BR-KLASSIK

Inhalt

Tiroler Festspiele Erl Start unter dunklen Wolken

Am Donnerstag beginnt die Sommerausgabe der Tiroler Festspiele Erl 2018. Dirigent Gustav Kuhn hat das Festival vor 21 Jahren gegründet. Anfang 2018 gab es Gerüchte um Dumpinglöhne, Machtmissbrauch und unzumutbare Arbeitsbedingungen. Der Blogger Markus Wilhelm befindet sich im Gerichtsstreit mit Kuhn, der Verein "art but fair" hat sich eingeschaltet. Wie ist die Stimmung vor Ort?

Bildquelle: ©picture alliance / Roland Mühlanger

Es ist ein strahlender Sommernachmittag – und doch hängen ein paar dunkle Wolken über dem Festspielbetrieb von Erl in Tirol. Künstlerlöhne, die nicht zum Leben reichen, überlange Probenzeiten, sexuelle Nötigung von Künstlerinnen – mit diesen Vorwürfen sieht sich Festspielleiter Gustav Kuhn konfrontiert. Lässt sich da überhaupt noch ein Festival vorbereiten? "Ich kann das ganz normal", meint Festivalleiter Gustav Kuhn. "Ich habe auch gute Leute, die mir das abnehmen. Zu der Sache selbst kann ja jeder meinen Anwalt fragen. Was mich sehr gefreut hat: in dem ersten Prozess, bei dem ich auch aufgetreten bin, hat der Blogger gesagt, strafrechtlich sei gegen mich sowieso nichts einzuwenden."

Der Blogger Markus Wilhelm äußert sich dazu schriftlich: Auf die Frage der Richterin, ob eventuell ein Vergleich möglich wäre, hätten beide Anwälte eher positiv reagiert. "Mein Anwalt (und nicht ich) hat dabei lediglich konkretisiert, dass die Vorwürfe von mir ja 'nicht im strafrechtlichen Sinne zu verstehen sind, sondern im moralischen Sinne'. Das ist nur logisch, weil über Strafbarkeit oder nicht auch nur ein Gericht entscheiden kann."

Alles Inszenierung?

Bei meinem Rundgang auf dem Festspielgelände kurz vor der Hauptprobe zur "Walküre" begegne ich nur glücklich strahlenden Mitwirkenden. Alles Inszenierung? "Gehen Sie herum", sagt Kuhn, "fragen Sie, wen Sie wollen, Sie haben Zutritt zu allem. Und das hab‘ ich dem Herrn Blogger auch angeboten. Er ist nie gekommen." Wilhelm, der "Herr Blogger“, bestätigt die versuchte Kontaktaufnahme: '"Einmal haben wir telefoniert, wobei er mich einlullen und in seinen Ansitz in der Toskana einladen wollte."

Scheinmaßnahmen statt Transparenz?

Die Hauptprobe des 1. Aufzugs der "Walküre" läuft professionell, die vorher angekündigten Pausenzeiten werden eingehalten. Es ist schon wahr: Von großer Transparenz konnte man, was die Arbeitsbedingungen angeht, in Erl nicht immer sprechen. Da hat ein ganzes Dorf einen Festspielbetrieb sehr erfolgreich am Laufen gehalten – und einer hatte das Sagen. Aber man hat aus den Vorwürfen gelernt, heißt es seitens der Festspielleitung. Mittlerweile wurde die Gagenordnung im Internet veröffentlicht und die frühere Tiroler Landesrätin Christine Baur als unabhängige Ombudsfrau eingesetzt. Für Markus Wilhelm sind das "Scheinmaßnahmen": "Die veröffentlichte und so unvollständige Gagenordnung sagt gar nichts über die wirklichen Zustände aus. Und die sogenannte Ombudsfrau wurde von oben eingesetzt und entfaltet bisher keine Aktivität. Verständlicherweise haben die Künstler auch kein Vertrauen in sie". Zu diesen Vorwürfen möchte sich Kuhn nicht äußern.

Zeit, den Mund aufzumachen

Mutmaßungen, Behauptungen, Dementis, anonyme Zeugen... Wenn es denn Missbrauch gegeben hat in Erl, können jetzt nur direkt Betroffene Licht ins Dunkel bringen, sagt die Mezzosopranistin und Mitbegründerin von artbutfair, Elisabeth Kulman:

Es ist Zeit, den Mund aufzumachen. Nicht nur, um eure schönen Stimmen erklingen zu lassen, sondern auch, um auszusagen gegen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe.
Elisabeth Kulman

Acht offene Verfahren stehen zwischen Gustav Kuhn und Markus Wilhelm an. Eine Versöhnung ist undenkbar. Als Kuhn vor Wochen eine Klage fallen ließ, wertete Wilhelm dies als Schuldeingeständnis. Kuhn hingegen sagte, er wolle Wilhelm nicht finanziell ruinieren. Dieser wiederum hat nicht vor, aufzugeben: "Ich mache immer so lange weiter, bis sich was Substanzielles ändert."

Sendung: "Allegro" am 4. Juli 2018 ab 06:05 in BR-KLASSIK