vater strich ihm dann sogleich die finanziellen Zuwendungen. Das war 1956, als Dibango in Reims begonnen hatte, mit dem Saxophon in Nachtklubs aufzutreten.

Drei Kilo Kaffee und der Blues

Fünfzehn Jahre alt war Dibango, als er mit dem Schiff von Kamerun nach Frankreich reiste: alleine. Im Gepäck hatte er drei Kilo Kaffee, weil Kaffee eine gute Währung war. 21 Tage dauerte die Reise damals von Douala nach Marseille, Dibango konnte auch nicht in den Ferien zurückfahren wegen der langen Reisezeit: "Da war man wirklich einsam, das war nicht leicht." Zwar hatte er Freunde, aber er sah die Familie nicht. Und man hatte, so Dibango, als Fünfzehnjähriger oft den Blues. Zwei biographische Bücher hat Dibango geschrieben – zuerst eines, das "Trois kilos de café" heißt, also "Drei Kilo Kaffee" – und später eines mit dem Titel "Balade en saxo dans les coulisses de ma vie", "Spaziergang mit dem Saxophon durch die Schauplätze meines Lebens". Sehr lesenswerte Bücher, denn dieser Mann hatte etwas mitzuteilen. Für die Musik, und nicht zuletzt den Jazz hat ihn einst der Schriftsteller Francis Bebey begeistert, der auch Musiker war und Lieder zur Gitarre sang. Die beiden hatten sich kennengelernt – und es hatte gleich gefunkt.

"Der Jazz gehört auch den Afrikanern"

Es dauerte, bis Manu Dibango sich musikalisch durchsetzte. Nach seiner Zeit in Reims lebte er eine Zeitlang in Belgien, wurde für das Orchester "Le Grand Kallé et l’African Jazz" engagiert, die bekannteste Band der 1950er Jahre im damaligen Belgisch-Kongo. Nach seiner Zeit dort kehrte Dibango wieder nach Frankreich zurück – und erst etwa ein Jahrzehnt später feierte er den internationalen Durchbruch mit dem Song "Soul Mokassa" und einer Musik voller funkensprühender Energie. Diese Energie erhielt sich Manu Dibango bis zuletzt. Bei Konzerten wie jenem in Burghausen 2018 wirkte diese Musik immer noch frisch und äußerst lebendig – und keineswegs wie die Reproduktion eines einst gefundenen Erfolgsrezepts. Denn Dibango hatte für seine Konzerte eine geschickte Mischung zwischen entspannt-lyrischen Passagen und rhythmischer Power gefunden. Nicht nur mit ewig jugendlichem Charme, sondern auch mit Humor brachte er seine Sounds ans Publikum. Den Humor ließ er auch als Gesprächspartner immer wieder aufblitzen. Auf die Bemerkung, dass die Tanzmusik Makossa rhythmisch viele Ähnlichkeiten zum Jazz aufweise, sagte er: "Ja, da ist auch Jazz drin. Der Jazz gehört der ganzen Welt, auch den Afrikanern." Und lachte daraufhin schallend los. Momente wie dieser sind unvergesslich – wie viele, die dieser große Musiker seinem Publikum bescherte.

Sendung: "Leporello" am 24. März 2020 um 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Manu Dibango auf BR-KLASSIK

All That Jazz am 09. April 2020
Papa Groove in Burghausen
Erinnerungen an Saxophonist und Sänger Manu Dibango mit Aufnahmen des Bayerischen Rundfunk von der Internationalen Jazzwoche Burghausen aus den Jahren 1994, 1999 und 2018

Moderation und Auswahl: Ulrich Habersetzer